Archiv für die Kategorie 'Erzählungen'

Texte außer Haus

Samstag, 14. August 2010

Auch wenn hier alles ein wenig ausgestorben ist, habe ich doch ab und zu ein wenig geschrieben in der letzten Zeit. Um das nicht völlig aus den Augen zu verlieren, werde ich das demnächst mal  irgendwo gebündelt verlinken. Den Anfang machen jetzt die Rezensionen auf Beatpunk und dem Rollenspiel Alamach in einer phantastischen Liste.

Sogar zum Kiffen zu blöd

Sonntag, 14. Februar 2010

Sicherlich überflüssig, sich darüber aufzuregen – aber etwas lustig ist er schon, dieser unzufriedene Leser von Walter Benjamins Haschischbuch:

»Schon auf den ersten Seiten wurde ich mit bewußt was ich mir daangetan habe. Oh Gott, der Schreibstil entspricht wirklich dem derErstauflage von 1972 bzw. eher dem 18 Jahrhundert. Noch nie mußte ich in einem Buch die Textpassagen mehrmals lesen um zu verstehen was der Autor zum Ausdruck bringen will. Man muß den Text Wort für Wort lesen, und nach jedem Satz darübernachdenken was der Autor jetzt eigentlich meint. Für die Genereration X absolut unbrauchbar. MfG«

Oder war das ein Witz?

Im Wahn sogar mit Frankreich

Samstag, 31. Oktober 2009

»Schluss mit dem Kult um die Asterix-Comics!«, fordert Richard Herzinger auf Welt Online und nimmt die rübennasigen Globalisierungsgegner fachgerecht – mit Poliakov – auseinander. Die Forderung ist sympathisch und seine Beobachtungen so offensichtlich, dass es vermutlich ermüdend ist, sie schon wieder irgendwo aufschreiben zu müssen. Oder auch nicht, denn die WELT ist nicht irgendwo, wie das hilfreiche Kommentatorengesindel bereits eine halbe Stunde später klargestellt hat:

Die »Interpretation« sei »falsch«, der Autor hysterisch. »Postmodernes Beliebigkeitsgeschwurbel« ist auch schon wieder erkannt worden und was Poliakov endlich brauche, sei eine »richtige Arbeit«. (Aus dem Kriegsgefangenenlager hatte er sich ja seinerzeit auch schon verdrück, gell?)

Wirklich erstaunlich ist eigentlich nur, dass es diesmal Franzosen sind, die da so verbissen wie hirnlos verteidigt werden. Dass nämlich nicht nur die Deutschen zu völkischem Wahn neigen, stellt der Autor schon im zweiten Satz klar – ja, sie hätten nicht einmal damit angefangen. Der Wahn des Ariertums sei übrigens auch »in ganz Europa, nicht zuletzt in Frankreich« verbreitet gewesen. Aber es reicht offensichtlich nicht, die Deutschen so entgegenkommend aus der Schusslinie zu nehmen, will man ihnen auch nur das allerverdaulichste Häppchen Ideologiekritik schmackhaft machen. Vielleicht sollte es bei Gelegenheit mal jemand mit einem us-amerikanischen Westernheftchen versuchen.

Das Wetter

Sonntag, 04. Oktober 2009

Nach zwei Romanen und vier Kurzgeschichten, scheint Sir Arthur Conan Doyle schlagartig aufgefallen zu sein, dass seine Sherlock Holmes Erzählungen vielleicht doch ein kleines bisschen was flavor vertragen könnten. Oder aber – wohlwollender spekuliert – es war Dr. Watson ein wenig schwer ums Herz, als er Die fünf Orangenkerne zu Papier brachte. (Sagt man ja so: »Any studies in Sherlock Holmes must be, first and foremost, studies in Dr. Watson.«) Was auch immer. Jedenfalls gibt es plötzlich Wetter, das mehr tut, als Spuren sichtbar zu machen oder für irgendwelche fragwürdigen De-, Ab- oder Induktionen vorzulegen:

»Er schüttelte uns die Hände und verabschiedete sich. Draußen kreischte der Wind noch immer, und der Regen spritzte und trommelte gegen die Fenster. Diese seltsame, wilde Geschichte schien aus den tobenden Elementen zu uns gekommen – über uns hergeweht wie ein Strang Seetang in einer Bö – und nun von ihnen wieder aufgesogen zu sein.«

