Zitierter Suff im Klassenkampf

Es bleibt weiterhin ruhig hier, während ich abarbeite, was sich in den letzten Monaten so angestaut hat. Das Ende ist inzwischen allerdings wenigstens in Sichtweite. Unterhaltsames am Rande gab es heute in Manfred Hübners Zwischen Alkohol und Abstinenz:

Aus Anlaß des 1. Mai 1904 beschäftigte er [Der abstinente Arbeiter] sich mit den drei »Großmächten«, der »Allianz von Kapital, Kirche und Kneipe«. Da hier nur der Ausschank von Alkohol als Funktion der Kneipe gesehen wurde, schlußfolgerte der Verfasser des Artikels, »daß auch die Kneipe ein Machtmittel des Kapitalismus ist«, denn jede »Kneipe ist ein Herd des Siechtums, aus jeder Spritbrennerei und Brauerei fließt ein Strom von Gift über das deutsche Volk«. Auch wenn der Artikel mit der Forderung, den »ersten Maientag … ohne Betäubung unter der roten Fahne« zu feiern, abschließt und damit ein allgemeines Interesse der Arbeiterschaft formuliert, wurde doch andererseits mit der radikalen und einseitigen Verketzerung der Kneipe ein wesentliches Element proletarischer Organisationskultur in Frage gestellt.

»Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!« … und wird es auch nicht werden.

4 Kommentare zu “Zitierter Suff im Klassenkampf”

  1. Laura
    Februar 28th, 2008 18:14
    1

    Gift über das deutsche Volk

    uff. Flashback (und event. ein bisschen off topic): Im Zuge meiner Magarbeit wurde ich (nebenbei) auch mit der unschönen Tradition der Eugenik und ‘Rassenhygiene’ der ArbeiterInnenbewegung konfrontiert. Kein schönes Kapitel – und (leider) bislang kaum erforscht (soweit ich weiß); und wenn, dann finden sich an allen Ecken und Enden so Bemerkungen wie: ‘Ja, echt beschissen, aber im Gegensatz zu den Nazis wollten sie doch nur Gutes tun.’ Ahja.

  2. Paule
    Februar 29th, 2008 02:42
    2

    Kannst Du mir dazu vielleicht mal einen Literaturhinweis geben? Ich habe eigentlich auch gerade nach linker »Volksgesundheit« gesucht, als ich eher zufällig an dem Abstinenzlerschmu hängen geblieben bin.

  3. Laura
    Februar 29th, 2008 08:48
    3

    Mocek, Reinhard (2002): Biologie und soziale Befreiung. Zur Geschichte des Biologismus
    und der Rassenhygiene in der Arbeiterbewegung. (= Philosophie und Geschichte der
    Wissenschaften, Bd. 51) Frankfurt/Main u.a.: Peter Lang Verlag.

    Ganz wichtig: Goldscheid – Initiator der Deutschen Gesellschaft f. Soziologie, der die ‘Menschenökonomie’ begründete. Hier eine Diplomarbeit dazu

    Korontin, Ilse (2004): „Bemerkungen über Rassenhygiene und Sozialismus“. Oda Olberg-
    Lerda, die eugenische Bewegung und ihre Rezeption durch die Linke. In: Ingrisch, Doris /Korotin, Ilse / Zwiauer, Charlotte (Hg.): Die Revolutionierung des Alltags. Zur
    intellektuellen Kultur von Frauen im Wien der Zwischenkriegszeit. Frankfurt/Main u.a.:
    Peter Lang, S. 101-119.

    Für Österreich wichtig ist noch Julius Tandler (ob seine Anschauung auch in D Verbreitung fan, weiß ich nicht). Tandler unterscheidet zw. produkiven/lebensswertem Leben und unproduktivem/lebensunwertem Leben – unter die zweite Kategorie fallen zB ‘Irre’. Er plädiert dann für die Sstreichung aller Sozialtransfers für zweite Gruppe, weil die eh nur die Gesellschaft belasten.

    Am Rande streift auch Planert die linke Bevölkerungspolitik in ihrem Text: Planert, Ute (2000a): Der dreifache Körper des Volkes: Sexualität, Biopolitik und die
    Wissenschaften vom Leben. In: Frevert, Ute (Hg): Geschichte und Gesellschaft,
    Themenheft „Körpergeschichte“, Heft 4/2000, S. 539-576.

  4. Paule
    Februar 29th, 2008 14:00
    4

    Danke! :)

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