Noch immer nichts zu lachen

Obwohl sein eigener Autor, Alan Moore, das dünne Büchlein erklärtermaßen nicht besonders leiden kann, ist „The Killing Joke“ eine der wichtigsten Batman-Geschichten aller Zeiten. Je nachdem, wen man so fragt, liegt das entweder an Moores philosophischem Gebrasel über Macht und Moral (das war damals eben so üblich), oder daran, wie einfühlsam und psychologisch klug konstruiert Moores Joker rüber kam. Oder aber – und das ist angesichts der am Wochenende an den Start gegangenen Verfilmung das einzig interessante – weil der Band eine Sexismusdebatte losgetreten hat, die einer ganzen Autoren-Generation nachhaltig in den Arsch getreten hat. Nur bei den Machern des Films ist sie offenbar nicht angekommen. Sie wollten zwar irgendwas besser machen, hatten sie erklärt. Am Ende ist dann aber erst mit ihrer Hilfe eine richtige Vollkatastrophe aus Moores problematischem Comic-Klassiker geworden. „Noch immer nichts zu lachen“ weiterlesen

For fun and „profit“

In eigener Sache: Unser Magazin comickritik.de ist superschlau und pottenhässlich. Letzteres muss anders werden. Wir suchen darum 1 supertolleN WebdesignerIn, der/die uns das schöner und benutzbarer macht. Zum Beispiel könnte die strenge aber im Grunde belanglose chronologische Ordnung durch was schniekeres ersetzt werden, ein Galerie-Plugin rein, das Lebensfreude vermittelt, Bildunterzeilen machbar sein, ein Layout her, das neben großen Texten auch ein Kleinformat für Verweise auf unsere Texte anderswo bietet .. und so Kram halt. Mit WordPress-Themes rumspielen können wir auch, aber vielleicht hat ja wer Bock drauf, der/die das mal systematisch, mit so richtig echtem Sachverstand und vielleicht gar eigenen Ideen angeht?

Es wäre traumhaft! Und weil wir wissen, wie der hippe Markt heute so tickt, zahlen wir: Nichts! Na gut, ein paar Comics rücken wir raus. Und natürlich Links auf euer Zeug. Wer das selber nicht kann oder will, der/die darf diese unterwürfige Bitte dafür gerne teilen – auf Facebook, an der Bar, oder auch in zwielichtigen Seitenstraßen. Danke!

Alle lieben Haifisch

Weil Liebe keinen Preis hat, wie der Heilige Hieronymus in einem Brief an seinen Freund Rufin feststellte, war Anna Haifisch beim Erlanger Comicsalon dieses Jahr leer ausgegangen. Von der Moderatorin bis zur Max und Moritz-Gewinnerin hatten doch alle klar gesagt und bekannt, dass der beste deutsche Comic des Jahres Haifischs Erstling „Von Spatz“, erschienen beim kleinen Kasseler Rotopol-Verlag, gewesen sei. Was ja stimmt. Und dass ihre gerade bei Reprodukt herausgekommenen The Artist-Strips die ganze Community  schon begeistert hat, als sie noch, Woche für Woche, als Comic-Kolummne im Vice-Magazin herauskam. Was ja auch wahr ist.  Ebenso, wie, dass sich alle freuen, dass diese auto- und metierreflexive Serie in eine weitere Runde gegangen ist.

Alle lieben also Anna Haifisch. Und die muss mit dieser Last jetzt leben. Dazu noch den Ruhm eines Preises zu tragen, gleich für das erste, abendfüllende Album – das hätte die Jury der jungen Frau offenbar nicht zumuten mögen. Das ist sehr human. „Alle lieben Haifisch“ weiterlesen

Zehn Fakten über Moebius

1. Moebius heißt eigentlich Jean Giraud (dt. Schorsch Kamerun). Er ist ein französischer Comiczeichner, der aber keineswegs so aussieht, sondern eher wie ein französischer Poststrukturalist oder ein Psychotherapeut, der auch mal barfuß behandelt (dt. Foucault). Er hat erst Comics gezeichnet, in denen die Leute noch normal aussahen, und in denen es eine Geschichte gab.

2. Das waren Westerncomics (dt. Gefreiter Blaubeere). Es guckte aber durch die Landschaft schon der Irrsinn (Farben, Formen). „Zehn Fakten über Moebius“ weiterlesen

Die sture Lok

Emil Zátopek ist in Tschechien Nationalheld. Seine kürzlich als Comic erschienene Lebensgeschichte steht für die Kämpfe, die das Lande im vergangenen Jahrhundert mit Hitler im Westen und Stalin im Osten zu führen hatte. Im Rest der Welt ist Zátopek immerhin eine Sportlegende: 1952 gewinnt der Läufer, von nun an bekannt als „die tschechische Lokomotive“, in Helsinki gleich drei mal olympisches Gold: 5.000 Meter, 10.000 und dann noch im Marathon – seiem allerersten.

Doch weil auch Helden irgendwann das Vergessen droht, wenn man nichts dagegen tut, hat man 2016 zum Zátopek-Jahr ernannt. Auch seine Comic-Biographie, die Jan Novák geschrieben und Jaromír „Jaromír 99“ Švejdík gezeichnet hat, wurde darum vom tschechischen Kultusministerium gefödert. „Die sture Lok“ weiterlesen

Charta gegen den Sexismus

Die im Folgenden erstmals auf Deutsch dokumentierte Charta der Comic-Künstlerinnen gegen den Sexismus des von Lisa Mandel  2013 initiierten,  und inzwischen – Stand Mitte Juni 2016 – auf 221  Autorinnen angewachsenen Colllectif des créatrices de bande dessinée ist kein Endpunkt der Debatte und markiert auch natürlich nicht ihren Anfang.

