Sibylle Berg über Neider
Während ich der Völlerei gefrönt habe, hat sich Sibylle Berg einer anderen Todsünde (oder richtiger: einem anderen Hauptlaster) angenommen: dem Neid. ‘Beim Mümmeln der Mandarine‘ heißt der Text, den sie vor ein paar Tagen in der taz veröffentlicht hat und wenn auch zu sonst nichts, kann man ihn immerhin als Beispiel für ein zünftiges “Ich hab’ ja nichts gegen Heuschrecken, aber …” gebrauchen.

Haben …
Es geht unspektakulär los: Neid ist so relativ, wie der Reichtum, auf den er schielt. Manche gieren mehr als andere und wer ganz unten ist, tut das vielleicht mit mehr Recht als jemand anderes. Immerhin müssen einige antibürgerliche und lustfeindliche Feindkonstruktionen dran glauben und wir dürfen sogar ein paar dieser Reichen kennenlernen, die wir nicht hassen sollen, weil sie tatsächlich nur Menschen sind. In Zeiten von “Heuschrecken” gehört das wohl tatsächlich zu der Art von Selbstverständlichkeit, an die immer mal wieder erinnert werden sollte.

… oder nicht haben! </flachwitzillu>
Die Erkenntnis, dass diese Leute in erster Linie trotz ihres Reichtums irgendwie auch Menschen sind, bricht sich schließlich beim “Reichentypus Ackermann” Bahn: Die Anzüge scheißen sie sich voll, weil sie vor Daueranspannung den Schließmuskel nicht kontrollieren können. Roboter ohne Demut vor dem Tod sind sie, jawohl! Da kommt der Kapitalismus also doch noch zu seinem hassenswerten Gesicht, der verunsicherte taz-Leser kann wieder aufatmen und das ganze Gerede vom Menschen kann getrost als verstandene Ironie abgehakt werden.
“Luxus für Alle!” ist der finale Gedanke, aber obwohl mich das eigentlich freuen sollte, bin ich verunsichert. Wer weiß schon, wie der kleine Luxus von Leuten aussieht, die sich an demütigenden, vollgeschissenen Anzughosen aufgeilen? Wahrscheinlich würden sie es sich auch gerne einmal gönnen, der Heuschrecke so richtig die Fresse zu polieren.
Ich will nicht anmaßend herumpsychologisieren und irgendjemandem erklären, was Frau Bergs Motive hinter diesem - immerhin künstlerischen - Text gewesen sein könnten. Es reicht vollkommen, darüber nachzudenken, wie er wohl gelesen worden sein wird, wo man die taz abonniert hat und die Linkspartei wählt.


