Kapitulationen im Wandel der Zeit

Ich war grad auf einem Tocotronic - Konzert und es hat mir da sehr gut gefallen.” Ein einfacher Satz, den viele Geschmackspolizisten scheinbar nicht ertragen können. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, nach irgendeinem anderen Konzert auch nur die Hälfte an Belehrungen, Veralberungen oder ähnlichen Überheblichkeiten vorgetragen bekommen zu haben. Aber sei’s drum - zum Konzert:

Der Bremer Schlachthof war voll, aber nicht ganz ausverkauft. Die Besucher machten einen sehr angenehmen Eindruck, was aber wohl auch daran lag, dass ich nicht die allerbesten Erwartungen hatte. Da waren viele Leute in unauffälligen Klamotten, sehr wenig Suff und fast gar keine Sporttänzer. Textsichere Normalos statt Kunstnerds - ein unspektakulärer Rahmen für eine großartige Musik. Troy von Balthazars Support habe mir direkt vor der Bühne angesehen, bei Tocotronic bin ich lieber durch den Schlachthof spaziert. Mir war zwischendurch nach Distanz, auch wenn ich inzwischen gar nicht mehr sagen kann, warum das eigentlich so war.

Mir ist gestern wieder eingefallen, wie ich Tocotronic kennengelernt habe. Auf der Autofahrt Landdisko -> zu Hause hing ich im Halbschlaf auf dem Rücksitz und aus den Boxen leierte ‘Bitte gebt mir meinen Verstand zurück’. Ich habe mir die Kassette ausgeliehen und überspielt. Was mich damals, vor über zehn Jahren, so begeistert hat, wollte ich gerade auch über das Konzert von Vorgestern schreiben: Das waren traurige Lieder über die Schönheiten der Banalität, manchmal übersensible Wutausbrüche und (auch damals schon) die Aufforderung zur Kapitulation.

Kommentar abgeben: