Fetisch Banalität

Aus der Jungle Worldschen Stimmensammlung zum Dresdenspektakel:

Unser Ziel ist ganz simpel: Wir wollen den Nazis weh tun. Wichtig ist uns vor allem dabei, dass es die richtigen trifft, und nur die richtigen. Kollateralschäden nehmen wir nicht in Kauf. [...] Alles muss dann schnell gehen. Wenn die Gegner weglaufen, um Hilfe schreien oder zurückschlagen, dann haben wir etwas falsch gemacht. [...] Unsere Geduld wird nach einer Weile mit einer zufällig vorbeikommenden Gestalt belohnt, die einen Pullover der Marke Consdaple trägt. [...] Wenig später geht ein völlig überraschter Neonazi schwer angeschlagen zu Boden und verwandelt sich dort in ein wimmerndes Häuflein Elend.

So erklärt »Aldo Regen« Konzept, Vorgehen und Lustgewinn seiner listigen Truppe. Vom Pulloverträger über den nicht in Kauf genommenen Kollateralschaden direkt weiter zum wimmernden Häufchen Elend. Wer auf die selbstbewusst vorgetragene Freude an Verletzung und Demütigung auch heute noch mit verunsichertem Kopfschütteln reagiert, hat vermutlich in den 90ern diesen Vortrag hier verpasst: »Also, ich komme aus dem Osten, und ich muss sagen …« es folgte dann Gewaltporno über tatsächlich furchtbare Zustände und endete bei was mit Notwehr. Es war ja was dran und die Prügelei ganz bestimmt besser als Lichterketten. Heute, wo Opfersprech aus der Mode gekommen ist, läuft allerdings eine andere Platte.

Uns ist klar, dass dem Bedürfnis, andere zu verletzen oder zu bestrafen, nichts Emanzipatorisches innewohnt. Was wir machen, wird als »politisch unbedeutend«, bestenfalls als »Gegenterror« kritisiert werden.

Es wird werden! Man schreibt Geschichte. Erinnert an den Film-Bösewicht, dem sich argumentativ nicht beikommen lässt, weil er sich seiner Widersprüchlichkeit bewusst ist – kämpfend für eine Welt, in der kein Platz mehr für ihn ist, oder so. Von der Überschrift »Inglourious Basterds« an, dreht sich der Text im Brutalo-Gestus um dieses und andere aus Film und Fernsehen bekannte Gebilde. Die Plattheit ist zum Stilmittel erhoben und streitet alles ab, was nach richtigem Leben im falschen klingen könnte. »Wir machen es trotzdem«, heißt an einer Stelle. Und selbst das ist ausgelutscht – bestenfalls die Parodie der (Nicht-)Reflexion. Der frische Wind der Negation ist abgestanden und riecht streng nach Pipi.

Wir begegnen mehrfach aggressiven Nazigruppen, die auf der Jagd nach Linken sind, uns aber nicht als Antifaschisten erkennen.

Tja, wie auch? Mir ist auch nichts aufgefallen.

9 Kommentare zu “Fetisch Banalität”

  1. Ctrl
    Februar 20th, 2010 08:09
    1

    Das Übliche – Kritik üben, aber selbst keinerlei neue Lösungsansätze für das offensichtlich nach wie vor existierende Rechtsextremismus-Problem in Deutschland liefern. Man wird müde, solche und ähnliche Texte zu lesen.

    Zudem sind die Blockaden am 13. Februar meiner Ansicht nach sehr viel friedlicher verlaufen, als man das im Vorfeld hätte erwarten müssen. Selbst die erlebnisorientierte Jugend hat sich weitestgehend zurückgehalten, körperliche Gewalt ging als offensichtliche Reaktion ausschließlich von rechter Seite selbst aus.

    Der Mehrheit der Antifaschisten war und ist bewusst, dass die Blockaden nur einen kurzfristigen Aufschub bedeuten können und es sich hierbei ausschließlich um Bekämpfung von Symptomatiken handelt. Solange aber keine anderen, besseren und an erster Stelle effektiveren Mittel zur Antwort auf Neonazi-Strukturen gefunden werden – theoretisch sowie praktisch – darf man auch in Zukunft weitere Antifa vs. AN-Schlachten und Schwadronie von Theoretikern über deren Sinn und Unsinn erwarten.

