Kotzende Bürger im Staatstheater
Yasmina Rezas ‘Der Gott des Gemetzels’ wird seit vorgestern, knapp ein Jahr nach der Uraufführung, auch im Staatstheater Oldenburg gespielt. Ohne ganz tief in die Trickkiste der Interpretatorenschaft greifen zu müssen, lässt sich sagen, dass es um Bürgerlichkeit und Gewalt geht.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Nachdem ein Streit zwischen zwei elfjährigen Jungen mit dem Verlust zweier Schneidezähne endet, treffen sich ihre Eltern zu einem klärenden Gespräch. So wirklich funktioniert das nicht und die betont höfliche Gesprächsrunde ergibt sich langsam in die Eskalation: Es wird gebrüllt, geprügelt und gekotzt - körperlich und psychisch verletzt. Die Inszenierung bleibt dabei, zumindest für den Zuschauer, aber immer lustig. In einer Art “social slapstick” scheitern genau die sozialen Gesprächs- und Verhandlungskonventionen, die den Alltag der amüsierten Zuschauer bestimmen.
Was da passiert, ließe sich auf den ersten Blick als Attacke auf die bürgerliche Gesellschaft lesen, deren Regeln und Ideale nur Kosmetik der drohenden Gewalt (besagter Gott des Gemetzels) wären. Tatsächlich wird mit ausgesprochener Gründlichkeit daran gearbeitet, jede kultivierte Selbstinszenierung der Protagonisten zu dekonstruieren und ihre Widerlichkeit offenzulegen. Die Prügelei der Kinder (deren Hintergrund vollkommen in Vergessenheit gerät und genauso wenig wie ihr Nachspiel erzählt wird) wäre ein erster Akt der Gewalt, der sich dann unter den Erwachsenen widerstandlos reproduziert.
Tatsächlich ist es dann aber doch nicht so einfach. Einerseits zeigt die, laut Wikipedia selbst unter ähnlich kultivierten Verhältnissen aufgewachsene, Autorin den Nutzen der “dünnen Decke der Zivilisation” gerade über ihr Zerreißen. Es gibt keinen Aufruf zum gewaltsamen Bruch mit dem Status quo, nur weil er unehrlich wäre. Im Gegenteil: Bis zur Eskalation wussten die kultivierten Umgangsformen, den Ausbruch der Gewalt ja schließlich zu verhindern.
Noch entscheidender sind aber regelmäßige Verweise auf Darfur. Als Lieblingsthema der Gutmensch-Bürgerin eingeführt, wird an diesem Beispiel gezeigt, wozu der “Gott des Gemetzels” tatsächlich fähig ist. Das demolierte und vollgekotzte Bühnenbild mag von seinen Bewohnern als persönliche Katastrophe wahrgenommen werden; gegenüber dem (im Stück beschriebenen) Horror des Zivilisationsbruches erscheint das Trümmerfeld aber geradezu lächerlich.
Also ein Plädoyer für die bürgerliche Gesellschaft? Ich glaube ja - wenn auch ein selbstironisches, aus dem der Optimismus nicht gerade sprüht. Trotz allem erscheint das permanente Verhandeln als einziger Weg. Klingt nicht gerade gemütlich, ist aber ein angenehm ungewohnter Ton aus dem Konzert des bürgerlichen Kulturbetriebes, wo ein derart aufgeklärt-selbstbewusstes Bild eher selten vermittelt wird.

