Michael Endes ‘Momo’ in der BAHAMAS

Die neue Bahamas ist erschienen und während mein Exemplar in einem fernen Briefkasten wartet, habe ich mit den online verfügbaren Artikel begonnen. Ganz besonders erfreulich ist Peter Siemioneks ‘Phantasie und Vernichtung - „Momo“ und die autoritäre Sehnsucht des Michael Ende’; eine Kritik mit Seltenheitswert, die weit über den ästhetischen Charakter dieses Lieblingsbuches aller Eltern hinaus geht: »Vielleicht wagt schon deshalb keiner, auf die Drittklassigkeit des Autors und die Leblosigkeit seines Hauptwerks, seinen bedrückenden Mangel an Phantasie und die fade Schablonenhaftigkeit seiner Gestalten hinzuweisen, weil alle insgeheim wissen, dass Momo gar nicht als literarisches Kunstwerk, sondern als hochideologisches Traktat den Deutschen generationenübergreifend so unentbehrlich geworden ist.«

Als solches wird es dann auch untersucht, dem Vergleich mit Goethes Vorlage ausgesetzt, auf sein Gesellschafts- und Arbeitsideal befragt und mitsamt seiner bildungsbürgerlichen Erfolgsgeschichte (auch bekannt als “Deutschunterricht”) als »gefährlicher Schund« entlarvt. Durch das Programm führt der alte Tocotronic-Text, auch wenn die Band selbst nur bis zur vierten Fußnote unbeschaded bleibt.

Ein Lied mehr zur Lage der Nation
Und zur Degeneration meiner Generation
Zur Unentschlossenheit der Jugend
Zur Vedrossenheit der Tugend
Zu meiner aussichtslosen Lage
Und zur Klärung der Schuldfrage

Und darum klag’ ich an

Michael Ende nur du bist schuld daran
Daß aus uns nichts werden kann
Du hast uns mit deinen Tricks
Aus der Gesellschaft ausgeXt
Mit den Eltern aller Schichten
Willst du uns vernichten

Michael Ende du hast mein Leben zerstört

Ich erlaube mir noch einen etwas unsportlichen Kunstgriff, indem ich den Schlusssatz auf Einleitungsposition drehe, und empfehle die Lektüre. Dringed.

»Angesichts einer praktizierten Gemeinschaftserziehung, die ihre wesentlichen Motive aus einem antisemitischen Kinderbuch zieht, wirken Adornos Forderungen nach einer „Erziehung zur Entbarbarisierung“, die in erster Linie Aufgabe der Schule sein sollte, scheinbar naiv. Und doch sind Adornos Forderungen gegen Lehrer, die mit „Momo“ in der Hand die gesamtgesellschaftliche Regression beschleunigen, aktueller denn je. Die professionellen Lehrer in ihrer Mehrheit kommen als Adressaten dieser Kritik, gar als Akteure, die in ihrem Bereich aktiv gegen den Rückfall in die Barbarei kämpfen würden, allerdings nicht in Betracht. Eine Erziehung gegen „Momo“ wird sich notwendig gegen die Schule zu richten haben.«

Nachtrag: Nichtidentisches hat in seinem (annähernd gleichzeitig verfassten) Kommentar auf den Bahamas-Artikel auf einen eigenen Text über Michael Ende verwiesen. Es lohnt sich, den ebenfalls zu lesen, da der Nachweis der antisemitschen Stereotype (im ‘Wunschpunsch‘) in der Bahamas nur am Rande erfolgt.

7 Kommentare zu “Michael Endes ‘Momo’ in der BAHAMAS”

  1. classless
    June 2nd, 2008 15:04
    1

    Ah, stimmt, da gab es noch was rekuperieren - vor einiger Zeit dachte ich mir, man könnte das noch mal mit Rio Reiser statt mit Michael Ende machen.

    Kommt aber nicht mehr mit auf diese Platte, vielleicht auf die nächste.

  2. Nichtidentisches
    June 2nd, 2008 15:50
    2

    just saying…
    http://nichtidentisches.myblog.de/nichtidentisches/art/264822992/Uber_Aufgewarmtes_und_Michael_Ende_in_der_neuen_Bahamas

  3. Paule
    June 2nd, 2008 17:34
    3

    Rio Reiser, Du Hast Mein Leben zerstört!‘, warum nicht? Würde mich mal interessieren, ob der eigentlich im gymnasialen Musikunterricht aufgelegt wird (auch ohne die Eltern aller Schichten zu seinen Verehrern zählen zu können).

  4. classless
    June 2nd, 2008 19:07
    4

    Es dürfte bei einer ganzen Menge von Leuten einfach viel eher passen, oder?

  5. Paule
    June 2nd, 2008 19:30
    5

    Das hängt wahrscheinlich stark von Alter und Wohnort der vielen ab. Ohne eine Untersuchung angestellt (oder auch nur länger darüber nachgedacht) zu haben, würde ich tippen, dass unter meinen Bekannten auf jeden Scherben-Hörer fünf Ende-Leser kommen. Dafür gibt es unter letzteren wahrscheinlich deutlich mehr, die sich der »X hat mein Leben zerstört« - Aussage anschließen würden; wegen der offensichtlicheren Politkaspereien, aktiverer Selbstreflexion, Abschied von der Linken usw. …

    Meine These: Wenn Reiser mehr Schaden angerichtet haben sollte, wäre der von Ende zumindest nachhaltiger. (Und außerdem heute noch auch jenseits der Nostalgie aktuell.)

  6. Jakob
    June 2nd, 2008 21:06
    6

    Super Artikel - und der erste aus der Bahamas, den ich seit Jahren lese. Vielleicht ist die ja doch mal wieder einen genaueren Blick wert …
    Jetzt bin ich allerdings erst mal gespannt, was nichtidentisches zur Zerstörung meines Lebens durch Michael Ende zu schreiben hat.

  7. Märchenhaftes und Regressives « Jakobs Blog
    June 3rd, 2008 12:41
    7

    [...] den Michael-Ende-Komplex, bestehend aus Paules Hinweis, einem Bahamas-Artikel (dem ersten seit Jahren, den ich las&genoss) sowie ergänzenden (bzw. [...]

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