  2. Paule
    Februar 20th, 2010 11:30
    2

    Da hast du mich missverstanden. Hier ging es nur um einen Teil der Antifa, gar nicht um die Blockaden und nur zum Teil um Gewalt. Ich habe mich auf einen bestimmten Text bezogen, in dem auf unerträglich dämliche und Art vorgeführt wird, wie Leute gerade nicht blockieren, sondern sich an Umlandbahnhöfen verstecken, und einen einzelnen Heimkehrer zusammenschlagen.

    Und selbst da ging es mir in erster Linie um die Art der Selbstdarstellung und erst danach um die Sache.

  3. human
    Februar 20th, 2010 12:30
    3

    ich finde den text sehr witzig gehalten, der letzte teil kann nur polemik sein. und selbst wenn nicht, die realitäten beschreibt er auf jeden fall.

    egal wie rum mensch es dreht, ob das opfer-bla kommt, der hauch einer gegenwehr oder der angriff auf den täglchen terror der verhältnisse. wird doch eh alles zerrissen. :(

  4. Ctrl
    Februar 20th, 2010 12:36
    4

    Die Selbstdarstellung von “Aldo Regen” ist ekelhaft, ja. Aber sie kommt dennoch oder gerade vielleicht auch deshalb bei einigen Black Block-Aktivisten positiv an. Der Grund dafür liegt meiner Ansicht nach immer noch an dem erwähnten Problem, dass diesen Menschen keine befriedigenden Alternativen zur aktiven Bekämpfung von Rechtsextremismus angeboten werden.

    Diese beschriebene unsinnige Gewalt ist doch nicht mehr als der Ausdruck von Hilflosigkeit, weil man sich nicht anders zu helfen weiß. Es wird ja auch ganz offen ausgesprochen, dass man ungeachtet der vorhandenen und erwähnten Kritik “es trotzdem” macht.

    Und so ich als überzeugter Pazifist diese Taten auch verabscheue, so muss ich auch zugeben, dass Linksextremen mit wenig politischer (Lebens)Erfahrung kaum andere Optionen bleiben. Altlinke und Antiimperialisten, die irgendwo in den 80ern steckengeblieben sind, erscheinen nicht gerade attraktiv zur politischen Weiterbildung, bzw. begeben sich schlimmstenfalls sogar in ähnliche Fahrwasser wie Krawalltouristen. Und dass man bei vertheoretisierten Antideutschen nicht oder nur schwerlich anheuern will/kann, ist leider auch allzu oft der Fall. Da bleibt man dann doch letztendlich gerne beim einfachen “Nazis auf’s Maul hauen!”.

    Weiß nicht, ob das, was ich aussagen wollte, jetzt verständlich genug angekommen ist, aber es war mir wichtig, nicht ausschließlich auf diese Menschen zu schimpfen, sondern dabei auch mögliche Ursachen für ihr Verhalten etwas mehr in den Vordergrund zu rücken.

  5. Paule
    Februar 20th, 2010 13:14
    5

    Auf die Theorie/Praxis-Schiene würde ich gar nicht mitkommen. Ich kenne mehr als einen theoretisch Theorieversierten, der seine helle Freude an solchen Kommandounternehmen hat – Antideutsche übrigens.
    Außerdem haut »Aldo Regen« nicht einfach nur aufs Maul, sondern schreibt in der Jungle World darüber und verhält sich nicht zufällig zu einer theoretischen Konstruktion der Verhältnisse. Ich möchte wetten, dass du den tatsächlichen Menschen eher beim ideologiekritischen Lektürekreis antriffst, als beim Steinesortieren hinter der VoKü.

  6. Totalitarismus Mythos brav reproduzieren
    April 1st, 2010 16:18
    6

    Totalitarismus Mythos brav reproduzieren

    Die immer wieder angewendete Extremismus Legende stützt sich auf dem falschen Bild der Mitte (zurzeit FDP und CDU) und die linken und rechten Extremisten.

    Fangt doch bitte an die Dinge+Gegebenheiten “richtig” zu benennen und nicht in bürgerlich/staatliche Definitionen zu verfallen.

    Dies stellt freundlich gemeinte Sprachkritik dar – bitte aufnehmen und durchdenken.

