Archiv für November, 2007

Ernst Jünger ist kein Schlangennest

Mittwoch, 28. November 2007

Einen halben Tag lang Jünger zu lesen, ist ein zweifelhaftes Vernügen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, eine Passage aus ‘Der Kampf als inneres Erlebnis’ auf die Lektüre selbst beziehen zu können:

»Lauschten wir nicht alle als Kinder lange Winterabende unheimlichen Geschichten? Da bebten alle Fibern, man hätte sich in eine sichere Höhle verkriechen mögen und konnte doch nicht genug bekommen. Das war, als ob man, in Schilf und Schlamm verirrt, auf ein Nest gefleckter Schlangen gestoßen wäre und könnte nicht fliehen aus Lust, das scheußliche Geringel zu betrachten.«

… aber dann hat sich doch nichts mehr geringelt. Morgen geht es dann an seine LSD-Texte - vielleicht passiert dann ja nochmal was. Bis dahin nehme ich noch einen Satz aus dem gleichen Text mit nach Hause, der so ganz ohne Kontext direkt mal zu unterschreiben ist:

»An Stätten, wo das Volk gesteigertes Leben sucht, auf jedem Jahrmarkt, jedem Schützenplatz lockt auf bemalter Leinwand das Grauen in grellen Farben.«

Jetzt aber Feierabend und nichts wie raus aus der Bücherhalle …

Das Bekenntnis vor dem Kongress

Dienstag, 27. November 2007

Manchmal ist es wirklich sonderbar, welche Beiträge sich nach ihrer Veröffentlichung als Resonanzmagnet entpuppen. Ich meine weniger die Kommentarfunktion, die leider kaum jemand benutzt, sondern das, was mir gemailt oder über einen Kaffee hinweg zugeraunt wird. Der Hinweis auf den ‘…ums Ganze’ - Kongress und meinen Besuch wäre so ein Fall. Weil ich nicht auf die Idee gekommen bin, auf die innerlinke Diskussion um die Veranstaltung hinzuweisen, wird mir allen Ernstes unterstellt, zum globalisierungsfreindlichen Postmodernisten mutiert zu sein. Mal ernsthaft: Die eine Hälfte meiner Leser liest ihre eigene ‘Jungle World’ und die andere interessiert sich einen Scheiß für linke Stellungskriege (was wahrscheinlich gar nicht mal das Dümmste ist).

Aber wenn es denn ein Bekenntnis sein soll, gibt es meinetwegen eins: Ich bin sehr gespannt auf den Kongress und freue mich auf die Streitereien, obwohl ich weiß, dass Stephan Grigat Recht hat, wenn er Clemens Nachtmann sprechen lässt:

»Eine jede Staats­kritik wird daran zu messen sein, ob sie mit dem Staat Israel, jener prekären Nothilfemaßnahme gegen die antisemitische Raserei, sich bedingungslos solidarisch erklärt, was die Solidarität mit dessen bewaffneter Selbstverteidigung selbstverständlich einschließt. Und jede Kritik am Kapital ist daran zu messen, ob sie, als ihr theoretisches Zentrum, dessen negative Selbstaufhebung in manifester Barbarei als eine wiederholbare Konstellation auf den Begriff zu bringen vermag und zum Angelpunkt der Agitation macht.«

Kotzende Bürger im Staatstheater

Dienstag, 27. November 2007

Yasmina Rezas ‘Der Gott des Gemetzels’ wird seit vorgestern, knapp ein Jahr nach der Uraufführung, auch im Staatstheater Oldenburg gespielt. Ohne ganz tief in die Trickkiste der Interpretatorenschaft greifen zu müssen, lässt sich sagen, dass es um Bürgerlichkeit und Gewalt geht.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Nachdem ein Streit zwischen zwei elfjährigen Jungen mit dem Verlust zweier Schneidezähne endet, treffen sich ihre Eltern zu einem klärenden Gespräch. So wirklich funktioniert das nicht und die betont höfliche Gesprächsrunde ergibt sich langsam in die Eskalation: Es wird gebrüllt, geprügelt und gekotzt - körperlich und psychisch verletzt. Die Inszenierung bleibt dabei, zumindest für den Zuschauer, aber immer lustig. In einer Art “social slapstick” scheitern genau die sozialen Gesprächs- und Verhandlungskonventionen, die den Alltag der amüsierten Zuschauer bestimmen.

