Schlager beißt Hippie
Hippie-Schlager sind unerträglich - und das nicht nur, wenn sie von linksalternativen Nachwuchsmusikanten vor den ‘umsonst und draußen‘ aufgestellten Zelten nachgeträllert werden. Da waren ihre Eltern schon weiter. Gemeint sind diesmal allerdings nicht die 68er, sondern jene Mehrheit, die sich in den 70ern gänzlich unpolitischer Geschmacksverbrechen schuldig gemacht hat.
Heute fast vergessen, gab es damals ein gigantisches Angebot an ins Deutsche übersetzter Popmusik aus den USA. Diesen Liedern haftet eine subversive Doppelstrategie an, die ungewollte Einblicke ins Innerste bundesrepublikaler Geschmacklosigkeit ermöglicht. Zum einen entlarven sie ihre Originale als dümmliche Lala (manch friedensbewegter Musikfreund mag das bisher übersehen haben) und zum anderen brennen sich Smashhits wie ‘Wir sind echt am Ende‘ von ‘Christopher und Michael‘ derart ins Hirn, dass der ungetrübte Genuss von ‘Eve of Destruction‘ bis ans besungene Ende aller Tage unterbleibt.
In Zeiten, in denen die private Hippiekritik weit hinter Cartman zurück gefallen ist, kommt man nicht umhin, die Neuveröffentlichung der schlimmsten Übersetzungen als Wiederbewaffnung in letzter Sekunde zu begrüßen. ‘Pop in Germany‘ lautet der einfallslose wie treffende Titel einer Sampler - Reihe, die eben diesem Ziel gewidmet ist:

Pop in Germany Vol. 1
… und schlimm sind sie alle von ‘Boris Browns‘ ‘Es steht ein Haus im Westen‘ (’The House Of The Rising Sun‘) über ‘Anita Traversi‘ mit ‘Es ist so schön, verliebt zu sein‘ (’As Tears Go By‘) zu ‘Marianne Rosenbergs‘ ‘Wenn es Nacht wird in Harlem‘. Selbst wer ‘Die schwarze Lady‘ von ‘Lord Ulli‘ übersteht, kapituliert spätestens bei ‘Karel Gotts‘ ‘Paint It Black‘ - Verhunzung ‘Schwarz und Rot‘.
Ich kann weder empfehlen, noch ermutigen. Ob man sich die CDs antun möchte, muss jeder mit sich allein ausmachen. Ich gebe ab an Adorno:

