No way out? (Jetzt aber wirklich)
Mittlerweile wieder ausgeschlafen, möchte ich nun doch noch etwas mehr Text über den …ums Ganze! - Kongress loswerden. Die Inhalte der Vorträge will ich hier allerdings nicht im Einzelnen wiederkäuen - wer daran Interesse hat, kann sich an der freien Mitschnittsammlung der Keimform bedienen. Ich möchte stattdessen noch mal an die Vorfelddebatte anknüpfen und sammeln, ob und was ich persönlich von der Fahrt hatte.
Nachdem TOP Berlin die Diskussion im Vorfeld des Kongresses vor einigen Wochen eröffnet hat, regnete es Absagen aus unterschiedlichsten Richtungen: Felix Baum hat das Gerede um “Ansätze” mit dramatischem Wink auf die notwendige Bewusstseinsbildung in der Arbeiterschaft abgewatscht, Michael Heinrich hat (deutlich konstruktiver) gegen die Konstruktion des Spannungsfeldes zwischen Postoperaismus und Wertkritik argumentiert und Stephan Grigat (ebenfalls vollkommen zu Recht) an die “vergessene” antideutsche Kritik erinnert. Kurz gesagt: Wirkliche Begeisterung ist nicht aufgekommen und wäre ich nicht gerade anderweitig mit der Demontage der postoperaistischen Schwurbelei beschäftigt, wäre ich sicher ebenfalls nicht gefahren.
Unter den Hamburgern, die mich freundlicher Weise mitgenommen (und meinem iPod sogar streckenweise die Kontrolle über die Beschallung des übervollen Autos überlassen) haben, hielt sich die Begeisterung ebenfalls in Grenzen und wirklich motiviert war am Freitagabend keiner mehr. Als die “ausreichend vorhandenen” Schlafplätze dann plötzlich nicht mehr verfügbar waren, habe ich mich mit einigen (antideutschen) Antifas aus Hamburg und Wien in der seit ewig und drei Tagen besetzten Au einquartieren lassen, wo man Israelfreunden vor ein paar Jahren noch mit geballter Faust begegnet ist. Wenn schon Feldstudien in Linksradikalogie, dann auch richtig. Die unterhaltsamste dieser persönlichen Geschichten (übrigens alle miteinander ergiebiger, als die Inhalte des Kongresses) war meine Irrfahrt durchs nächtliche Frankfurt - in einem Auto mit sieben Antifas aus Österreich, unserem Gepäck, einem Müllsack voller Weihnachtsmannmützen und ohne einen Hauch von Orientierungssinn. Das wäre dann auch die positive Seite des Wochenendes: Ich habe einige nette Bekanntschaften gemacht, ein paar interessante Geschichten aus der Wiener Szene erzählt bekommen und mich mal wieder daran erinnern lassen, warum ich mich damals von der linken Szene verabschiedet hatte.
Die Vorträge und Diskussionen waren - wie schon gesagt - nicht sonderlich ergiebig, was aber auch den Zusammensetzungen der Podien lag. Die gewünschte Konfrontation von Postoperaismus und Wertkritik ist zur kuscheligen Suche nach Gemeinsamkeiten verkommen. Ergebnis: Beide sehen im Zusammenbruch des Fordismus eine Krise des Kapitals, interpretieren sie aber unterschiedlich. Die Einen betreiben Formenanalyse unter Ausblendung gegenwärtiger Kämpfe, die Anderen machen das Gegenteil - fertig. Insgesamt ist mir wenigstens etwas klarer geworden, was “die Postoperaisten” eigentlich wollen und wie sie ‘Empire’ lesen. Dazu aber mehr beim Lesekreis. Das Publikum hat übrigens nicht den Eindruck gemacht, als würde sie der konstruierte Konflikt irgendwas angehen. Der Postoperaismus wurde vielleicht etwas häufiger beklatscht, aber das kann natürlich auch an seiner schwungvollen Art gelegen haben. …
Hervorzuheben wäre noch Ingo Elbes Vorwurf in Richtung Wertkritk (ausdrücklich nicht nur der antideutschen). Es wäre spannend gewesen, einen der ohnehin anwesenden Wertkritiker, auf die Vorwürfe reagieren zu lassen. So war es einfach nur eine Wiederaufnahme der Prodomo-Debatte, die mir nicht Neues gegeben hat. Nach wie vor sehe ich zwar, was er mit dem Mystizismus der Wertkritiker meint, kann die Relevanz dieser Erkenntnis aber nicht bewerten.
