Weltoffenes Rudolstadt

Ein Pfarrer flieht mit seiner Famile aus Rudolstadt (Thüringen); wegen rassistischer Übergriffe [via]. In der Stadt erinnert man sich an Mügeln und fürchtet nun um das Image, dem es bisher so gut ergangen ist. Ich kenne die Stadt, weil ich seit Jahren, trotz muffiger Uncoolness, auf das große Tanz- und Folkfest fahre:

Hat man die Auftaktveranstaltung mit ihren Trachtengruppen erfolgreich verpasst, kann man trotz Multikulti-Kitsch gute Musik hören und ein paar nette Tage verbringen. Spätestens am zweiten Vormittag haben sich die Nazis aus der Innenstadt verzogen und die Bürger raunen einem ihre rassistische Scheiße höchstens hinter vorgehaltener Hand über die Ladentheke hinweg zu.

Es bleibt am Ende aber dennoch ein fauler Kompromiss, den der Festivalbesucher eingehen muss. Dass die Folkszene bei ihrer Begeisterung für das Volkstümliche, keine gemeinsame, antifaschistische Position bezieht, wundert vermutlich niemanden. Wie es um ihren Antirassismus bestellt ist, weiß ich nicht, weil die Probe aufs Exempel bisher ausgeblieben ist - erfreulicher Weise.

Es bleibt jedenfalls ein sonderbares Nebeneinander von angereisten Freunden der so genannten Weltmusik und einem kleinen Teil ihrer Gastgeber, der sich offen rechtsradikal gibt. Ein Randphänomen, wie gesagt; aber eines, das nur übersehen kann, wer es auch übersehen will.

In diesem Jahr ist Israel das musikalische Schwerpunktthema des Festivals und ich bin sehr gespannt, wie sich diese Wahl auf die “politische Stimmungslage” des Festivals auswirkt. Familie Neuschäfer wird dem Fest vermutlich fern bleiben und es bleibt, ihr herzlichst zu wünschen, dass sie es schafft, den Terror der weltoffenen Kleinstadt hinter sich zu lassen.

Nachtrag: Im Forum der Festivalseite wird ausführlich der Fall ausführlich diskutiert. Nachbarn der Neuschäfers melden sich zu Wort und so weiter. Angucken, wenn’s interessiert. Auch in Sachen Israel ist man dort einfallsreich:

»Ist Palästina im Länderschwerpunkt “Israel” auch mit inbegriffen? Wenn nicht, wäre es nicht mal die Chance (natürl. LEIDER nur im kleinen Rahmen) gewesen über die Kultur, eben das TFF, einen Beitrag “VERSTÄNDIGUNG” für den ewigen sehr schwierigen, sinnlosen beidseitigen Konflikt zu leisten. Das Künstler aus beiden Gebieten sich mal “Luft” machen können, sich verständigen und uns die Problematik näher bringen. Das was ja leider die Politik auf beiden Seiten in der verfahrenen Sache nicht schafft.«

5 Kommentare zu “Weltoffenes Rudolstadt”

  1. schildkröte
    April 10th, 2008 19:26
    1

    hey, cool da bin ich auch immer. mir gehts da genau wie dir… letztes jahr war ich da, mit einer amerikafahne auf dem rücken… ich hätte fest von einem wildgewordenen hippiemob auf die schnauze bekommen, war echt derbe gruselig…
    vllt. trifft man sich ja mal!

  2. Paule
    April 11th, 2008 02:25
    2

    Meinetwegen gerne! Meld Dich einfach kurz über Email oder IM, wenn Du Pläne für dieses Jahr hast. Ist vielleicht einfacher, als Dich über Fahnen oder blauen Flecken zu erkennen.

  3. Auch ein Rudolstädter
    April 13th, 2008 00:09
    3

    Warum werden immer 3 Tage TFF angeführt, wenn’s um die Fremdenfreundlichkeit meiner Stadt geht? Das Jahr hat 365 Tage! Wenn wir nicht mehr an Gegenargumenten zu liefern haben, zeigt sich doch, dass etwas dran sein muss an der Sache. Warum steht denn kein Dunkelhäutiger meiner Stadt auf und erklärt, er könne sich das alles gar nicht vorstellen? Weil es wahr ist, was die Familie erlebt hat. Siehe den TAZ-Beitrag: http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/eine-stadt-findet-schuldige/?src=ST&cHash=0b4bf401d7&type=98
    Es ist eine Sauerei, jetzt die Familie zu diffamieren, die ich als sehr aufgeschlossen und mutig erlebt habe. Warum wird jetzt die Familie beschuldigt - ohne Beweise?
    Ich schäme mich für meine Stadt. Und was sind das für Nachbarn, die einen öffentlichen Brief schreiben und dabei noch nicht mal den Namen des Vaters richtig schreiben. Das muss ja wirklich eine tolle Freundschaft gewesen sein …

  4. schildkröte
    April 13th, 2008 20:57
    4

    @karwan: jo, ich schreib dir mal…

  5. Zurück aus Rudolstadt | Karwan Baschi | Paules Blog
    July 8th, 2008 12:57
    5

    [...] geschafft. Der Anonymus, der mich und »solche wie mich« per Email ausgeladen hat, nachdem er meinen Kommentars zum “Fall Neuschäfer” in der Bahamas zitiert fand, hat also noch einmal Gnade walten lassen. Vielen Dank [...]

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