Aber indem sie für eine unter einer  Mehrheit der stilistisch, künstlerisch und auch politisch sehr unterschiedlichen, sehr individualistischen frankophonen Comic-Künslterinnen konsensfähige Standortbestimmung sorgt, setzt sie auch einen   wichtigen Impuls für die Debatte über die Neunte Kunst.

„Charta gegen den Sexismus“ weiterlesen

Von Katastrophe zu Katastrophe

Unsterblich ist Rodolphe Töpffers Comic-Werk. Und doch kennen es nur die Wenigsten. Als laste ein Fluch auf ihm, geht es immer wieder unter. Dann erreicht es, von Nachzeichnern verstümmelt, von Verlegern vergewaltigt und von Raubkopierern verramscht, ungeahnte Popularität. Es feiert, auf Grundlage derartiger Plagiate, mal als Pop-Song, mal als Musical in den Niederlanden Triumphe –  und wird andernorts wieder vom unerbittlichen Monster, den Zeitläuften verschluckt. Woraufhin es ganz unerwartet, schwer übersetzungsbeschädigt und bereits halbverdaut an fernen Gestaden wieder ans Tageslicht tritt,   in Finnland,  unter falschem Namen  und  nachdem ihm auf dem Weg durch Frankreich, Deutschland und Schweden sämtliche identitätsstiftende Attribute abgenommen wurden. Der Autor kann sich ja nicht wehren: Schließlich ist er am 8. Juni  1846 gestorben, in Zeiten eines allenfalls rudimentären und noch ganz an Ländergrenzen gebundenen Urheberrechts.

Rodolphe Töpffer darf nicht nur nach Einschätzung des Bande Dessinée-Semiotikers Thierry Groensteen als Erfinder des Comics gelten.  Nun ist die Durchsetzung dieses Mediums zumal in Deutschland alles andere als glatt gelaufen.  Und möglicherweise weist deshalb die Geschichte der Rezeption seines Œuvres eine ähnliche Struktur auf, wie die Lebensläufe seiner Protagonisten.  „Von Katastrophe zu Katastrophe“ weiterlesen

Der Mann, der zu viel tratschte

Was bisher geschah. Im Jahr 1995 stirbt Hugo Pratt: Seine „Corto Maltese“-Comics  ließen sich immer als ein Schwanengesang des Machismo rezipieren. Hugo Pratts wilde, ungezähmte Zeichenkunst, die dann doch immer wieder in diese rau-zärtliche Skizzenhaftigkeit ausfranste, die Lakonie des Helden und die lauernde Omnipräsenz raubtierhafter Gewalt machten klar: Diese Gestalt hing den Männlichkeitskonstruktionen Jack Londons  und Lebensentwürfen à la Ernest Hemingway nach. Hier blühten sie noch einmal, ein letztes Mal (und zugleich erstmals) in ihrer ganzen Schönheit, die, weil längst die Moderne ihn überflüssig gemacht und die Maschine den starken Mann ersetzt hat,  die Ahnung des Untergangs in einen staub-goldenen Schimmer hüllte, in dem sich die sonst an ihn gebundenen rassistischen und misogynen Denkmuster in nichts auflösten: Antikapitalistisch, libertär – anarchistisch.

Folgerichtig spielten die Geschichten, die sich sonst nur bedingt für Folgerichtigkeit interessieren, an allen nur erdenklichen Krisenschauplätzen, die nur dieses eine Kriterium erfüllen mussten: Die Weltgegend hatte so abgeschieden und technisch so weit rückständig zu sein, dass an ihr  die Tötung des Gegners noch in guter, alter Handarbeit zu erledigen war.
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In der Talentschmiede

Hamburg ist nicht die auffälligste unter den Comicstädten, aber doch eine der innovativsten – und irgendwie auch die nachhaltigste. Klar, da sind Verlagsgrößen wie Carlsen. Und wenn sich gerade wieder internationale KünstlerInnen zu den Graphic-Novel-Tagen die Klinke des Literaturhauses in die Hand geben, dann weht kurz auch ein Hauch von weiter Comicwelt. Was den Standort aber wichtig macht, ist seine Nachwuchsförderung. Hamburgs Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) ist heute eine Talentschmiede, in der junge KünstlerInnen das Comic-Handwerk nicht nur erlernen – sondern es immer wieder auf den Kopf stellen. „In der Talentschmiede“ weiterlesen

„Er zeichnet genau wie er schreibt“

Herr Schwartz, wie sind Sie selber auf Töpffer gekommen?

Simon Schwartz: Er ist mir tatsächlich erstmals im Studium begegnet – aber nur als Begriff, Rodolphe Töpffer ist gleich: Anfang des Comics. Zeichnungen von ihm habe ich erst später kennen gelernt.

Wie?

Ich bekam eher per Zufall eine Ausgabe aus den 1970ern in die Finger: Die war katastrophal, einmal radikal verkleinert, um mehr als die Hälfte, und dann hatte man eine brutale, schreckliche Schrift in diese Kästchen reingequetscht. Trotzdem haben mich diese Geschichten sofort gekriegt. „„Er zeichnet genau wie er schreibt““ weiterlesen