Ungefähr so ging es mir heute auch – nur, dass niemand zu mir gekommen ist und ich darum selbst raus ins Scheißwetter musste. Wo ich so darüber nachdenken, war die Geschichte eigentlich auch weder seltsam noch sonderlich wild. Eigentlich war sie nur nervig kaum der Rede wert. Wenn ich sie auf das Wesentliche reduziere, bleibt eigentlich nur stehen, dass ich heute sieben mal über diese Brücke laufen musste und trotz der ungeraden Zahl wieder zu Hause angekommen bin:

Die BrückeMein Weg in die Zivilisation

Konferenztexte in der neuen Bahamas

Freitag, 10. April 2009

Hätte ich geahnt, dass Justus Wertmüller noch auf H. G. Wells’ Zeitmaschine zu sprechen kommen würde, hätte ich die ideologiekritische Konferenz der Bahamas vermutlich nicht so frühzeitig wegen eines versprochenen Abendessens verlassen.

Das Arkadien, das sich der Europäer herbeiwünscht, ist ohne die Morlocks nicht zu haben. Das Delegieren der Selbstverwaltung an ein ewiges Prinzip, das der Kritik entzogen ist, gebiert Menschenfresser.

Dieser Text (und einige andere, derer Lesungen ich dank der gruseligen Anreise nur im Halbschlaf folgen konnte) ist vor ein paar Tagen in der neuen Ausgabe der Bahamas veröffentlicht worden. Wer ebenfalls müde oder gar nicht anwesend war, kann nun nachlesen, was dort vorgetragen wurde.

Motorisiertes Lustwandeln

Samstag, 07. März 2009

Mit dem Auto über die Dörfer – die Bundesstraße so sicher meidend wie der Kohltourist. Vorbei an Häusern, die jünger sind als sie aussehen. Ab und zu anhalten, wo einmal Freunde gewohnt haben – nicht alle davon sind ausgezogen.

Ich grüße zurückgelassene Eltern, bin heute freundlicher als früher, wo es ums Benehmen ging. Ich meide die Gegend, in der ich die alte Kommune vermute.  Ich habe die Allee vor noch Augen, erinnere mich an Hunde, die seit wohl zwanzig Jahren tot sein werden.

So tot wie die Menschen, derentwegen ich den Umweg nehme. Ich besitze ein Foto von einem dieser Gespenster. Es schiebt einen Kinderwagen, in dem ich liege – behaupten die Überlebenden hartnäckig. Conan der Cimmerier soll sein Lieblingsbuch gewesen sein; er sieht ihm auch ein bisschen ähnlich. Wäre die Kassette nicht eh schon durch, müsste ich Menschen machen Fotos von dem Sommer jetzt abschalten.

Auf dem Acker pisst ein Bauer hinter seinen Trecker. There is no prophet in the desert? Ich lasse die Gegend, in der ich gar nicht war, hinter mir und schalte die Musik wieder an. I was the first – back on the farm – Fahr zur Hölle, Synchronizität – und nimm Luke Haines bitte gleich mit.

Your spineless mass and your spineless man
This is the hate socialist collective
- all mental health corrected

Ganz bestimmt! An der Kreuzung (wo auch sonst?) biegt der Mystiker rechts ab und ich überhole ein paar Arschlöcher auf Fahrrädern. Meine Lust auf schlechte Laune ist vorerst aufgebraucht. Ich fahre nach Hause, koche mir einen Kaffee und schaue nach, ob irgendwo Sponge Bob läuft.

Lasst doch den Bernd da raus!

Freitag, 23. Januar 2009

Alle reden vom besetzten Haus in Erfurt, jetzt auch die BILD. Nicht unbedingt wegen der Sache selbst, sondern weil Bernd das Brot entführt wurde. Bernds Papa sagt, Bernd sympathisiere vorrangig mit sich selbst. »Und ich glaube, er zöge Mieten dem Besetzen vor.« Da Hausbesetzungen in meiner Familie früher auch nicht ganz unüblich waren, weiß ich natürlich, dass Eltern und Kinder in solchen Angelegenheiten nicht zwangsläufig einer Meinung sind. Bernd selbst spricht öffentlich nicht mehr darüber, weil:

This video is no longer available due to a copyright claim by Mitteldeutscher Rundfunk.

