Gaiman, Lovecraft, Sherlock Holmes

Wo wir gestern schon bei der bunten Welt der Unterhaltungsdinge waren: Neil Gaimans Sherlock Holmes - Pastiche ‘A Study in Emerald‘ steht als kostenloser Download zur Verfügung; zum Lesen und zum Hören. [via omnia exeunt in mysterium]. Die Geschichte ist erstmals in der Anthologie ‘Shadows Over Baker Street: New Tales of Terror!‘ erschienen, über deren Konzept sich wohl am einfachsten erklären lässt, warum die grüne Studie so wundervoll ist.

Am Anfang stehen zwei Autoren, deren immenser Einfluss auf die phantastische Unterhaltungsliteratur unbestreitbar ist: Sir Arthur Conan Doyle und Howard Phillips Lovecraft. Obwohl sich in der Rezeptionsgeschichte der beiden Großmeister einige Ähnlichkeiten aufzeigen ließen, sind es doch die geradezu spiegelbildlichen Unterschiede in Biographie und Werk, die sich dem Betrachter aufdrängen. Während der Atheist Lovecraft seinen Cthulhu-Mythos als widersprüchliches Chaos des kosmischen Grauens komponiert, ist Sherlock Holmes - die Hauptfigur des Spiritisten und Feierabendmystikers Conan Doyle - ein Mann der Ratio. Die Holmes-Fälle sind sorgsam konstruierte Puzzle, die vom Logiker Holmes deduktiv aufgedröselt werden; Lovecrafts Figuren hingegen sind kaum mehr als Platzhalter - Objekte ihres Wahnsinns - deren Scheitern unausweichlich ist. Der Cthulhu-Mythos ist inkonsistent, widersprüchlich und (trotz der Versuche diverser Fans und Rollenspieler) nicht zu erklären. Die beiden literarischen Systeme, Holmes-Chronologie wie Cthulhu-Mythos, sind von unzähligen Autoren erweitert worden, und die Suche nach einem verbindlichen Kanon ist in beiden Fällen Gegenstand erbitterter Streitereien.

Zu diesen Erweiterungen (oder besser: Pastiches) zählen auch die Geschichten in ‘Shadows Over Baker Street‘. Der Witz ist nur, dass diese Geschichten in beiden Welten zugleich spielen und als Holmes/Cthulhu Crossover daher kommen. Die oben angerissenen Differenzen fordern den Autoren eine gründliche Auseinandersetzung mit ihren Vorlagen ab und zwingen sie, mit dem Paradoxon zu spielen. Das gelingt ihnen unterschiedliche gut; Gaiman macht es mit Abstand am besten. Spoiler gibt es keine - wer sich mit diesem Konzept anfreunden kann, wird seine Freude an ‘A Study in Emerald‘ haben. Versprochen!

p.s. Ja, ich weiß noch, was ich gestern geschrieben habe.

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