Der Mann, der die Comics liebte

Manches lässt sich mit Bildern einfach besser sagen als mit Text. Vor allem traurige Sachen. Rautie, einer der produktivsten und bekanntesten Künstler der Independent-Comicszene, hat  Bert Dahlmann gezeichnet, und zwar mit Heiligenschein und auf einer Wolke, und statt einer Harfe oder einer Lyra, die ein Putto zwangsläufig hielte, hat er ihm ein mehrfach kadriertes Blatt in die Hand gedrückt: vier kleinen Quadrate oben, plus – splash! – ein doppelt so großes Panel im Seitenkeller, also richtig mit eigenen Rhythmus und Dramaturgie, so, wie ein guter Strip funktioniert.

Und damit ist auch das Wesentliche mitgeteilt, mit einem Lächeln – obwohl es an Tristesse kaum zu überbieten ist, dass es immer die Falschen erwischt und die besten zuerst: Bert Dahlmann ist tot. Und auch, wer gar nichts weiß, ahnt dank des Bildes: Der am 18. November 1963 geborene Bremer hatte viel mit Comics zu tun. Und er hatte ein engelsgleiches Händchen für dieses faszinierende Bi-Medium, dessen Textbildalchemie alles – Zeit, Raum, Welt und Logik – neu zu ordnen vermag.

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„Von Vögeln zu träumen“

„In der Traumdeutung, wie sie auf dem Balkan Tradition ist, bedeutet von Vögeln zu träumen, dass der Träumende Nachrichten erhalten wird“, erklärt Nina Bunjevac ein Leitmotiv ihrer autobiografischen Graphic Novel „Vaterland“. Meist überbringen die Vögel schlechte Neuigkeiten, Nachrichten von Tod und Verrat, Krieg und Terror und auch in Nina Bunjevacs Werk folgen die Dramen in der Familiengeschichte auf dem Fuße. „„Von Vögeln zu träumen““ weiterlesen

„Der Junge ist dann umgefallen“

„So ein Unglück!“, ruft Irmina aus, als ihr ein Glas Eingemachtes mit lautem Krachen zu Boden fällt. „Das war das letzte Glas! Die habe ich im Grunewald gesammelt, zusammen mit Gregor!“ Ein alltägliches Unglück, das jedoch begleitet wird von einem Erlebnis, das ihre am Küchentisch sitzende Freundin Gerda berichtet: „Juden waren das. Ich habe ihre Sterne gesehen. Einer von denen, ein Junge, der hat sich gewehrt. Der SS-ler hat ihm mit dem Gewehrkolben eins übergezogen. Es hat – richtig geknackst hat das. Der Junge ist dann umgefallen …“ „„Der Junge ist dann umgefallen““ weiterlesen

Feministisch und stilvoll

Vereinbarkeitsprobleme von Familie und Beruf sind für zeitgenössische Superheldinnen eine alltägliche Herausforderung. Jessica Drews, alleinerziehend und beruflich in verantwortlicher Position als Spider-Woman, bringt es in den beiden von Joëlle Jones atemberaubend schick gezeichneten Serienfolgen 6 und 7 auf den Punkt: „Ich bin über Dreißig. Alle anderen sind Kids.“ Ständig muss kurzfristig der Babysitter her. Unterwegs wird Milch abgepumpt und als erstes beim Heimkommen in den Kühlschrank gestellt, zum Ekel der unterdreißigjährigen Co-Heldinnen. In der Welt der Erwachsenen werden dagegen höflich Kampfpausen eingelegt, wenn die Kinder der Gegnerin nach Hause kommen. Und am Ende eines langen Arbeitstages geht es dann doch nochmal los, und der Babysitter wird wieder angerufen. „Feministisch und stilvoll“ weiterlesen

Das Leben im Neoliberalismus

Außerirdische Artefakte landen an Dutzenden Orten überall auf der Welt, dreibeinige Plattformen auf kilometerhohen Säulen. Sie stehen einfach nur da und machen nichts. Die Menschen nennen sie „Bäume“, „trees“. Die Trees, „an denen nichts haftet außer Farbe“, sind vollkommen unzugänglich. Es kümmert sie nicht, was sie beim Landen unter sich zerstören. Ab und an scheiden sie eine ätzende Flüssigkeit aus. Was sie tun oder nicht tun, entzieht sich der menschlichen Wahrnehmung. „Das Leben im Neoliberalismus“ weiterlesen

