Fix und Foxi im Krieg

Den 100. Geburtstag von Rolf, eigentlich Rudolf Kauka hat Comickritik nicht gebührend gefeiert. Sein Einfluss ist heute verblasst, er war uns nie lieb, aber Wenigstens nachträglich ist er aber Anlass genug, um auf die Klärung eines biografischen Fakts zu drängen. Während es in der großen Ausstellung im Wilhelm Busch Museum Hannover noch einigermaßen ungenau, wenn auch unbestreitbar wahr, hieß, Kauka habe den Zweiten Welkrieg „überlebt“, lassen sich Stationen dieses Überlebens durch Anfragen auffinden – und diese wiederum aufs Schaffen lenken: Es geht nicht um Denunziation. Aber auch jenseits einer Einschätzung darüber, ob Kauka ein Reaktionär war – wofür vieles spricht – oder ein Neuerer, wäre interessant, zu untersuchen, welche Spuren der Krieg in seinem Beitrag zur Comickunst hinterlassen hat: Er hat ja für Viele in Westdeutschland und Österreich den Blick aufs Medium geprägt. In diesem Beitrag geht es darum, diese Frage aufzuwerfen. „Fix und Foxi im Krieg“ weiterlesen

Linke Buchtage 2017

Vom 16. bis zum 18. Juni finden in Berlin die 15. Linken Buchtage statt – und damit auch eine weitere Ausgabe der von Jonas Engelmann kuratierten Ausstellung „Gerahmte Diskurse“, die wir hier seit einer ganzen Weile schon dokumentieren. Ein langer Satz, aber die Geschichte ist eigentlich ganz kurz: Geht auf die Linken Buchtage und guckt euch mindestens die Ausstellung an. „Linke Buchtage 2017“ weiterlesen

Beziehungskiste mit Leiche

Die zwei „Nekromantik“-Filme sind singulär geblieben. 1987 drehte Jörg Buttgereit den ersten Teil, mit Freunden als Schauspieler*innen, Autoren und an der Kamera. Der Film ist einer der bleibenden Auswüchse der Berliner Super-8-Film-Szene. In der Leidensgeschichte des unglücklichen Leichenfledderers Robert Schmadtke war der Weltbezug des idealtypischen Horrorfilmfans subkutan mitgedacht: eine im selben Maße krawallig-komische wie tieftraurige Erzählung über einen Menschen, der mit den Lebenden nicht klarkommt und deswegen zu den Toten flieht. „Beziehungskiste mit Leiche“ weiterlesen

„Dinge, die sich nie ändern“

»Trotz alledem musst du wissen, Matt, es gibt Dinge, die werden sich leider nie ändern«, sagt ein »alter weiser Kapitän«, der namenlos bleibt, 1879 zu seinem Schiffsjungen Matthew Henson, einem schwarzen Jugendlichen, der aufgrund seiner Hautfarbe von anderen  Besatzungsmitgliedern verprügelt wurde. Henson hatte auf dem Schiff angeheuert, nachdem seine Eltern vom Ku-Klux-Klan an einem Baum aufgeknüpft worden sind – Alltag im Süden Amerikas in der Mitte des 19. Jahrhunderts. „„Dinge, die sich nie ändern““ weiterlesen

Ruhebewahren für Fortgeschrittene

Man kennt Guy Delisle als Weltenbummler, der haarscharf die Details der Kulturen seziert und dabei keine Scheu hat, arglos wie ein Kind auf Ungereimtheiten zu zeigen. Der Zeichenreporter dokumentierte seine Erlebnisse in Jerusalem, Pjöngjang, Shenzhen und Birma. In seinem aktuellen Werk „Geisel“, das nun in der deutschen Übersetzung vorliegt, fließen keine Selbstporträts aus seiner Bleistiftspitze: Der Franko-Kanadier bringt den Verlauf einer Entführung zu Papier und macht den Leser zum stillen Teilnehmer. „Ruhebewahren für Fortgeschrittene“ weiterlesen

„Alltag in maritimen Grotesken“

Die Comics von 18Metzger transformieren Alltag in maritime Grotesken. Die Strips sind bevölkert von Matrosen, die keine Sekunde still sitzen können, ohne eine neue Geschäftsidee zu haben. Sie haben mobiles Internet, aber keinen Grund, das Haus zu verlassen. Falls doch, begegnen sie der neuen Mitte (an deren BDSM-Abend das Stoppwort »Freiwillige Selbstverpflichtung« lautet) auf ihrem Weg nach unten. „„Alltag in maritimen Grotesken““ weiterlesen

Ein Comic trifft den Nerv der Zeit

Dracula, Doktor Faust, Narzissus: Oft sind mythologische Figuren Personen, deren Nachleben sich von der Biografie emanzipiert hat. Sie sind im Erzählen ihrer Taten zur Inkarnation eines Prinzips transzendiert, während ihre tatsächliche Lebensgeschichte verkümmert. Es ist philologisch interessant, dass es möglicherweise einst einen besonders hübschen Hirtenjungen auf Euböa gegeben hat. Aber für die Idee des Narzissmus hat das jede Bedeutung verloren, ebenso, wie die Blaubart-Sage auch ohne die  Lebensgeschichte des Gilles de Rais oder die dramatisch-literarischen Gestaltungen ohne jede Kenntnis des @realdomjuan auskommen.