    Venceremos companer@s

  7. Paule
    April 2nd, 2010 12:25
    7

    Zeig mir mal bitte so eine “bürgerlich/staatliche Definition” – ich habe leider absolut keine Idee, wovon du sprichst.

  8. saltzundessick
    April 17th, 2010 12:38
    8

    ich hab hier in den letzten wochen paarmal angesetzt und es dann doch immer wieder gelassen. irgendwie hatte ich wohl gehofft, hier wuerde sich noch eine art diskussion entwickeln, wohlwissend, dass so eine diskussion nicht per blogcomment gefuehrt werden kann und auch nicht sollte.
    dein beitrag erinnert nich so ein bisschen an den sachsenpunker in dresden, der vollkommen empoert von den ‘rotlackierten faschisten’ lamentierte, die seine nazis krankenhausreif gehauen hatten und ihnen nicht den spass goennte, hitlers geburtstag zu feiern. nunja.
    ich koennte jetzt hier noch einen kleinen roman schreiben, warum es richtig ist, nazis zu jagen und ihnen die strasse als operationsgebiet zu nehmen. fuer mich und vermutlich auch fuer andere stellte sich immer die frage nach der alternative.
    wie sieht die denn aus? was waere denn aus allen ansaetzen emanzipatorischer oder ansatzweise linker gegenkultur, wenn nazis keine angst haben muessten, sich in die naehe dieser zu wagen?
    warum gibt es denn national befreite zonen, in denen jede/r, der eben kein nazi,arier, anstaendiger deutscher oder sonstwas ist, um gesundheit und leben fuerchten muss?
    der kampf um die strasse wird in erster linie militaerisch gefuehrt, auch wenn das eventuell der jungleworld und ihren leser/innen nicht gefallen wird und ihnen irgendwie wenig humanistisch vorkommt. dazu gibt es eben keine alternative. es ist richtig, dass sich leute wie dieser fiktive aldo regen dazu entschliessen. es ist entsolidarisierend und ausgesprochen kontraproduktiv, antifaschist/innen auch nur ansatzweise in die naehe der faschisten ruecken zu wollen und ihnen eine art fetisch als motivation zu unterstellen.

  9. Paule
    April 18th, 2010 07:17
    9

    Ich habe über den dämlichen Text in der Jungle World gesprochen und nicht vorgehabt, die gesamte Bandbreiten militanten Antifaschismus’ über diesen zu verhandeln. Du brauchst mir diese Notwendigkeit nicht zu erklären – den größeren Teil sehe ich genauso und der kleinere Rest ist tatsächlich nichts für Blogkommentare.

    Und wenn es dann wirklich nur noch um diesen Text und diese speziellen »Antifaschisten« geht, habe ich überhaupt keine Veranlassung, mich ausdrücklich solidarisch zu zeigen. DIE ziehen sich zurück, machen auf elitäre Speerspitze der Antifa. Das Einzige, was man da noch leisten könnte, wäre Heldenverehrung.

    Ich kann und will aus dem wünschenswerten Resultat einer Handlung keine notwendigerweise großartige Motivation derselben schließen. Der unterstellte Fetisch war der des bewusst Unpolitischen bzw des Banalen. Das ist eine komische Konstruktion, geb ich zu – wahrscheinlich sollte sie auch gerade der Witz am Regen-Text sein (mal jemand, der nicht versucht, dass alles in Kontext zu schwingen und unnötig mit Theorie aufzuladen, blabla).

    Ich habe den – wie du selber sagst – fiktiven Aldo Regen nicht in die Nähe von Faschisten gerückt. Diese Kunstfigur ist ein Schläger, der sich voller Stolz genauso präsentiert. Meine Frage wäre, ob das mit offensichtlicher Freude an Erniedrigung und Leiden des Kontrahenten auf-Nazis-einschlagen mit »Antifaschismus« richtig bezeichnet ist. Das alles, was jenseits von Antifaschismus liegt, darum gleich etwas faschistisches haben muss, mögen bestimmte Leute so sehen – ich gehöre nicht dazu.

    Mein Anliegen war ganz offensichtlich nicht deutlich genug gemacht und der ganze Text vielleicht ein Fehler. Es irritiert mich zwar immer noch, wie du (und offline vorher auch andere) ihn lesen, aber da sich scheinbar alle einig sind, ist er offensichtlich nicht zielgruppengerecht formuliert.

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