Die Spaßbremse im Kopf
Überall wird gefeiert. Am 8. Mai sogar in der oldenburger Fußgängerzone, wo die Kapitulation Deutschlands bei Sekt und Muffins in Alliierten - Zuckerguss - Design gefeiert wurde. Ich war leider nicht dabei (wüsste aber wirklich gerne mal, wer sich diesen Spaß erlaubt hat). Mein Kalender ist angefüllt mit ‘60 Jahre Israel‘ - Veranstaltungen; vom DIG-Straßenfest in Hamburg über das öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm bis zu den Folkern in Rudolstadt.
Es ist zwar keine große Überraschung, dass die Kapitulation Deutschlands und das Bestehen des israelischen Staates nicht alle Menschen in Feierlaune zu versetzen vermag - die verhältnismäßige Ruhe aus dem Lager der Antisemiten und ihrer friedensbewegten Freunde hingegen schon. Mag sein, dass es einige Gregor Gysi und seiner »Staatsräson« gleich tun und aus den falschen Gründen das Richtige tun (nämlich ihre Klappen halten), vielleicht sind es aber auch nur meine überzogenen Erwartungen an den Aufstand der Wahnsinnigen, die gerade enttäuscht werden. Wie auch immer. Eigentlich wollte ich über jene schreiben, die ihre Klappen gerade nicht halten und uns in einem offenen Brief erklären, warum es nichts zu feiern gebe:
»In short, celebrating “Israel at 60” is tantamount to dancing on Palestinian graves to the haunting tune of lingering dispossession and multi-faceted injustice.«
Mit Augusto Boal und Judith Butler sind gleich zwei “Helden” meiner düsteren Zeit auf der gymnasialen Oberstufe unter den Unterzeichnern und ich frage mich ernsthaft, wie viel dämlichen Mist ich damals eigentlich ungestraft in die Gegend erzählt habe. Ich weiß, dass niemand mehr Lust auf diese »Jaja, ich war auch mal so ein Linker« - Texte hat und ich möchte auch auf etwas anderes hinaus: Den größten Unfug habe ich mir nämlich nicht selbst ausgedacht, sondern ganz normal im Unterricht gelernt - wie alle anderen auch.
- Boals »Unsichtbares Theater« und meine antiimperialistische Interpretation - eine 1 im Fach ‘Darstellendes Spiel’
- Ein hemmungslos menschenverachtender Aufsatz über die westlichen »Missinterpretationen des Kopftuches im Islam« - eine 1 in ‘Werte und Normen’
- Mein Referat über die »völkerrechtswidrigen Kriege des Zionismus« - eine 1 im Leistungskurs Politik (meine einzige, glaube ich)
Und all diese Erfolge als staatlich geprüfter Vollidiot auch noch in Rebellenattitüde mit Wursthaaren, Marihuana und (größtenteils ausgedachten) Demogeschichten. Ich habe keine Ahnung, warum mir das gerade heute in den Sinn kommt. Vielleicht ist es meine Verwirrung über die angeblich Israel-solidarischen Nazis oder eine ganz banale Schilddrüsenunterfunktion.


May 16th, 2008 13:10
Danke für den Hinweis auf die israel-solidarischen Nazis. Mit dieser Variante Nasen vor Augen hat die Vorstellung ihren Schrecken ja auch sofort wieder verloren.
May 16th, 2008 19:31
Zu dem offenen Brief: Es gibt unter den UnterzeichnerInnen übrigens keine Person, die in Israel lebt, sondern nur welche aus “Occupied Palestine”. Und damit keine Missverständnisse auftauchen bezüglich besetzte Gebiete, gibt es auch noch solche aus Palestine ohne Occupied. Und die realen Wohnorte sind dann auch Haifa oder Tel Aviv.
May 16th, 2008 20:14
also wenn du am sonntag beim rathaus und dem kinderfest bist, sieht man sich da! wie siehts aus mit den filmtagen? mein schlafplatz-angebot steht
May 17th, 2008 21:04
Ob ich morgen fahre, weiß ich noch nicht. Werd’s vom Wetter und der “Länge” des heutigen Abends abhängig machen.
Wegen der Filmsache maile ich Dir noch, wenn ich weiß, wer noch mit will und so weiter. Hab Dein Angebot jedenfalls noch (dankend) im Kopf.
May 18th, 2008 12:20
Ach ja, all die finsteren Vergangenheiten immer! Wer hatte die nicht … solange die Vergangenheit nicht bis in die Gegenwart reicht.
Was Judith Butler angeht, die hat sich ja schon anderweitig als Unterzeichnerin von Israel-Boykott-Erklärungen hervorgetan. Als sie dafür kritisiert wurde, hat sie gleich eine Stimmung des “Denkverbots” ausgemacht und erklärt, dass die Israelhasser ganz offensichtlich keine Antisemiten sind, sondern eben nur “Kritiker Israels”, und dass die Rede von Antisemitismus eine ganz bösartige Unterstellung sei. Selten absurd, dass die Autorin von “Hass spricht”, die doch sonst so gut darin ist, die impliziten Botschaften von “Hate speech” zu entschlüsseln, plötzlich nicht fähig ist, einen kaum verhohlenen antisemitischen Subtext zu erkennen, wenn es um Israel geht. Da ist die Sprache dann plötzlich ganz unschuldig und meint ganz sicher nicht mehr als das ganz explizit gesagte. Man kann Butler da echt nur willentliche politische Ignoranz unterstellen, weil sie doch eigentlich wirklich über das theoretische Inventar verfügt, um zu begreifen, was für eine himmelstinkende Scheiße sie da mitmacht.
May 19th, 2008 14:36
Dazu vielleicht nochmal die ZEIT vom 15.5. (im Interview mit Judith Butler):
Da bin ich ja mal gespannt!
May 19th, 2008 14:43
… ich sehe gerade, dass ihre Hetzschrift ‘Gefährdetes Leben’ in der oldenburger Uni-Bibliothek im Handapparat Textil steht: ‘Kleidung und Körperbild in der Moderne’. Sieht so aus, als müsste ich mir den mal genauer ansehen.