Erstkontakt mit Sektor Schlaaand
Kaum jemand kann den deutschen Fußball-Wahn noch ertragen und auch, was da für gewöhnlich unter »Kritik« fimiert, geht langsam aber sicher auf die Nerven. Ich weiß das und erzähle trotzdem kurz von gestern; vom Fanfest in meinem Keller.
Unangenehm wurde es vorher schon zwei Stockwerke höher: Russische Macker, die das EM-Spiel in der Nachbarwohnung verfolgt haben, gratulieren uns zum Sieg und verschwinden mit »Scheiß Türken« - Gebrabbel in der Nachbarschaft, wo hier und da »Deutschlaaaaand«-Rufe zu hören sind. Die hupende Blechlawine der Innenstädte gibt es hier draußen nicht und an der Luft ist es verhältnismäßig ruhig. Dann die bierbedingte Entscheidung, noch kurz in die Kneipe des Studentenwohnheims zu gucken.

»… und lass alle Hoffnung fahren!«
Drei bis vier Schreihälse versetzen den ansonsten eher trägen Laden in Unruhe. Man trägt Flagge und Trikot, singt und hopst durch die Gegend. Musik läuft auch: »Orange trägt nur die Müllabfuhr!« ist keine scherzhafte Ausnahme, sondern Grundlage der Beschallung. Die anderen Besucher sind zwar ruhiger, scheinen meine Beklemmung aber nicht zu teilen.
Dieses aggressiv dumme Gepolter ist mein erster direkter Kontakt mit Fußball-Schlaaand. Fanmeilen und solche Dinge kenne ich nur aus dem Fernseher und meine Freunde zeigen sich erfreulich immunisiert, oder lassen mich zumindest in Ruhe. Ohne die räumliche Distanz wirkt die deutsche Feierei plötzlich wie ihre eigene Parodie: Niemand will es wirklich ernst meinen, aber alle machen mit. Defensive Selbstironie macht unangreifbar; dass »Schlaaaand« nicht besonders schlau klingt, wissen sie selbst - dass die deutsche Mannschaft beschissen gespielt hat, vermutlich auch.
Wo es nichts mehr zu diskutieren gibt, wird Freund creep zum Dichter: »Ich fühl mich grad wie ein Zivi auf Konfirmandenfreizeit, der nicht mitbekommen hat, dass eine Flasche Roter im Bus war.«



June 26th, 2008 15:28
Wer sich in den Dunstkreis solch rippenbrechender kleinen Menschen begibt, nun ja, der sollte auf Teufel komm ‘raus höhere Hirnfunktionen abschalten. Von Immunisierung kann keine Rede sein, es gibt schlicht keine Alternative. Mein Versuch des Ungehorsams (”Unverdient!”) ist im Nachhinein auch zu offensichtlich gewesen…
June 26th, 2008 17:31
Der Satz mit der Konfirmandenfreizeit klingt vertraut - schön, wieder einen kleinen Teil dieses merkwürdigen Abends rekonstruiert.
“FIIII-MOOOO-SE, OOOO-HOOO”