Mir ist nie so ganz klar geworden, was an Finchers Fight Club eigentlich so spannend sein soll. Die Kicks, die der Film mit offensichtlich gigantischer Streuung verteilt hat, haben mein Hirn jedenfalls um ein paar Meter verfehlt, und das obwohl ich damals noch für fast jeden zivilisationsfeindlichen Unsinn zu haben gewesen bin, solang er nur ein klein wenig schlauer als Conan daherkam.
An Chuck Palahniuks Bücher mag ich jedenfalls genau das, was mir am Film als sehr aufdringlich und platt erschien: Die kleinen Beobachtungen, Anekdoten und Randbemerkungen, die seine Erzählungen zu einer Art Schott’s Almanac für die ganz Fertigen werden lassen. In Die Kolonie (engl. Hauntend) habe ich vorgestern mehr über das höchst unerfreulichen Ereignis Prolaps gelernt, als ich je wissen wollte und war wirklich kurz davor, mich zu den 73 bekannten Ohnmächtigen zu gesellen. Wie nahe das Schreckliche und das Lustige beieinander liegen brauche ich wohl niemandem zu erzählen. Die Grenzverletzungen, die mir wirklich zu schaffen machen, haben nach dem ersten Schrecken allerdings nichts mehr mich sich umkrempelnden Masturbanten zu tun, sondern einen weitaus ernsteren Hintergrund:
[...] und sagt: »So gesehen …« Sie sagt: »Anne Frank hatte es echt gut.« [...] »Anne Frank«, sagte Genossin Snarky, »musste mit ihrem Buch wenigstens nicht auf Tour gehen. [Seite 15]
Solche Sätze finden sich in dem Roman nur in direkter Rede oder in Gedichten, die von seinen Protagonisten geschrieben wurden. Sie sind geradezu kleinlich als Aussprüche der Charaktere zu verstehen. So auch hier:
Und Mr. Whittier sagte: »Deshalb hat Moses die Stämme Israels in die Wüste geführt …« Weil diese Leute seit Generationen in Sklaverei gelebt hatten. Hilflosigkeit war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Um aus einer Sklavenrasse eine Herrenrasse zu machen, sagte Mr. Wihittiert, um unterdrückten Menschen beizubringen, wie sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen konnten, musste Moses ein Arschloch sein. [Seite 55]
Die »Herrenrasse« lässt fast vergessen, dass es sich hier um den gleichen Käse handelt, der sich auch schon durch Fight Club gezogen hat. Hart musste sein und das will gelernt werden – im besten Fall von Arschlöchern. Das antisemitische Stereotyp vom »Herrenrassen-Juden« versteckt sich in der Botschaft, derer Palahniuk nicht müde wird. (Und die möglicherweise doch noch ein wenig komplexer ist, als ich es hier und zig tausend Fight Club Fans anderswo behaupten.)
Wir wollten nur gerade lang genug hungern, um zu bekommen, was Genossin Snarky »Todeslager-Wangenknochen« nannte. [Seite 126]
Um dieses gefühlte und – vor allem – gefakte »Todeslager« geht es Die Kolonie: Einige gescheiterte Schriftsteller finden sich eingesperrt in einem sonderbaren Theater/Lager, wo ihnen nichts anderes bleibt, als endlich ihre Meisterwerke zu schreiben (erinnert ein wenig an die Scheinhinrichtung in Fight Club). Neben den genannten Anspielungen auf die nationalsozialistischen Lager findet sich darin eine Parallelisierung auf den verregneten Sommer 1816, in dem die Gäste Lord Byrons am Genfer See Frankensteins Monster, den modernen Vampir und – wenn man so will – die Phantastik erfunden haben.
[...] ein Schwarzweißfilmausschnitt: Mr. Whittiers Schädel ist tapeziert mit marschierenden Soldaten einer Wochenschau. [S. 134]
Die Wochenschau – so deutsch wie das Verbrechen, welches hier Andeutung um Andeutung erfährt. Irgendwo in dem Buch steht auch, die Deutschen sagten stets »Schadenfreude ist die schönste Freude«. Ja, das sagen sie wohl so. Ich habe das Buch noch gar nicht zu Ende gelesen und habe die Deutung, die mittlerweile vermutlich von mir erwartet wird, noch gar nicht anzubieten.
Auch um die Grenzverletzung geht es mir nur am Rande. Wichtig ist mir die Feststellung, dass Palahniuk sehr wahrscheinlich weiß, was er tut, wenn er die Phantastik, sein eigenes Genörgel an der Zivilisation und den Antisemitismus (und anders kann man es schlicht nicht mehr nennen, was die »Herrenrasse« und das selbst gemachte Leiden zu Vermarktungszwecken hier mehr als nur andeuten) explizit in den einen Topf wirft, in dem sie ohnehin schon immer zusammen steckten. Ob ich das nun als Dekonstruktion oder als Reproduktion des Wahns zu lesen habe, liegt an mir allein. So wie auch Fight Club beide Schlüsse zugelassen hat, wird auch von Die Kolonie vorgeführt, wie diese postmoderne Beliebigkeit funktionieren kann, von der immer alle reden.