Katholikentag in Osnabrück
Die osnabrücker Straßen sind voll wie selten. Zum Katholikentag (tatsächlich sind es gleich fünf davon) gibt es zahlreiche Bühnen, Fressbuden und Infostände voller Menschen zwischen Bekenntniswahn und Missionierungsambition. Irgendwie hat das alles was von Mittelaltermarkt, nur dass die Besucher etwas weniger bescheuert und in der Regel hübscher angezogen sind. Da mir Papst und Bratwurst auf eine etwas verquere Weise nicht ganz unsympathisch sind und das Wetter zudem großartig ist, haben wir uns einen kleinen Rundmarsch erlaubt und uns dieses Straßenfest aus der Nähe angesehen.
Kritik an Christentum und Katholizismus erspare ich uns an dieser Stelle (es hat ja eh jeder eine schärfere und außerdem sehe ich es auch nicht ein, hier dem Atheisten nach dem Maul zu reden). Zwei Härtefälle will ich aber trotzdem nicht verschweigen. Der erste war harmlos und ausgesprochen unterhaltsam:

Da hatte einer was zu sagen …
Als ich das Schild und seinen Träger erreicht habe, war es bereits von einer Horde diskussionswiller Menschen umringt, die dem Mann energisch Paroli boten. Mit so genannten “Argumenten” wurde um Jesus, Kirche und vor allem die Hölle gestritten. Ich habe mir das kurz angehört, mich nicht entscheiden können, wer hier der beklopptere ist und bin dann weitergezogen. Der Schildbürger scheint jedenfalls eine Art Kirchenkritiker zu sein, dem nur die Bibel etwas bedeutet. Wortgetreue Lektüre oder Höllenfeuer - soweit verständlich. Was die anderen wollten, habe ich nicht so genau verstanden.
Die anderen Fundamentalisten sind weniger lustig und hätte ich sie persönlich getroffen, wäre wahrscheinlich eine ganz weltliche Hölle losgewesen. Eine Initiative ‘Nie wieder’ (und die ‘Christilich-Soziale-Arbeitsgemeinschaft Österreich’) haben Flyer gegen Abtreibung verteilt. Zwischen diversen Splatterfotos wird das Recht auf Leben in irritierenden Fragen beackert:
»Vor 1945: Der Mord war zwar nach deutschem Strafgesetzbuch rechtswidrig, aber das Leben der Menschen war damals der Willkür des Staates ausgeliefert. Wurden in Auschwitz die Menschen getötet oder ermordet?«
Diese Begriffsarbeit folgt keinem (nachvollziehbaren) argumentativen Textaufbau, sondern dem wahnsinnigen Versuch, den Holocaust und moderne Abtreibungspratik gleichzusetzen. Spätestens mit der Webadresse www.Babycaust.at (WARNUNG: Die Illustrationen folgen diesem Ziel ebenfalls sehr konsequent und sind kaum zu ertragen!) offenbart sich dieser Dreh- und Angelpunkt der Propaganda. Dieser ekelhafte Mist ist nicht repräsentativ für das, was so auf dem Katholikentag passiert. Trotzdem hinterlässt es einen fragwürdigen Eindruck von den (ansonsten harmlosen) Christenspinnern, dass die weiten Arme der »großen Gemeinschaft« auch diese - vollkommen indiskutablen - Strömungen umfassen und nicht vom Platz jagen.



May 24th, 2008 10:20
Da bin ich vor kurzem schon einmal drüber gestolpert. Die Deutsche Seite dazu “Den Babycaust mit dem Holocaust gleichsetzen würde bedeuten, die heutigen Abtreibungsmorde zu relativieren !!!”
May 24th, 2008 12:00
Und immer, wenn man denkt, dass’s schlimmer nicht mehr geht …
May 24th, 2008 15:21
Na schön, die Webseite besuche ich dann wohl lieber nicht.
Was anderes: Ich vermisse auf dem Schild die Ankreuzkästchen und die “Weiß nicht”-Option!
May 24th, 2008 15:30
… ich glaub, mit halben Sachen hatte er’s nicht so.
May 24th, 2008 15:33
Schade. Ich hätte mir sowas vorgestellt wie “Weiß nicht - Gottes gelinde Verstimmung und ziemlich langes Leben”. damit könnte ich mich dann auch sehr gut arrangieren.
May 24th, 2008 15:37
Nee nee, mit sowas wärst Du bei dem Typen an der vollkommen falschen Adresse. Hölle für alle - insbesondere für die Weicheier von den Kirchen, die nicht mehr true genug sind. Ich weiß nicht, ob du mal einem Metaller zugehört hast, der seinem Ärger darüber Luft macht, wie kommerziell das Wacken-Festival inzwischen geworden ist. So die Richtung jedenfalls. …