„Die Gegenwart schon schlimm genug“

Der Sportreporter Eric Friedler berichtete 1946 von einem Kampf Hertzko Hafts in München, das Boxen sei »für viele Überlebende eine Sinnbild neu erwachter jüdischer Stärke und damit ein Symbol für ein zukünftiges Leben in Würde und Freiheit« geworden. Dieser »jüdischen Stärke« des Boxers Hertzko Haft geht eine tragische Gechichte voraus. „„Die Gegenwart schon schlimm genug““ weiterlesen

Fix und Foxi im Krieg

Den 100. Geburtstag von Rolf, eigentlich Rudolf Kauka hat Comickritik nicht gebührend gefeiert. Sein Einfluss ist heute verblasst, er war uns nie lieb, aber Wenigstens nachträglich ist er aber Anlass genug, um auf die Klärung eines biografischen Fakts zu drängen. Während es in der großen Ausstellung im Wilhelm Busch Museum Hannover noch einigermaßen ungenau, wenn auch unbestreitbar wahr, hieß, Kauka habe den Zweiten Welkrieg „überlebt“, lassen sich Stationen dieses Überlebens durch Anfragen auffinden – und diese wiederum aufs Schaffen lenken: Es geht nicht um Denunziation. Aber auch jenseits einer Einschätzung darüber, ob Kauka ein Reaktionär war – wofür vieles spricht – oder ein Neuerer, wäre interessant, zu untersuchen, welche Spuren der Krieg in seinem Beitrag zur Comickunst hinterlassen hat: Er hat ja für Viele in Westdeutschland und Österreich den Blick aufs Medium geprägt. In diesem Beitrag geht es darum, diese Frage aufzuwerfen. „Fix und Foxi im Krieg“ weiterlesen

Linke Buchtage 2017

Vom 16. bis zum 18. Juni finden in Berlin die 15. Linken Buchtage statt – und damit auch eine weitere Ausgabe der von Jonas Engelmann kuratierten Ausstellung „Gerahmte Diskurse“, die wir hier seit einer ganzen Weile schon dokumentieren. Ein langer Satz, aber die Geschichte ist eigentlich ganz kurz: Geht auf die Linken Buchtage und guckt euch mindestens die Ausstellung an. „Linke Buchtage 2017“ weiterlesen

Beziehungskiste mit Leiche

Die zwei „Nekromantik“-Filme sind singulär geblieben. 1987 drehte Jörg Buttgereit den ersten Teil, mit Freunden als Schauspieler*innen, Autoren und an der Kamera. Der Film ist einer der bleibenden Auswüchse der Berliner Super-8-Film-Szene. In der Leidensgeschichte des unglücklichen Leichenfledderers Robert Schmadtke war der Weltbezug des idealtypischen Horrorfilmfans subkutan mitgedacht: eine im selben Maße krawallig-komische wie tieftraurige Erzählung über einen Menschen, der mit den Lebenden nicht klarkommt und deswegen zu den Toten flieht. „Beziehungskiste mit Leiche“ weiterlesen

„Dinge, die sich nie ändern“

»Trotz alledem musst du wissen, Matt, es gibt Dinge, die werden sich leider nie ändern«, sagt ein »alter weiser Kapitän«, der namenlos bleibt, 1879 zu seinem Schiffsjungen Matthew Henson, einem schwarzen Jugendlichen, der aufgrund seiner Hautfarbe von anderen  Besatzungsmitgliedern verprügelt wurde. Henson hatte auf dem Schiff angeheuert, nachdem seine Eltern vom Ku-Klux-Klan an einem Baum aufgeknüpft worden sind – Alltag im Süden Amerikas in der Mitte des 19. Jahrhunderts. „„Dinge, die sich nie ändern““ weiterlesen