Ein kleiner Ausnahmezustand

Fast zehn Minuten haben wir gestern gebraucht, um in dem nervigen Geräusch jenseits des Fernsehers einen Feueralarm zu erkennen. Dann mit Hochdruck: Schuhe an, Fenster zu, (Achtung Geistesgegenwart:) Bier gegriffen und runter. Den Aufzug profimäßig nicht benutzt und statt dessen über zehn Stockwerke abwärts durch das Treppenhaus gesprintet. Auf den ersten paar Metern habe ich noch nach unten gestarrt und nach Flammen oder Rauch gesucht, bevor mein Verstand sich dann erfolgreich darauf eingeschossen hat, dass sich ein Blödmann am Alarmknopf vergriffen haben wird.

Im Treppenhaus ist der Alarm unerträglich laut – die Szene gespenstisch. Ein kleiner Junge kommt uns entgegen und will nicht mit nach unten: »Ich muss meinen Papa holen.« Immer noch kein Rauch in Sicht, also soll er machen – bei der Nachbetrachtung eine falsche Entscheidung. Nächstes mal wird das anders gehandhabt … Ein Stockwerk tiefer dann der nächste Fußgänger in der Gegenrichtung: »Gehn se wieder hoch – is ne Übung.« Beruhigt aber neugierig geht es weiter. Draußen ein Menschenauflauf, diverse Feuerwehrfahrzeuge und die mehr oder weniger souverän durchgeführte Bergung einer verletzten Person aus einem verrauchten Zimmer.

ÜbungseinsatzDie Übung durch das Telefon betrachtet

Es kommt niemand auf die Idee, den Alarm auszuschalten. Wie viele Rollstuhlfahrer und laufschwache Rentner mit Todesangst an den Treppenabsätzen der oberen Stockwerke gestrandet sind, weiß kein Mensch. Schlimmer noch: Es scheint auch niemanden zu interessieren. Auf das Problem angesprochen, verweist mich ein Feuerwehrmann auf die Hausmeisterin, die noch ein paar Minuten mit der Sirene ringen wird. Den Ernstfall auch nur zu denken, macht schlimme Bauchschmerzen.

2 Kommentare zu “Ein kleiner Ausnahmezustand”

  1. nosports
    April 19th, 2009 23:21
    1

    OMG OMG OMG
    Dagegen ist die wöchentliche Großbrand-Sirenenprobe hier in Emden ja garnichts!

  2. Nichtidentisches
    April 26th, 2009 14:02
    2

    Der Ausnahmezustand will eben eingetrichtert sein.
    Dass solche “Übungen” eine sehr ungute Tradition haben in der Schärfung der Alarmbereitschaft des Bürgers im Kriegszustand, und dass sie in Friedenszeiten genau den gegenteiligen Effekt haben können, vergisst man gerne – stärker ist der Wunsch, Arbeitslosen und Rentnern mal den Ernst des Lebens beizubringen… Wäre ja noch schöner, wenn so etwas wie ein sanfter Schlummer entstünde

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