»Neoliberal« und Spaß dabei

Aus irgendeinem Grund habe ich gestern im fortgeschrittenen Rauschzustand angefangen, den allseits beliebten Neoliberalismusvortrag vom Freien Sender Kombinat halbgar nachzureferieren. Überraschenderweise wurde ich schon bei der Eingangsthese (neoliberal sei man heutzutage nur noch laut fremder Zuschreibung, weil der Begriff längst zum reinen Platzhalter für alles geworden sei, was linken Pseudotheoretikern nicht in den Kram passe) eines Besseren belehrt. Es gibt angeblich junge Erfolgsmenschen, die sich das Etikett neoliberal™ im onanistischen Akt selbst anheften. Dass sie höchst wahrscheinlich nicht wissen, wovon sie eigentlich reden, macht die Sache nur noch verwirrender:

Genau wie ihre linken Couterparts meinen diese Yuppie-Karikaturen nicht den historischen Neo- oder Ordoliberalismus, sondern das herbeiphantasierte Schreckgespenst eines “entfesselten Marktes”; sie pflegen des Staatsfetischismus sozusagen mit Vorzeichenwechsel. Aber warum? Ist das der peinlich-ödipale Versuch einer Gegenidentifikation im Gerangel mit den übermächtigen 68ern? Doch wieder nur die blinde Identifikation mit dem falschen Ganzen? Das Abfeiern des harten Wettbewerbs, in dem sie es ganz ohne fremde Streicheleinheiten geschafft haben?

Ich schließe meine große Klappe und wundere mich im Stillen weiter. Gelernt habe ich bisher immerhin schon zwei Dinge:

  • Bad Guy sein macht nicht zwangsläufig sexy.
  • Auch auf den Kopf gestellt, lässt sich mit den windelweichen Begriffen der Mainstreamlinken noch ordentlich Rambazamba machen.

4 Kommentare zu “»Neoliberal« und Spaß dabei”

  1. I wanna spend all your money...
    March 19th, 2008 21:31
    1

    Niemand will regierende Märkte … …

    … für sich. Nur für die anderen. Manchmal.

    Wie Paule schon schrieb gab es gestern so einiges an Dialog von ihm, Pascal, Ron und mir zum Thema Neoliberalismus.

    Was dabei schnell heraus kam war, wie unterschiedlich doch die Definitionen von Ne…

  2. Jakob
    March 20th, 2008 18:39
    2

    Neoliberal sein wollen geht ja noch. In meiner zarten Jugend, als ich noch in der Fußgängerzone Flügblätter gegen den Kapitalismus verteilte, sagte einmal ein junger Mann zu mir: “Nein danke, ich bin überzeugter Kapitalist.” Da hätte ich ihn im Rückblick doch gerne darauf hingewiesen, dass Überzeugung nicht reicht zum Kapitalisten, sondern dass es da auch noch Eigentum an Produktionsmitteln braucht … von daher ist die diffuse selbstbezeichnung als neoliberal ja immerhin noch Kennzeichen einer - eben diffusen - Haltung.

  3. Vlaic
    April 21st, 2008 15:45
    3

    Was doch die Frage aufwirft, wie man jemanden bezeichnet, der stets für Kapitalismus, offene Märkte etc. ist. Kapitalisten sind es seltener, denn diese wiegeln ab und machen auf Menschenfreund, um nicht allzu viel Neid zu erzeugen.
    Soweit ich das Mitbekommen habe, besteht die junge FDP aus jenen Menschen, die selbst gerne zu denen gehören würden, es aber nicht sind, und so lange in Cafes abhängeng, in ihren schicken Anzügen oder sich die Zeit mit auf Pump gekaufte Sportwagen vertreiben. All zu oft ist mir dieser Stereotyp begegnet. Manch einer mag sagen, wie unsymphatisch. Aber die Tragik in deren Gestalt macht sie doch nahbar.

  4. Paule
    April 21st, 2008 19:43
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    Ich glaube, die selbsternannten Neoliberalen von oben gehören auch in diese Gruppe. Den Topfdeckel-Begriff habe ich allerdings auch nicht. Wenn ich ihn mal brauchen sollte, denke ich wieder darüber nach.

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