Mein Schaffner ain’t no bounty hunter
Die Schaffner der Deutschen Bahn bekommen Prämien für erwischte Schwarzfahrer. So ist es heute im Westfalen-Blatt und diversen anderen Zeitungen zu lesen. Was im ersten Moment vielleicht etwas gruselig klingt, ist im Grunde keine besonders große Überraschung. Die Prämie ist Motivation, die aufgetragenen Kontrollen erst einmal durchzuführen und sich im Ernstfall nicht, »Beim nächsten mal aber …« murmelnd, Sympathien zu erschleichen. Wenn ein Bahnsprecher das nun »Entschädigung für entgangene Ticketverkaufs-Provision« nennen möchte, soll er das meinetwegen tun.
Wenn besagter Bahnsprecher dann aber anschließend erklärt, diese platt inszenierte Jagd nach Kopfgeld werde nicht von Kopfgeldjägern durchgeführt, wird die Posse langsam aber sicher unterhaltsam. An diesem Punkt bahnt sich nämlich eine Empörung an, die sich nur noch nicht ganz sicher ist, wogegen sie eigentlich sprechen möchte.
Die deutschen Bahnkritiker (oder -hasser, wie sie sich bisweilen rufen lassen) sind sich im Grunde einig: Die Deutsche Bahn AG ist zur Zeit ein dämlicher Scheißverein; wird sie im Herbst aber den »Heuschrecken« (wie die Linkspartei das nennt) vorgeworfen, droht unweigerlich das Ende aller Tage.
Kopfgeldjagd und Privatisierung haben einen gemeinsamen Bezugspunkt: Die Solidargemeinschaft, die nicht nur existent, sondern auch super ist. Dumm nur, dass die Mächte der Finsternis sich nur schwerlich als Allianz von Schwarzfahrern und Heuschrecken denken lassen. Wo der Verstand nicht mehr kann, wird immerhin die Phantasie erfolgreich gegen einen Teilwiderspruch in Anschlag genommen: »Der offensichtlich unsichere Ortsfremde wird von den Kontrolleuren i. d. R. freundlich auf die Einhaltung der ortsüblichen Regularien hingewiesen.«, dichtet Prof. Dr.-Ing. Adolf Müller-Hellmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV).
Soweit das erste Friedensangebot und der ideelle Volksschädling ist vorerst schon wieder aus der Schusslinie. Im Herbst wird sich dann zeigen, ob dieser Text seinen nachträglichen Sinn bekommt.



