Wie man auf den Markt schreit, …

Wer seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, Dinge an andere Menschen zu verkaufen, muss irgendwie mit diesen zurecht kommen, bevor sie als zufriedene Kunden das Weite suchen. Manchmal können solche Erfahrungen lustig sein:

»… und der Scheißtag geht weiter mit Menschen, die es verdienen, hochkant rauszufliegen. Eben betritt eine ältere Dame den Buchladen und begrüßt mich mit heruntergezogenen Mundwinkeln und den Worten: “Ich weiß ja nicht, was für Bücher Sie hier führen, aber gehört dieser Ken Folleh, oder wie auch immer man den ausspricht, dazu?”
Nachdem ich ihr erkläre, dass wir durchaus Bücher von Ken Follet da haben, erklärt sie ihrerseits, ihr Sohn habe ihr den zweiten Band von diesem Kerl geschenkt, was auch immer er ihr damit sagen wolle. Ob wir den Ersten (gemeint war, wie sich herausstellte, “Die Säulen der Erde”) denn nicht antiquarisch da hätten? Ich erkläre, dass das nicht der Fall ist, weil wir eigentlich auf SF und Fantasy spezialisiert sind und historische Romane eher als Ausnahme für besonders wichtige und gute Bücher führen. “Aha.” ich erwarte schon, dass sie jetzt unverrichteter Dinge geht, aber stattdessen knurrt sie: “Na schön. Muss ich auch noch Geld für den Mist ausgeben. Was der sich dabei denkt.”«

wie Buchhändler Jakob zu berichten weiß; manchmal auch einfach nur zum Kotzen:

»Kundin aus dem Prenzlauer Berg erkundigt sich nach der internationalen Telefonflatrate. Ich zähle einige der enthaltenen Ländernetze auf, darunter, weil regelmäßig nachgefragtes Alleinstellungsmerkmal dieses Angebots, Israel.

Sie: “Ist ja klar, Israel ist drin, die arabischen Länder sind draußen.”

Ich: “Das hat wohl mit den Verbindungspreisen zu tun.”

Sie, aufgeregt: “Das ist die Achse des Bösen. Ich hätte gern eine Achse-des-Bösen-Flatrate.”

Ich: “Muß man sich leisten können.”«

… schreibt Kulla über seine - ausgesprochen lesenswerten - ‘Ökonomischen Gottensdienste‘.

Deutlich weniger sympathisch ist mir hingegen, was in penetranter Regelmäßigkeit unter dem vielsagenden Titel ‘Buchhändleralltag und Kundenwahnsinn‘ gebloggt wird. Da wird die verständliche Unlust an der Arbeit auf eine Art und Weise auf den Kunden projiziert, dass es weh tut. Ob das nun berichtenswert ist, sei einmal dahingestellt - mich regt es gerade einfach nur auf.

9 Kommentare zu “Wie man auf den Markt schreit, …”

  1. Arne
    July 16th, 2008 16:35
    1

    Interessante Links hast du da am Start! Der letzte ist in der Tat anstrengend, so ein-zwei Einträge dort kann ich aber nachvollziehen (Kind-Zähne-Buchdeckel). Wie das Ganze dann aber als Pokal der Selbstgefälligkeit hochgehalten wird, tja…

  2. Jakob
    July 17th, 2008 10:40
    2

    Ja, als Buchhändler wird man halt angesichts des “Kundenwahnsinns” ganz schnell zum elitären Pack (wenn man es nicht eh schon ist …)
    Ich wusste gar nicht, dass man die Kunden in der Online-Öffentlichkeit so dreist diffamieren kann, ohne sich dabei das Geschäft zu versauen. Könnte ich dann ja auch mal probieren … einziges Hindernis ist, dass ich die meisten unserer Wahnsinnigen ja sogar mag. Schließlich amüsiert man sich mit griesgrämigen Geschenkpapier-Bemängelerinnen und verantwortungslosen Eltern viel besser als mit sauberen Guten-Tag-Gerne-Doch-Dankeschön-Centzählern. Bei ersteren hat man hinterher wenigstens was zu erzählen!

  3. Aci
    July 17th, 2008 18:39
    3

    Ich kann euch beruhigen: Ich bin weder selbstgefällig, noch mag ich meine Kunden nicht. Ich bericht über einen sehr, sehr kleinen Teil unserer Kundschaft.
    Und da ich weder Namen, noch Äusserlichkeiten blogge und zudem die Artikel extrem Zeitversetzt erscheinen, kann man auch nicht von “diffamieren” sprechen.
    Natürlich ist mein Humor Geschmackssache. Und wem meine Artikel nicht gefallen oder in zu “penetranter Regelmäßigkeit” erscheinen, für den wurde ja das nette Kreuzchen oben rechts im Browser erfunden. Einfach nutzen und Nerven schonen ;-)
    Als elitäres Pack mag ich mich aber nicht bezeichnen lassen. Das ist nun wirklich zuviel des Guten….