Was da passiert, ließe sich auf den ersten Blick als Attacke auf die bürgerliche Gesellschaft lesen, deren Regeln und Ideale nur Kosmetik der drohenden Gewalt (besagter Gott des Gemetzels) wären. Tatsächlich wird mit ausgesprochener Gründlichkeit daran gearbeitet, jede kultivierte Selbstinszenierung der Protagonisten zu dekonstruieren und ihre Widerlichkeit offenzulegen. Die Prügelei der Kinder (deren Hintergrund vollkommen in Vergessenheit gerät und genauso wenig wie ihr Nachspiel erzählt wird) wäre ein erster Akt der Gewalt, der sich dann unter den Erwachsenen widerstandlos reproduziert.

Tatsächlich ist es dann aber doch nicht so einfach. Einerseits zeigt die, laut Wikipedia selbst unter ähnlich kultivierten Verhältnissen aufgewachsene, Autorin den Nutzen der “dünnen Decke der Zivilisation” gerade über ihr Zerreißen. Es gibt keinen Aufruf zum gewaltsamen Bruch mit dem Status quo, nur weil er unehrlich wäre. Im Gegenteil: Bis zur Eskalation wussten die kultivierten Umgangsformen, den Ausbruch der Gewalt ja schließlich zu verhindern.

Noch entscheidender sind aber regelmäßige Verweise auf Darfur. Als Lieblingsthema der Gutmensch-Bürgerin eingeführt, wird an diesem Beispiel gezeigt, wozu der “Gott des Gemetzels” tatsächlich fähig ist. Das demolierte und vollgekotzte Bühnenbild mag von seinen Bewohnern als persönliche Katastrophe wahrgenommen werden; gegenüber dem (im Stück beschriebenen) Horror des Zivilisationsbruches erscheint das Trümmerfeld aber geradezu lächerlich.

Also ein Plädoyer für die bürgerliche Gesellschaft? Ich glaube ja - wenn auch ein selbstironisches, aus dem der Optimismus nicht gerade sprüht. Trotz allem erscheint das permanente Verhandeln als einziger Weg. Klingt nicht gerade gemütlich, ist aber ein angenehm ungewohnter Ton aus dem Konzert des bürgerlichen Kulturbetriebes, wo ein derart aufgeklärt-selbstbewusstes Bild eher selten vermittelt wird.

Es war einmal vor 09/11

Montag, 26. November 2007

Disneys ‘Gargoyles‘ erwachen, nach tausendjährigem Tiefschlaf, mitten im New York der 1990er Jahre. Nach anfänglichen Schwierigkeiten arrangieren sie sich mit ihrer neuen Umgebung, wobei ihnen die Polizistin Eliza behilflich ist:

dance music you can’t dance to

Freitag, 23. November 2007

… gibt’s morgen in der umherziehenden Umbaubar (OL). Die dorntec-EP ‘Reverse Engineering’ macht Vorfreude und ist für lau bei Acedia zu bekommen.

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Der schicke Flyer

Sachliche Poesie der Filmkritik

Donnerstag, 22. November 2007

Erinnert sich noch jemand daran, dass die kurzen Filmbeschreibungen in Fernsehzeitschriften früher artig aus dem ‘Lexikon des internationalen Films‘ zitiert und nicht von Europas härtester Spielfilmredaktion hingeschmiert wurden? Wo sonst hat man derart pointiert auch über den letzten Scheiß geschrieben?

Sexfilm um eine abwegig veranlagte Genossin Oberst in einem sowjetischen Strafgefangenenlager. Nach der Entstalinisierung setzt sie ihr Treiben in einem Bordell in Kanada fort, bis Agenten der UdSSR eigenreifen. Das Ganze endet in einem gräßlichen Blutbad. - Wir raten ab.

… in der Internet Movie Database jedenfalls nicht.

‘No way out?’ - Kongress

Dienstag, 20. November 2007

Das …ums Ganze! - Bündnis hat es zwar nicht vermocht, in Heiligendamm den Kapitalismus zu “smashen”, das Gipfeltreffen aber zumindest vollzählig überstanden. Im Dezember veranstalten sie nun einen Kongress, auf dem zur (innerlinken) Debatte um Theorie zwischen (Post)operaismus und Wertkritik gearbeitet werden soll.

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Ein Flyer … 

Ich habe meine Skepsis vorläufig auf Eis gelegt und werde mich ebenfalls auf den Weg nach Frankfurt machen. Ein Blick auf den linken Diskussionsstand kann nicht schaden, selbst wenn dabei am Ende nur ein paar Impulse für die aktuelle ‘Empire’ - Lektüre rausspringen sollten.