Copy-, sample-, Wohn- und Nutzungsright – es ist einfach für jeden was dabei! Wird jetzt wieder über Aktionsformen und Kommunikationsguerilla debattiert? Nein, denn morgen ist ja Demo und das ist erst einmal wichtiger. Die Polizei rechnet mit einer Eskalation der Gewalt und ohne vollends auf den gut-böse-Zug aufspringen zu wollen vermute ich mal, dass sie das aus bestimmten Gründen am besten wissen wird.

Ich kenne das Haus nicht und weiß auch ehrlich gesagt gar nicht so wirklich, was da getrieben wurde.  Etwas heiser bin ich allerdings noch vom Hamburger Bambule-Herbst 2002 (»BAMM BUH LEH, WOO HOO«) und seit dem auch etwas vorsichtiger mit dem Geschrei. Vielleicht erklärt es mir ja noch jemand und ansonsten: Passt alle gut auf euch auf!

… mit Dank an creep für den Link zur BILD.

Was mit »Tod«

Freitag, 23. Januar 2009

Ich wüsste ja gerne mal, wie diese Auswahl an Lebensschnipseln eigentlich zustande kommt, die hier im Blog nachzulesen ist. Wenn ich mich durch die einzelnen Beiträge bis zum Anfang zurück klicke, habe ich jedenfalls nicht das Gefühl, es hier mit einem sonderlich repräsentativen Ding zu tun zu haben. Sicher, ein Teil entsteht in (nicht unbedingt durch einen Link dargestellten) Korrespondenz mit anderen Blogs, aber der Rest? Im Moment finde ich es sehr interessant, Texte mit der universitären »Tod des Autors« Vorbildung zu lesen, wenn ich selbst dieser Autor bin.

,,, und das nicht nur, weil Karwan Baschi seit ihrem – auch schon wieder historischen – Ende zu den Untoten zählt. Auch so ein Problem, das ich langsam wirklich mal lösen sollte. Naja.

Großer Gott, es geht los!

Sonntag, 18. Januar 2009

War das gestern jetzt der Erst- (plus x) kontakt? Ein geheimnisvolles Leuchten am ostdeutschen Himmel, das sogar sonst furchtlosen Polizisten Angst macht:

»In Mecklenburg-Vorpommern hätten am Samstagabend mehrere Dutzend Anrufe besorgter Augenzeugen zwischen Rostock, Bad Doberan und Teterow im Kreis Güstrow die Rettungsleit- und Polizeidienststellen erreicht, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag auf ddp-Anfrage. Darunter seien auch mehrere Polizeibeamte gewesen, die sich auf Streifenfahrten in der Region befanden.«

… oder doch nur ein aufwendige Werbeaktion der Iron Sky Crew? Was aber nun, wenn sich da draußen tatsächlich eine faschistische Eroberungsarmee rüstet? Ja, man weiß es nicht.  … Mel Brooks hatte jedenfalls schon Anfang der 80er eine hilfreiche Idee:

Fight Club, Pomos, Todeslager

Mittwoch, 07. Januar 2009

Mir ist nie so ganz klar geworden, was an Finchers Fight Club eigentlich so spannend sein soll. Die Kicks, die der Film mit offensichtlich gigantischer Streuung verteilt hat, haben mein Hirn jedenfalls um ein paar Meter verfehlt, und das obwohl ich damals noch für fast jeden zivilisationsfeindlichen Unsinn zu haben gewesen bin, solang er nur ein klein wenig schlauer als Conan daherkam.