  4. Paule
    July 17th, 2008 22:17
    4

    Humor ist, wenn einer lacht - geschenkt. Mich ärgert nur dieses ununterbrochene Programm, die Widersinnigkeiten des Geschäftsalltags auf den Kunden abzuladen. Aber es stimmt schon: Wegklicken macht es einfacher.

    Das “Pack” war tatsächlich etwas unhöflich - auf der anderen Seite ist es doch aber genau das, was im Buchhändleralltag tagtäglich über Menschen zu lesen ist, die Bücher stehlen, kaputt machen oder es wagen, die doch so fairen und konstanten Preise in Frage zu stellen. Ich wäre mir übrigens nicht so sicher, dass Buchhändler Jakob sich nicht selbst als Teil seines “Packs” begreift. Augenzwinkernd. Stichwort: Humor und so.

  5. Aci
    July 17th, 2008 23:11
    5

    Ich würde nie jemanden als “Pack” bezeichnen. Vor allem dann nicht, wenn ich die Personen nicht persönlich kenne.
    Und ich schildere die Situationen (und nicht nur die negativen) so, wie ich sie erlebe. Das passiert halt so. Das ist nichts, was ich mir aus den Rippen schneide.
    Jemand, der in der Öffentlichkeit ein Buch aufisst, der muss auch damit rechnen, dass es bemerkt wird und das man sich dazu etwas denkt. Ebenso, wie wenn man besonders nett aus der Masse heraussticht.
    Und die wenigsten der Beiträge sind “böse”. Die meisten sind augenzwinkernd geschrieben und sollten auch so verstanden werden. Ansonsten unterstellt man mir eine Bösartigkeit, die so einfach nicht stimmt.

  6. Paule
    July 18th, 2008 00:06
    6

    Ja, das ist eine Frage des Tons - denke ich auch. »Pack« schreiben sie nicht, dafür aber »Arschloch« (gestern). Ich rede aber auch gar nicht von Bösartigkeit oder irgendwelchen »Charakterfehlern«. Ich bin lediglich der Überzeugung, dass Ärger über Ladendiebstahl oder unbezahlte Entwertung von Waren in der Person des Kunden (oder meinetwegen auch: Verursachers) den falschen Adressaten finden. Ganz grundsätzlich und unabhängig von ihrem Blog. Sie schreiben über ihre persönlichen Erfahrungen in der Arbeitswelt, wie es auch die beiden zuvor zitierten Blogger tun, und wogegen ich nicht das Geringste habe (ganz im Gegenteil!). Ich finde es zwar unglücklich, auf welchen Bahnen sich der arbeit-gemachte Ärger bewegt, wollte sie darum aber nicht persönlich angreifen. Das war wohl spiegelverkehrt genau das, was ich ursprünglich an ihrem Blog bemängelt habe. Erwischt!

    Zu den anderen Kommentaren: Arnes »Pokal der Selbstgefälligkeit« kann ich nicht nachvollziehen, und halte ihn ebenfalls für eine Unterstellung. Bei Jakobs »Pack« glaube ich immer noch an das Augenzwinkern und die eigenen Verstrickungen ins Business.

  7. Aci
    July 18th, 2008 00:16
    7

    Ich bin ja auch nicht böse mit dir/Ihnen. Ich wollte eben nur klarstellen, dass ich keine frustrierte Zippe bin, die denkt, alle Kunden wären “Arschlöcher”.
    Aber ich bin eben Mensch. Im Job wie privat. und der Blog war nie für ein großes Publikum geplant. Ursprünglich bloß für meine Familie und meine Freunde, die neugierig waren, was tagtäglich an Begebenheiten anfällt. Daher schrieb ich damals “persönlich” und werde es auch weiterhin tun. Auch wenn der Kreis der Leser gewachsen ist und auch, wenn es nicht jedem gefällt.
    Wäre ich von meinem Beruf ernstlich angenervt, würde ich mir einen anderen suchen. Ich gehöre aber bisher zu den sehr wenigen Menschen, die Spaß an dem haben, was sie da tun. Und das merken die Kunden auch… nur eben nict alle Leser *g*

  8. Paule
    July 18th, 2008 00:29
    8

    Wow, das Siezen ist mir nicht einmal aufgefallen. … Gut jedenfalls, dass keiner böse ist. Bis die Lohnarbeit als solche abgeschafft ist, freut es mich ja irgendwie auch, wenn man ihr immerhin überschaubaren Ärger oder sogar Spaß abgewinnen kann.

  9. Jakob
    July 21st, 2008 11:55
    9

    Klar bin ich Pack. Schlägt sich, verträgt sich und so.
    Aber ich versuche jeden Tag, auch ein bisschen Nicht-Pack zu sein!

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