»Osnabrück ist nicht Berlin«
Weil ich gestern ohnehin reisen musste, habe ich mir eine kurze Pause in Osnabrück erlaubt und den, gestern noch kurzfristig angekündigten, Vortrag »Oldenburg ist nicht New York« besucht. Anja Worm und Peter Siemionek sprachen über die Verstrickungen von Antiamerikanismus und Antisemitismus im kulturgeschichtlichen Überblick und anhand der ver.di-Broschüre »Finanzkapitalismus«. Eingeladen wurden die “Antideutschen” vom AStA der Uni Osnabrück (was ich - als Oldenburger - schon recht bemerkenswert finde).
Im ersten Vortrag hat Anja Worm eine überblickshafte Geschichte des deutschen Antiamerikanismus vorgelegt. Von irrsinnigen Biologen und Völkerkundlern, die im 18. Jahrhundert noch wussten, dass allein das Betreten amerikanischen Bodens körperliche Degeneration zur Folge haben müsse, hat sie gesprochen. Außerdem von Karl May, der mit der blutigen Brüderschaft des indianischen Winnetou und des deutschen Old Shatterhand bereits das edle Vorbild antiimperialistischer Völkerfreundschaft gezeichnet hat. Ansonsten gab es ein großes Sammelsurium antiamerikanistischer Stereotype, die den Lauf der Zeit größtenteils unbeschadet überstanden haben.
Den antisemitischen Gehalt antiamerikanistischer Vorstellungen hat Peter Siemionek dann im zweiten Teil analysiert und sich dabei nah am Fallbeispiel der besagten Veröffentlichung von ver.di orientiert. Heuschrecken, personifiziertes Kapital, Verräter am Volkskollektiv - das volle Programm. Ich hätte mir gewünscht, dass hier deutlicher über ver.dis eigene Gegenbroschüre »Mensch, denk weiter!« (gekürzt auch in den aktuellen Konkret zu finden) hinaus gegangen worden wäre. Dass “sie hatten sicher nichts Böses im Sinn” zu nichts und wieder nichts führt, wurde zwar gesagt, die dringende Notwendigkeit weitergehender Kritik aber nicht weiter begründet.
In der Diskussion verschaffte sich dann auch breites Unverständnis Gehör. Eröffnet mit einem lautstarken Schwachsinn über sozial gerechte Kapitalismen, die vor anderen zu verteidigen seien, wurde gleich mehrfach nicht verstanden, dass Antisemitismus sich auch außerhalb eines Pogroms gegen Juden zu manifestieren weiß. Darin findet sich wohl auch die größte Schwäche des zweiten Teils: Als Einführung in die Wahnwelt des modernen Antisemitismus hat er offensichtlich nicht funktioniert, “Fortgeschrittenen” konnte er aber kaum mehr leisten, als ihnen ein ekelhaftes Beispiel des Irrsinns zu zeigen und fachgerecht zu zerlegen.

