Stunden sparen

»Ich sah Rentner mit Gurken im Gesicht«, hat Dichterfürst Rainald Grebe über sein Wellness-Hotel gesungen. Gestern habe ich  sie nun auch gesehen – auf der Arbeit allerdings, wo es noch Tomaten, Salat und Zwiebeln dazu gab. Es ist eine heftige und bisweilen schmerzhafte Erfahrung, das irrwitzigen Wirken unserer(!) Corporate Identity – Ideologie am Personalsockel zu beobachten. Als ich zum ersten mal von einem Mitarbeiter gehört habe, wir sollten immer auch an das Unternehmen denken, habe ich das noch für einen etwas unbeholfenen Scherz gehalten. Inzwischen habe ich aber Kollegen gesehen, die freiwillig vorzeitig zur Lochkarte greifen, um »Stunden zu sparen« – also ein, zwei Stunden gratis zu arbeiten, um »auch mal etwas zurück zu geben«, und das dabei tatsächlich auch so zu formulieren. Herzlich willkommen in der Arbeitswelt! Ich kannte sie ja schon vom Hörensagen, aber erst so langsam bekomme ich eine Idee vom Ausmaß der Angelegenheit.

Es ist übrigens nicht so, dass vor Unter-Chef mit dem freiwilligen Lohnverzicht geprahlt wird. Eine derartige »Investition« hätte ich verstanden. Es geht tatsächlich um einen stillen (und selbstverständlich einseitigen) Freundschaftsdienst – bestenfalls hilfreich dabei, das eigenen Wahngebilde von der Firma, die sich »auch hinter mich stellt, wenn es mal eng wird«, zu unterfüttern. Es sind die schlimmsten Seiten des vorzeitlichen Familienbetriebes, die hier durchbrechen. Und das nicht etwa in einer kleinen irgendwas-Agentur, die zu Zeiten der irgendwas-Blase aus einem Freundeskreis entstanden ist, sondern in einem anonymen Riesenkonzern schneeballhafter Weltmarktpräsenz.

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