Pulp Nazis Must Die 2½

Dienstag, 20. November 2007

Wer schon ungeduldig auf das ausstehende Finale dieser kleinen Reihe wartet, sollte sich lieber nochmal eine andere Beschäftigung suchen. Mir sind eine hilfreiche Diskussion und ein Filmtipp dazwischen gekommen und beides möchte ich lieber gleich berücksichtigen, anstatt später noch eine ‘… IV’ nachzulegen.

Nah-östlicher Optimismus

Freitag, 16. November 2007

Mit dem Libanon geht’s wieder bergauf - der richtigen Einstellung sei Dank. Die Zeit läuft ab … jetzt!

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Impressionen aus dem ‘Paris des Nahen Ostens

Pulp Nazis Must Die II

Donnerstag, 15. November 2007

Wie ich es gestern versprochen habe, gibt es heute ein paar Ergänzungen zu Tantes Gedanken über die Nazi - Bösewichte in Filmen wie ‘Indiana Jones’ oder ‘Hellboy’. Seine beiden Texte sind die Grundlage, auf der ich zwei bisher ungenannte Aspekte beleuchten möchte.

I Pulp - Nazis im Wandel der Zeit: Der Typus des Nazivillain hat bereits einen langen Weg durch die Popkultur hinter sich, was nicht ganz spurlos an ihm vorbei gegangen ist. Er ist nicht etwa im Rahmen einer erzählerischen Rückbesinnung auf mystifizierte alte Zeiten entstanden, sondern im ausgesprochen akuten Kontext des zweiten Weltkriegs: US - amerikanische Superhelden waren während des so genannten Goldenen Zeitalters der Comics sehr engagiert im antifaschistischen Kampf - insbesondere in der Mobilisierung ihrer Fans für den realen Waffengang in Europa. Aber auch nach Kriegsende blieben die Nazis gern gesehene Gegenspieler diverser Superhelden, bis ihr Platz Anfang der 60er von atomar bewaffneten Sowjets eingenommen wurde.

tannhauser.jpgDiese Comicfiguren sind der eine Elternteil unserer Pulp - Nazis, auch wenn diese (oft auch ironischen) Zitate in Deutschland wohl längst nicht von jedem Kinogänger identifiziert werden können. Spätestens für die (meines Wissens) neusten Pulp - Nazis aus dem Spiel ‘Tannhäuser‘ ist der intertextuelle Verweisraum so engmaschig gestrickt, dass ihre Verbindung zu ‘Hellboy’ als “wirklicher” angesehen werden muss, als die zu ihrem historischen Vorbild. Trotzdem ist festzuhalten, dass sich der fiktive Nazischurke aus einer literarischen Figur entwickelt hat, die schon während des Krieges vorhanden und ausgesprochen populär war.

II Der Hokuspokus echter Nazis: Dass Okkultismus im nationalsozialistischen Deutschland mehr war, als ein mäßig cooles Hobby sinnsuchender Teenager, ist wohl allgemein bekannt. Über die Frage, wie wichtig der Glaube an das Übersinnliche nun tatsächlich war, wird noch immer gestritten, eine große Rolle spielt sie in meinem Zusammenhang aber nicht. Sicher ist jedenfalls, dass Hellboys Zaubernazis und Indys braune Kollegen ihr historisches Vorbild im Ahnenerbe, haben: Den pseudowissenschaftlichen Zulieferern der NS - Ideologieschmieden. Der Wunsch der Nazis, eine historisch - mythische Legitimation für ihr pangermanisches Projekt zu (er)finden und Himmlers magische Phantastereien waren dabei durchaus kompatibel. Die Schnittmenge dieser beiden Denkmuster bietet den Nährboden für allerlei Spekulation; von Hitlers angeblichem Wunsch, den ‘Speer des Schicksals‘ im Krieg einzusetzen, bis hin zu Feldzügen, die unter Berücksichtigung von Ley-Linien geplant worden sein sollen.

Entscheidend ist dabei nicht, ob es diese Pläne gegeben hat, sondern vielmehr, dass sie sich im Bereich des Vorstellbaren befinden. Nicht die Zauberei ist das zweite Element meiner Überlegung, sondern der den Nazis unterstellte Glaube an sie.

Wo Himmlers Hofdruide Wiligut und Captain Nazi dann schließlich zueinander kommen und was ihr Treffpunkt mit Geschichtenerzählen zu tun hat, verrate ich beim nächsten mal. …