Früher mal, die Dorfdisco

Verzichtet man auf dieses und jenes unterhaltsame Detail, bleibt von jedem Gerede über »damals« nur ein faseliger Brei, der irgendwann selbst diejenigen zu Tode langweilt, die dabei gewesen sind. Ein ganz besonders beliebtes Thema sind die kleinen alternativen Dorfdiscos, von denen es auf dem norddeutschen Flachland früher tatsächlich mal mehr als heute gab. Bei uns zwischen Bremen und Osnabrück sind der Lindenhof (Wetschen), der Pleasure Dome (Oppenwehe) oder der Circus Musicus (Märschendorf) heute so legendär, wie sie pleite und geschlossen sind; und auch weiter westlich im  Emsland sind die vergleichbaren Läden größtenteils ins Museum und die Geschichts-Doku umgezogen.

Man könnte sagen, wir hätten in den 90ern das Ende einer Ära erlebt – zwischen Krautrock-Resten, Hippielala und MTV-Metal an unseren adoleszenten Identitäten gestrickt. Ich kenne einige, die das tatsächlich so oder so ähnlich sagen und noch einige mehr, die eher wortlos auf ihren entsetzlichen »Revival Partys« herum oxidieren. Als die Läden vor ein paar Jahren wegstarben, habe ich die kollektive Traurigkeit noch für ein lokales Phänomen gehalten, für ein weiteres Mosaikteilchen Diepholzer Provinz-Tristesse. Später in der großen Stadt musste ich dann feststellen, dass es diesen weinerliche Irrsinn auch anderswo gab. Und nicht nur, dass alle mal wieder jung sein wollten (bei Anfang-20-jährigen ein erstaunlich verbreitetes Bedürfnis) – nein, es war immer wieder die Dorfdisco, um die es ging.

LindenhofLindenhof in Wetschen

Und das sonderbarste: Als die Tempel noch standen, waren auch schon alle traurig! Die Hippies wollten die 70er zurück, die Gruftis die 80er und ich selbst meist den letzten Sommer (oder manchmal auch die 70er). So ganz verstehe ich das alles noch nicht. Natürlich ist auch dieser Text hier Teil des beschriebenen Geredes, und natürlich manifestiert sich das Hängenbleiben auch negativ. Nur erklären tut das noch nichts – insbesondere nicht die Ausstellung oder die DVD aus dem ersten Absatz. Es steckt doch etwas mehr dahinter, als die freche und dümmliche Behauptung, dass früher alles besser gewesen sei. Ich werde das im Auge behalten. …

13 Kommentare zu “Früher mal, die Dorfdisco”

  1. Impi
    Februar 13th, 2009 11:58
    1

    Da stirbt ein Stück Jugenderinnerung. Damals war ich selbst öfter im Pleasure Doom unterwegs. Der hat Pleite gemacht? Ein Jammer. :-(

  2. Paule
    Februar 13th, 2009 12:05
    2

    Der Dome hat sogar noch eine Fanpage, über die gelegentlich »Mahnwachen« vor der Tür organisiert werden. …

  3. zukunftskölner
    Februar 13th, 2009 16:50
    3

    sag bloß, dich verwundert nun, dass zufrieden sein, kein menschliches talent ist?!

  4. Paule
    Februar 13th, 2009 17:44
    4

    Nein, mich wundern nur diese nostalgischen Trauertempel.

  5. Ansgar Tegeler
    Februar 18th, 2009 19:47
    5

    Tja da kriegt man glatt Lust die Tür einzureissen, ein Notstromaggregat zu besoregn, Anlage reinstellen und loslegen.

  6. Paule
    Februar 19th, 2009 10:07
    6

    Gibt es da denn überhaupt noch eine Tür?

  7. Kalle
    Januar 28th, 2010 22:31
    7

    zu eurer info am 6.3.2010 wird es im lindenhof eine Lindenhoffete geben mit 2 livebands und ich bin mir sicher die wird besser sein als die revivalfeten am Gasspeicher, denn da sind leute bei die damals auch dort gäste waren

  8. andre
    Februar 11th, 2010 19:36
    8

    ich muss euch leider was mitteilen und zwar wir die lindenhofparty im lindenhof am 6.3.2010 nicht statt finden aus genemigungs gründen sorry:-(

  9. Paule
    Februar 11th, 2010 20:44
    9

    Schade.

  10. Gisbert Wegener
    Juli 31st, 2010 08:16
    10

    Den Inhalt dieses Artikels kann ich nicht nachvollziehen. Als ich in den Siebziger oder Achtzigern die Läden Scala, Circus, Lindenhof usw. besucht habe, haben sich eher alle als Teil einer modernen Bewegung verstanden. Wir waren mitten drin im Leben und gar nicht rückwaertsgewandt. Wenn Jugendclubs geschlossen werden, gehen allein schon deshalb Beziehungen kaputt, weil man Menschen aus den Augen verliert. Damals gab es kein Facebook und co. und man hat sich von heute auf morgen nicht mehr wiedergesehen. Jedenfalls trifft das auf viele flüchtige Beziehungen zu. Wenn man sich mit zeitlichem Abstand dann fragt, was aus diesen Menschen geworden ist und wenn man sich freut, diese noch mal wieder zu sehen, dann kann man das auch dutchaus als Interesse an Menschen sehen und ich finde das auch überhaupt nicht verwerflich, ganz im Gegenteil. Revival-Partys sollten allerdings nicht den Anspruch haben, die alte Zeit wieder aufleben zu laasen. Das geht eh nicht. Sich gemeinsam an schöne Zeiten zu erinnern und entsprechende Musik zu hören, kann man doch schlichtweg auch aus Spaß machen, genauso wie den Besuch einer Discoausstellung oder die DVD dazu. Solche Institutionen dienen auch als Katalysator und Reflektionsmedium,und beides bringt interessante Leute wieder zusammen.
    Diese Discos sind Kulturgeschichte und Zeitzeichen, man kann sie lesen wie ein spannendes Buch,

  11. Paule
    Juli 31st, 2010 14:40
    11

    Ich kenne den Zeitgeist nur in nacherzählter Form und war damals weder auf der Welt noch im Lindenhof. In der zweiten Hälfte der 90er war eure moderne Bewegung jedenfalls nur noch als Bezugspunkt präsent – für eine jüngere Generation, die allein darum schon eher nach hinten geblickt hat.

    (Das war übrigens auch gar nicht so endgültig gedacht, wie es wohl klang. Irgendetwas progressives wird man auch “uns” irgendwann noch nachsagen können.)

    Die DVD ist in deinem Sinne übrigens auch wirklich sehenswert – einige Überlebende erzählen durchaus nette Geschichten und die Entzauberung des Ganzen ist gar nicht so schlimm, wie man befürchten könnte.

  12. andre
    November 7th, 2010 17:07
    12

    was fürne dvd vom lindenhof wenn ja wo gibt es die

  13. Paule
    November 7th, 2010 17:13
    13

    Vom Hof handelt die leider nicht – dafür aber von einigen anderen verwandten nordwestdeutschen “progressiven” Diskos: http://www.myspace.de/zulautzudunkel

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