Album: Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!

Nach knapp zwei Monaten ausführlichen Hörens bei fast verschwiegener Begeisterung nun endlich die ausführliche Besprechung des Albums ‘Classless Kulla als Beifahrer beim Istari Lasterfahrer - Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!’ (Sozialistischer Plattenbau, 2008)

Das Cover

In Bini Adamczaks Versuch, in kindgerechter Sprache für den Kommunismus zu werben, endete jeder bisherige Versuch mit der gleichen enttäuschten Erkenntnis: »Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!« Es ist egal, wie wenig Begeisterung ich für das Buch aufbringen kann - der Satz ist einer, den ich gerne öfter hören würde. Und da die Freunde (und ein Großteil der Feinde) offensichtlicher Fehlschläge scheinbar nicht dazu in der Lage sind, müssen es eben andere tun. In diesem Fall waren es der Buchautor, Blogger und Musiker Classless Kulla und der »Breakcore«-Produzent und -Labelgründer Istari Lasterfahrer; zwei Vertreter des diskordianischen Kommunismus und des Lasterfahrianismus - in der gemeinschaftlichen Erkundung der »Dialektik von getrennt und zusammen«.

Die 19 Tracks der CD lassen sich nicht einmal über das Ungenre Breakcore auf einen Nenner bringen; gegen jede allgemeine Beschreibung ließe sich problemlos zu einem Gegenbeispiel skippen. Rohe elektronische (Break-)Beats, Samples und unglaublich viel Text machen aber dennoch einen Großteil der Musik aus. Wer Classless bisher nur als Egotronic-Gastsänger kennt, wird sich auf erheblich weniger eingängige Musik einstellen müssen. Und obwohl Bass, Beat und Gesang treiben, sind die Texte - zumindest für mich - das herausragende Element.

Klare Statements gegen Ghetto-Ost-Romantik (’Flucht aus dem Plattenbau‘), Mackertum (’Sexist Motherfucker‘) oder revisionistische Opferfeiern (’Dresden Calling‘) wechseln mit nachdenklichen Texten, die sich nicht so ohne Weiteres auf eine Botschaft runterbrechen lassen. Ein musikalisch und politisch aufpoliertes Revival des altlinken Protestsongs findet hier aber erfreulicherweise in beiden Fällen nicht statt: Selbst wo die Parole in der Luft liegt, demontiert die Musik und lässt den  zappeln, der auf die Idee kommen könnte, Haltung anzunehmen. Spätestens wenn Classless über die Buschtrommel hinweg singt, dass wir es gerade nicht mit einem »ethnischen Beat aus der guten alten Zeit« zu tun haben und sich das Ganze als Vertonung von Eske Bockelmanns ‘Im Takt des Geldes‘ entpuppt, hat sich die Vielschichtigkeit des Albums entwickelt.

Wer sein Hirn-Input ruhig, irgendwie rund und authentisch schätzt, wird seine Schwierigkeiten mit dem Album haben. Wer einfach nur tanzen will, vermutlich ebenfalls. Kulla tut seinen Zuhörer nicht einmal den Gefallen, einen konsistenten Gesangsstil zu entwickeln. Gesungenes ist in diversen Akzenten zu hören, als wollte er sich auf keine sprachliche Identität festlegen. So wie Kulla auch dann ausdrücklich zitiert, wenn er eigene Texte vorträgt, verfährt der Lasterfahrer mit der Musik: Mal klingt sie nach Ragga, mal nach Punk - nie  sie gaukelt sie Autonomie vor. So reizvoll das auch ist, es verlangt dem Zuhörer eine Menge ab. Zumindest im Einspruch mittels Pause- und Skiptaste sollte man geübt sein.

Die CD kommt im schicken Digipak mit (ebenso schick) illustriertem Textheft. Neben den Lyrics sind dort auch die meisten Zitate benannt, was das ein oder andere Gegrübel verkürzt.

Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus‘ ist beim Sozialistischen Plattenbau erhältlich und kostet 10,- €.

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