Der Zigeuner-Tatort

Trotz Marcel Reich-Ranickis sympathischen Ausfalls gibt es immer noch deutsches Fernsehen. Weniger niveaulos ist es auch nicht geworden, seit er die »Banalität« (wie er seine Kritik selbst nennt) ausgesprochen und bekräftigt hat. Argumente bringt und braucht er nicht, wo sich doch im Grunde alle einig sind und lediglich über die marktwirtschaftliche Unmöglichkeit der Alternative gestritten wird. Man kann das alles schade finden, oder es lassen. Mir persönlich sind Atze Schröders herzlich egal, auch wenn mich ihre Fans zugegebenermaßen gruseln. Weitaus kritikwürdiger scheint mir dann aber eine Fernsehkultur  zu sein, in der man wissend mit Reich-Ranicki den Kopf schüttelt, bevor man beruhigten Gewissens den Tatort einschaltet.

Gestern Abend lief auf dem Sendeplatz, an dem sich laut Justus Wertmüller »die Nation ausspricht«, wo alles »verhandelt und bewertet (wird), was die Nation bewegen sollte.«, die neue Folge Brandmal - der ausdrückliche Versuch, die Vorurteile gegenüber Sinti und Roma zu thematisieren. Der gute Gedanke kam von Rudolf Sarközi, einem exponierten Sprecher der Roma Österreichs, verbockt hat es die ARD dann aber  ganz ohne fremde Hilfe.

Eine Frau wird in ihrer Kölner Wohnung Opfer einer Brandstiftung, und die Kommissare Schenk und Ballauf ermitteln zunächst anhand einiger Indizien gegen die Bewohner des benachbarten Heimes für  vorübergehend geduldete Roma. Dass deren Täterschaft in einem geradezu panisch auf Political Correctness bedachten Fernsehfilm ausgeschlossen werden kann, dürfte selbst dem naivsten Krimigucker klar sein. Auch wenn sich die »Thematisierung von Vorurteilen« letztlich dann doch in dieser Unschuld erschöpft, werden dem Mitratenden immerhin recht zügig ernsthafte Verdächtige geboten. Da gibt es eine rechtsradikale Initiative besorgter Anwohner, den eifersüchtigen Freund der Toten und einen Kommissar, der das verdächtige »Klau-Kid« bereits kennt und sich schließlich selbst als perfekt assimilierter Rom und - zu allem Überfluss - als geheimer Liebhaber der Toten entpuppt.

Vor diesem Hintergrund wird eine Kriminalgeschichte entwickelt, die so dermaßen langweilig ist, dass sich der Verdacht aufdrängt, man wollte ja nicht mittels Spannung von den sozialen Fragestellungen ablenken, um die es eigentlich geht. Die offensichtlichste Botschaft ist dabei eher unbeabsichtigt in die Dramaturgie gerutscht: Romakinder klauen, obwohl sie es doch eigentlich besser wissen müssten, zünden aber ganz bestimmt keine Menschen an. Dass der Zentralrat deutscher Sinti und Roma die Ausstrahlung der Folge im Vorfeld verhindern wollte, überrascht da wenig. Das ist schlechte Presse für ein Filmteam, das doch eigentlich alles richtig machen wollte. Letztlich unterstreicht das Skandälchen aber den diskursiven Touch, um den man sich augenscheinlich sehr bemüht hat.

Da sind zum einen die beiden Kommissare. Der dicke Schenk bietet angebildeten Toleranzmenschen die Reibungsfläche, an der er sich vorm Heia machen abarbeiten kann; blökt da vom »gesunden Menschenverstand«, singt »lustig ist das Zigeunerleben« oder hilft tatkräftig bei der Zwangsmaßnahme Röntgen zur Feststellung des Alters. Dagegen der kluge Ballauf, der das unnötige Anlegen von Handschellen kritisiert, sich intuitiv auf die Seite der beschuldigten Romni schlägt und die Polizei  somit wieder aus der Schusslinie nimmt - Bühne frei für den kritischen Dialog mit der Gesellschaft. Was man beim Focus »gewitztes Spiel mit den Klischees« nennt, ist der Gipfel dieses durchschaubaren Possenspiels. Die inszenierten Verdachtsmomente gegen den Kollegen von der Klaukids-Abteilung erscheinen parallel zur Offenbarung seiner ethnischen Herkunft, der darüber die erzählerische Bedeutsamkeit verliehen wird. Später wieder unschuldig, offenbart er dem Zuschauer, wie man ihn gerade an der Nase herum geführt hat: »Schon klar, die Rache des Zigeuners. Man weiß schließlich wie unsereins reagiert.«

Das gemeingefährliche Ressentiment zu reproduzieren, um es dann mit »Ätschebätsche, falsch geraten« zu negieren, ist keine Dekonstruktion und schon gar kein »gewitztes Spiel«. Es ist der unterhaltungskonforme Appell an das rassistische Alltagswissen bei gleichzeitigem Umschmeicheln des sozialkritischen Bildungsbürgers. Der politische Hintergrund der von Abschiebung bedrohten Roma ist übrigens der Kosovokrieg und damit ein Leid, das den deutschen Zuschauer in besonderem Maße anspricht: Man erinnert sich noch gut an »unsere Jungs«, die schon einmal für Menschenrecht und völkische Vielfalt ins Felde zogen. Man ahnt auch, dass dort ein uneingelöstes Versprechen im Raume steht, das nach einem moralisch gefestigten Deutschland verlangt; sinnbildlich gemacht in der sexuellen Unterwerfung des unschuldigen Mädchens vor ihrem Retter Ballauf: »Bist Du eigentlich verheiratet? Hast Du Geld? Wenn Du mich heiratest, dann kann ich in Deutschland bleiben. Ich kost’ auch nicht’ viel - höchstens  20.000. Vielleicht kost’ ich auch nichts, weil Du es bist.«

Mit Reich-Ranicki könnte man abschließend festhalten: »Das ist alles falsch, schlecht und übel!«. Man sollte darüber aber nicht vergessen, den Apologeten des öffentlich-rechtlichen Niveaus zu empfehlen, wirklich mal hinzugucken, wenn die Scheiße läuft.

Ein Kommentar zu “Der Zigeuner-Tatort”

  1. Bad Blog » Faschismus, aber mit Herz!
    November 3rd, 2008 14:47
    1

    [...] Edit: Karwan Baschi hat sich ebenfalls die Mühe gemacht einen besonders grauenvollen Tatort auseinanderzunehmen. Eine Leseempfehlung… [...]

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