Das revolutionäre Subjekt klampft wieder
Sunday, 04. January 2009 19:40
In Oldenburg soll es mal einen Nazi gegeben haben, der - wie die Legende weiß - folgendes auf seinen Rucksack geschrieben hatte: »Die Indianer haben sich nicht gegen Einwanderer gewehrt. Heute leben sie in Reservaten.« Ob es diesen Spaßvogel wirklich schon gegeben hat, bevor die NPD den Spruch an ihr Zielpublikum verschleudert hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall macht die Geschichte Stimmung, wo die altlinken Begeisterung für autochthone Völker im Aufstand noch lange nicht Historie geworden ist. Über »Istrumentalisierung« habe ich schon Flüche gehört, sogar den längst verschalten Spruch mit dem Raub »unserer« Codes habe ich schon vernommen.
Dabei sind die Indianer (im Gegensatz zu den weniger greifbaren native americans) schon lange die Freunde aller Deutschen - auch und gerade derer, die nicht zu »uns« gehören. Früher sind sie in blutsbrüderlicher Eintracht mit Old Shatterhand durch die Landschaft geritten, später standen sie uns als Belastungszeugen zur Seite, als es galt den Holocaust auf der ganzen Welt - nur nicht in Deutschland - nachzuweisen.
Die tatsächlichen Menschen können freilich nicht sonderlich viel für diese Freundschaft. Nicht einmal dann, wenn sie sich von ihren deutschen Brüdern und Schwestern bejubeln lassen, wie es die (Ethno-)Punkband Blackfire seit ihrem ersten Konzert auf dem Tanz- und Folkfest in Rudolstadt immer mal wieder tut. Der Folker berichtet anlässlich ihrer Europatournee über die Band aus »den sogenannten Vereinigten Staaten«, und lässt die Musiker einen softcore-völkischen Quark palavern, wie es außerhalb der Folkszene nur ganz spezielle Menschen tun: Ohne Identität sei alles nutzlos … vielleicht sogar die Musik, die wie ein Gebet Energien zur Heilung produziere … voller Kraft und Schnelligkeit wie bei einem Pferd, das außer Kontrolle sei. (Nachzulesen auf den Seiten 22-23 des Folker 01.09, der spätestens morgen in Bahnhofsbuchhandlung und Musikgeschäft liegen sollte.)
Im Jahr 2002 waren Blackfire für viele Besucher das Highlight auf dem TFF Rudolstadt. Auf zwei Konzerten habe ich vollkommen begeisterte Menschen gesehen, die ansonsten eher weniger Freude an härterer Musik haben dürften. Ein etwas übermotivierter Konzertbesucher ist sogar noch auf die Bühne geklettert, um die Botschaft der Musiker ins Deutsche zu übersetzen. Endlich gab wieder einen Kronzeugen gegen die schreckliche Macht der USA abzufeiern; attraktive junge Menschen im Antiglobalisierungslook, fest entschlossen, das Kriegsbeil gegen die Weltmacht zu erheben. Vielleicht werde ich mir sogar ansehen, was sich über die Jahre getan hat. In Hamburg vielleicht, wo witzigerweise im Museum für Völkerkunde aufgespielt wird.