An Chuck Palahniuks Bücher mag ich jedenfalls genau das, was mir am Film  als sehr aufdringlich  und platt erschien: Die kleinen Beobachtungen, Anekdoten und Randbemerkungen, die seine Erzählungen zu einer Art Schott’s Almanac für die ganz Fertigen werden lassen. In Die Kolonie (engl. Hauntend) habe ich vorgestern mehr über das höchst unerfreulichen Ereignis Prolaps gelernt, als ich je wissen wollte und war wirklich kurz davor, mich zu den 73 bekannten Ohnmächtigen zu gesellen. Wie nahe das Schreckliche und das Lustige beieinander liegen brauche ich wohl niemandem zu erzählen. Die Grenzverletzungen, die mir wirklich zu schaffen machen, haben nach dem ersten Schrecken allerdings nichts mehr mich sich umkrempelnden Masturbanten zu tun, sondern einen weitaus ernsteren Hintergrund:

[...] und sagt: »So gesehen …« Sie sagt: »Anne Frank hatte es echt gut.« [...] »Anne Frank«, sagte Genossin Snarky, »musste mit ihrem Buch wenigstens nicht auf Tour gehen. [Seite 15]

Solche Sätze finden sich in dem Roman nur in direkter Rede oder in Gedichten, die von seinen Protagonisten geschrieben wurden. Sie sind geradezu kleinlich als Aussprüche der Charaktere zu verstehen. So auch hier:

Und Mr. Whittier sagte: »Deshalb hat Moses die Stämme Israels in die Wüste geführt …« Weil diese Leute seit Generationen in Sklaverei gelebt hatten. Hilflosigkeit war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Um aus einer Sklavenrasse eine Herrenrasse zu machen, sagte Mr. Wihittiert, um unterdrückten Menschen beizubringen, wie sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen konnten, musste Moses ein Arschloch sein. [Seite 55]

Die »Herrenrasse« lässt fast vergessen, dass es sich hier um den gleichen Käse handelt, der sich auch schon durch Fight Club gezogen hat. Hart musste sein und das will gelernt werden – im besten Fall von Arschlöchern. Das antisemitische Stereotyp vom »Herrenrassen-Juden« versteckt sich in der Botschaft, derer Palahniuk nicht müde wird. (Und die möglicherweise doch noch ein wenig komplexer ist, als ich es hier und zig tausend Fight Club Fans anderswo behaupten.)

Wir wollten nur gerade lang genug hungern, um zu bekommen, was Genossin Snarky »Todeslager-Wangenknochen« nannte. [Seite 126]

Um dieses gefühlte und – vor allem – gefakte »Todeslager« geht es Die Kolonie: Einige gescheiterte Schriftsteller finden sich eingesperrt in einem sonderbaren Theater/Lager, wo ihnen nichts anderes bleibt, als endlich ihre Meisterwerke zu schreiben (erinnert ein wenig an die Scheinhinrichtung in Fight Club). Neben den genannten Anspielungen auf die nationalsozialistischen Lager findet sich darin eine Parallelisierung auf den verregneten Sommer 1816, in dem die Gäste Lord Byrons am Genfer See Frankensteins Monster, den modernen Vampir und – wenn man so will – die Phantastik erfunden haben.

[...] ein Schwarzweißfilmausschnitt: Mr. Whittiers Schädel ist tapeziert mit marschierenden Soldaten einer Wochenschau. [S. 134]

Die Wochenschau – so deutsch wie das Verbrechen, welches hier Andeutung um Andeutung erfährt. Irgendwo in dem Buch steht auch, die Deutschen sagten stets »Schadenfreude ist die schönste Freude«. Ja, das sagen sie wohl so. Ich habe das Buch noch gar nicht zu Ende gelesen und habe die Deutung, die mittlerweile vermutlich von mir erwartet wird, noch gar nicht anzubieten.

Auch um die Grenzverletzung geht es mir nur am Rande. Wichtig ist mir die Feststellung, dass Palahniuk sehr wahrscheinlich weiß, was er tut, wenn er die Phantastik, sein eigenes Genörgel an der Zivilisation und den Antisemitismus (und anders kann man es schlicht nicht mehr nennen, was die »Herrenrasse« und das selbst gemachte Leiden zu Vermarktungszwecken hier mehr als nur andeuten) explizit in  den einen Topf wirft, in dem sie ohnehin schon immer zusammen steckten. Ob ich das nun als Dekonstruktion oder als Reproduktion des Wahns zu lesen habe, liegt an mir allein. So wie auch Fight Club beide Schlüsse zugelassen hat, wird auch von Die Kolonie vorgeführt, wie diese postmoderne Beliebigkeit funktionieren kann, von der immer alle reden.