Anarchistin – Bumm Bumm
Obwohl ich das Singen nicht sonderlich schätze, besitze ich einige Liederbücher. Eins davon heißt ‘Frauenliederbuch‘ und ist ein paar Jahre vor meiner Geburt im ‘Frauenverlag‘ erschienen. Es stehen lustige Lieder in diesem Buch; manche sind auch traurig, ein paar etwas blöde – romantisch ist natürlich keins.
Eines dieser Lieder ist ‘Die Moritat von der Anarchistin‘, und es beginnt mit einem Problem:
Es liebte ein feuriger Jüngling
Ein zärtliches Mädchen gar sehr.
Doch leider war sie Anarchistin
Und er Polizeikommissär.
Dumm gelaufen! Ganz so hoffnungslos wie in dem – wahrscheinlich bekannteren – Deutschpunk Gassenhauer ‘Ganz in schwarz (mit einem Pflasterstein)‘ geht es allerdings nicht weiter. Er verhaftet sie nicht, weil sein liebendes Herz im entscheidenden Augenblick »bumm bumm« macht, und auch sie zeigt sich für Zugeständnisse bereit:
Sie hätte ihn töten müssen,
Nach anarchistischer Pflicht,
Doch weil sie ihn ebenfalls liebte,
Da tat sie es ebenfalls nicht.
Beide hängen Job und Überzeugung an den Haken, um den gemeinsamen Rückzug ins Private anzutreten. Das Gewissen rumort nur leise – lauter das Herz: »bumm bumm«. Klar, dass das nicht lange gut geht:
Er öffnet’ ihr glühend die Arme,
Sie wehrt’ ihm länger nicht mehr.
Da küßte die Anarchistin
- den Polizeikommissär.
Doch wie er ans Herze sie drücket,
Da kracht es plötzlich und pufft
Im entscheidenden Augenblicke,
Da flogen sie beide in die Luft.
Denn sie trug unter ihrem Herzen
Eine Höllenmaschine herum,
Die kracht’ durch die starke Umarmung
So starben sie beide: bumm, bumm.
Ja, schade. Was daraus zu lernen wäre, bleibt jedem selbst überlassen. Der Kommentar der Herausgeberinnen ist schon mal nicht sonderlich hilfreich:
»Die Moritat von der Anarchistin und dem Polizeikommissär bezieht sich auf die Ende des 19. Jahrhunderts in Rußland aktiven Anarchistinnen. Über sie wurden wilde Gerüchte gesponnen und verbreitet, genährt von der Männerphantasie über radikale Frauen, wie sie auch das abgedruckte Moritatenlied widerspiegelt.«
Genug jetzt – Bumm Bumm …



Juli 31st, 2008 15:25
wieso ist das nicht hilfreich? sie schreibt doch, dass es die damaligen vorstellungen widerspiegelt. so ne böse anarchistin reisst dich in den tod, pass mal auf!
Juli 31st, 2008 15:36
Ich glaube, in diesen »Männerphantasien« entspricht die Anarchistin der wilden Guten. Ich lese das eher als Warnung vor dem Rückzug ins bürgerliche Milieu – oder in die traute Zweisamkeit. Eher noch ein kopfschüttelndes: »Das kommt eben dabei rum.. Tss!«, als eine Warnung.
Juli 31st, 2008 17:44
ein happy end hätte mir aber besser gefallen… sich gegenseitig erschiessen wäre auch cool gewesen… aber so finde ich das doof.
es bleibt ja auch die Frage, ob die Höllenmaschine in der Anarchistin deshalb in die Luft geflogen ist, weil sie einen Polizeikommissär umarmte, oder ob sie bei jeder Umarmung in die Luft geflogen wäre, und ihr somit jede Liebe unmöglich gemacht wurde. wobei zweiteres näher liegt, da die Umarmung als Stark beschrieben wird … eine seichte umarmung unter GenossInnen ist wohl noch drin, aber mehr solls nicht werden… naja… blabla :D
August 1st, 2008 12:03
@phex: aber das lied spiegelt doch nicht die anschauung der genoss/innen wider, sondern die der mehrheit, die anachist/innen und “wilden frauen” ablehnend gegenüberstand. die wilde anarchistin reisst den polizisten in den tod, gegen ihre willen – sie liebt ihn ja -, d.h. sie bringt so oder so tod (mehr noch: “hölle”).
August 1st, 2008 16:42
Bum-Beitschi-Bumm-Bumm heißt das!