Auf besonders eigenwillige Weise gehört Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen in diese Reihe, denn bei ihm entsteht die Distanz zum wahren Leben ja gerade in Anknüpfung an das verbürgte Faktum, dass der Baron von Münchhausen seine Kriegs- und Jagendabenteuer gern und schmuckreich erzählt hat: Gerade im plaudernden Produzieren der narrativen Differenz von Nachleben und Lebenslauf wird er zur globalen Figur, zum Mythos des Mythomanen. Sein erzählerisches Schaffen seiner Selbst ist seine sich in den Paradoxien seiner Geschichten reproduzierendes Wesen.

Flix als Szenarist und Bernd Kissel als Zeichner haben daraus jetzt einen Comic-Roman gemacht. Der ist preisgekrönt und hochgelobt  worden – allerdings mit einem so niedrigen argumentativen Aufwand, dass man sich schon fragt, ob die Zugehörigkeit der Autoren zur deutschen Presse- und Feuilletonblase bei diesem wohlwollenden Kommentieren nicht doch eine Rolle gespielt hat.  Beim näheren Hinsehen erweist sich das Werk nämlich vor allem als ausgesprochen gefällig – und im Setting sogar als problematisch: Es reduziert die globale Figur auf ihre deutsche Herkunft – und unterlegen sie, vielleicht ist das nur ein Versehen, mit einer durchaus nationalistischen Tendenz. Also alles sehr zeitgemäß, leider.

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Ein ganz gleiches Paar

Gerade wenn es um Komik geht, weicht der Comic von anderen erzählerischen Künsten auf bemerkenswerte Weise ab. Die nutzen trivialerweise – nein, trivial ist ein zu hartes Wort. Aber: Mit ungleichen Paaren Komik zu erzeugen, ist in der Literatur und im Film der klassische Weg. Das ergibt bereits eine oberflächliche Sichtung: Bei amazon finden sich zu der Phrase 104 Einträge im DVD/BR-Regal. Die ganze neuzeitliche Literaturgeschichte hindurch lacht man über die Wiedergänger von Sancho Pansa und seinen Herrn.  Dass sich für die neuzeitlichen Komik-Theorien Komik „aus einer überraschend wahrgenommenen Inkongruenz“ ergibt, „die auf unterschiedliche Strukturformeln gebracht wird“ konstatiert völlig zurecht auch das handliche Metzler-Literaturlexikon: „Gemeint ist der Kontrast.“ Das weiß eigentlich jeder: Ohne Sganarelle oder Leporello wäre Dom Juan nur ein Fickmonster, ohne Stan wäre Oliver Hardy vermutlich nur dick. Und ohne seinen Herrn bliebe Jacques der Fatalist eine trübe Tasse.

„Der ästhetische Witz, oder der Witz im engsten Sinne“ ist dagegen laut Jean Pauls Vorschule der Ästhetik „der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert“. Mit Ausnahme derer, die einander gleichen. Im Comic: Ist es genau umgekehrt. Das belegen nun wieder „Kinky und Cosy“, die Nervmädel von Nix, die jetzt auf dem deutschen Markt für Unheil sorgen. „Ein ganz gleiches Paar“ weiterlesen

„Was aus dem autoritären Charakter wurde“

»Im Alter von neun bis vierzehn lernt D. Comics kennen und lieben. Diese Comics sind keine Kunstwerke, jedenfalls nennt sie niemand so, sondern Hervorbringungen der Kulturindustrie, verlegt von einer Firma namens Marvel.« Im Nachwort zu seinem Debüt als Comicszenarist und -Texter singt Dietmar Dath ein Loblied auf die Arbeitsteilung in der Comicindustrie – eine produktive Arbeitsteilung, die auch die Grundlage von »Mensch wie Gras wie« darstellt, der in Zusammenarbeit mit dem Zeichner Oliver Scheibler entstanden ist. „„Was aus dem autoritären Charakter wurde““ weiterlesen

„Dafür auch noch dankbar sein“

»Asylsuchende, die beschleunigte Asylverfahren durchliefen, waren unfairer Behandlung ausgesetzt und wurden häufig in ungeeigneten Einrichtungen inhaftiert«, heißt es unter anderem im Amnesty-International-Report von 2012 über Finnlands Umgang mit Flüchtlingen. Die Graphic Novel des Finnen Ville Tietäväinen, die sich die europäische Abschottungspolitik zum Thema gemacht hat, blickt statt auf die Politik des eigenen Landes auf das andere Ende Europas, auf die spanischen Küste. „„Dafür auch noch dankbar sein““ weiterlesen