Insgesamt lässt sich jedenfalls sagen, dass Michael Heinrich Recht hatte und die Konstellation Wertkritik vs. Postoperaismus dem Spektrum nicht gerecht wird und die allgemeine Diskussion diesen Rahmen nicht verlassen konnte. Besonders düster steht es um den Stand der antideutschen Kritik in der Bewegungslinken. “Baseballschläger gegen Antisemiten” - T-Shirts, Raven gegen Deutschland und gelegentlich sogar mal ein Button mit Israelflagge an der Mütze, scheinen zwar endgültig und unwidersprochen im Antifa-Lifestyle angekommen zu sein, die theoretischen Grundlagen sind aber nicht zur Sprache gekommen. Zum Ende der Podiumsdiskussion ‘Staat, Recht und Politk’ kam zwar eine vereinzelte Nachfrage, wie es sein könne, dass Israel und die Frage nach seinem Schutz in dieser Debatte vollkommen ausgeklammert wurde, eine Antwort blieb aber aus. Dass Norbert Trenkle (Krisis) den antisemitischen Konkretionswahn behandelt hat, ist zwar sehr zu begrüßen, aber längst nicht genug. Da sich unter den Rednern gleich einige ausgesprochen lautstarke Gegner der Antideutschen, diese selbst allerdings gar nicht befanden, ist das aber vielleicht auch nicht weiter verwunderlich.
Außer mir waren noch da: ‘Emanzipation oder Barbarei‘ und Schorsch, die sich der einzelnen Voträge genauer annehmen und Phex, der ebenfalls mehr Freunde am “Event” als an den Inhalten hatte.


Dezember 12th, 2007 19:11
[…] Walgesang, steffentreffen, Phex Weblog - Parolen und Bekenntnisse, Emanzipation-oder-Barbarei, und karwan-baschi wissen zu berichten wie es war, oder gewesen sein […]
Dezember 13th, 2007 00:58
Also ich hatte ja beim Herrn Elbe tatsächlich das Problem, das ich nicht verstanden habe, was er da macht. Je länger ich drüber nachdenke, desto unhaltbarer erscheint es mir. Aber ich hatte in der Situation (und letztlich noch immer) tatsächlich arge Probleme, die vielen Ebenen zu sortieren, auf denen er argumentiert hat. Aber vielleicht gibts da ja im Nachklapp demnäxt noch mal ne Auseinandersetzung mit…
Dezember 13th, 2007 15:18
zumindest ein teil der crisco-connection war auch da und teilt - obwohl irgendwie in die veranstalterrolle mitreingerutscht - deine kritik mehr oder weniger. beim nächsten mal wird alles besser.
Dezember 13th, 2007 16:22
@Juli: Unhaltbar kam mir die Kritik nicht vor. Ich bin nur nicht sicher, ob der etwas holprige ISF-Reflex mit dem Studentenfutter nicht vielleicht trotz allem ins Schwarze trifft: Ist die Wertkritik im Kern mystizistisch (also “falsch”), oder ist das wirklich nur Marxologie? Ich behalte das mal im Hinterkopf und kümmere mich irgendwann darum. …
@keta minelli: Ich meinte doch, eine Kufiya feigale im Publikum entdeckt zu haben. Meine war leider noch nicht einsatzbereit… Was den nächsten Kongress angeht, bin ich gespannt. Ob ich allerdings wirklich noch mal fahre, weiß ich nicht.
Dezember 13th, 2007 18:55
Schöne Grüße!
bin gerade über classless blog auf deinen Gestoßen, hatte den namen deines Blogs leider vergessen!
Dezember 15th, 2007 01:15
Erstmal finde ich das es tatsächlich viel am Kongress zu kritisieren gab, aber die beiden folgenden Sätze fand ich da dann doch nicht treffend:
“Zum Ende der Podiumsdiskussion ‘Staat, Recht und Politk’ kam zwar eine vereinzelte Nachfrage, wie es sein könne, dass Israel und die Frage nach seinem Schutz in dieser Debatte vollkommen ausgeklammert wurde, eine Antwort blieb aber aus”
Ja denn mehr vom Thema weg geht nimmer!
“[…]Stephan Grigat (ebenfalls vollkommen zu Recht) an die “vergessene” antideutsche Kritik erinnert.[…]”
(total aus dem Kontext gerissen, aber ihr wißt schon)
Ja total berechtigt, weil wenns den Leuten wirklich ums Ganze ginge würden sie mehr über den Iran diskutieren …… ohne Worte :p
Nächstes mal wird bestimmt alles besser
Dezember 15th, 2007 02:22
witzig wen man so nach´m kongress wieder findet ^^
ich war mit im besagten terror-auto und komme eher nicht aus wien
Dezember 15th, 2007 09:38
Stimmt, da war ja noch jemand ohne Akzent. Ich muss in dem Knäuel wohl die Übersicht verloren haben. Hallo!