Es gibt - ganz ohne Frage - viele nachvollziehbare Gründe, sich kritisch mit dem Phänomen Prostitution auseinander zu setzen. Was sich zur Zeit im niedersächsischen Heede (bei Diepholz) beobachten lässt, hat mit diesen allerdings nicht das Geringste gemein. Dort ist ein Bündnis besorgter Bürger angetreten, den privaten Club Silke aus der Nachbarschaft zu vertreiben. Das Problem der “Interessengemeinschaft Heede” ist allerdings, dass dieses Bordell über eine wasserdichte Zulassung verfügt, während sie selbst nur das Recht des Rechthabenden vorweisen können. Daran soll der Kampf aber nicht scheitern, denn man hat scheinbar nicht nur die gerechte Mission, sondern auch einen Sinn für direkte Aktion - im Rahmen des Legalen, versteht sich.
Sinnstifter des ausgerufenen “Widerstandes” sind die lieben Kleinen, denen man den Anblick eines Bordells nicht zumuten könne. Da der Parole „Kein Bordell vor Kinderaugen“ noch keine Begründung anhaftet, muss der befremdlichen Kampagne genauer auf den Grund gegangen werden, um sie zu verstehen. Spätestens die Tatsache, dass man grundsätzlich “Verständnis für derartige Einrichtungen“ habe, wie eine Sprecherin gegenüber dem Diepholzer Kreisblatt betonte, stellt die Protestler in ein fragwürdiges Licht.
Die prüde Prostitutionskritik hat demnach nicht die Prostituierten oder ihre Lebensumstände, tatsächlich nicht einmal das Bordell selbst zum Gegenstand, sondern allein die eigene Gemeinschaft, in der es so etwas nicht geben darf. Dass die Aktionen der Bordellgegner zur Zeit den Besuchern gelten und die Mitarbeiterinnen lediglich vermittels ihrer finanziellen Lebensgrundlage angreifen, mag Zufall sein; vielleicht ist es sogar Ausdruck eines Restanstandes der Kinderschützer. Als Entwarnung taugt dieser Umstand jedenfalls nicht, wobei Panikmache im Gegenzug ebenfalls überzogen wäre. Ein hässlicher kleiner Aufstand ist es ohne Frage, der tobende Mob wird aber wohl noch länger auf sich warten lassen.
Beruhigend ist zumindest, dass die Kampagne jenseits der Heeder Ortsgrenzen kaum mehr als amüsiertes Kopfschütteln bewirken konnte. Insbesondere wahrscheinlich in den unzähligen Nachbardörfern, in denen rote Laternen am Haus gegenüber noch niemanden um die unbeschadete Kindheit gebracht haben.
Am kommenden Donnerstag (6. März) wird der NDR in der Sendung Niedersachsen 19.30 - Das Magazin über die „Interessengemeinschaft Heede“ berichten und hoffentlich eine angemessene Diskussion entfachen. Bis dahin bleibt zu hoffen, dass es in Heede friedlich bleibt und man am besten gar nicht erst auf die Idee kommt, auch jenseits des Bordells nach Störelementen des moralischen Gemeinschaftsempfindens zu suchen.