Archiv für die Kategorie 'Erzählungen'

Was mit »Tod«

Freitag, 23. Januar 2009

Ich wüsste ja gerne mal, wie diese Auswahl an Lebensschnipseln eigentlich zustande kommt, die hier im Blog nachzulesen ist. Wenn ich mich durch die einzelnen Beiträge bis zum Anfang zurück klicke, habe ich jedenfalls nicht das Gefühl, es hier mit einem sonderlich repräsentativen Ding zu tun zu haben. Sicher, ein Teil entsteht in (nicht unbedingt durch einen Link dargestellten) Korrespondenz mit anderen Blogs, aber der Rest? Im Moment finde ich es sehr interessant, Texte mit der universitären »Tod des Autors« Vorbildung zu lesen, wenn ich selbst dieser Autor bin.

,,, und das nicht nur, weil Karwan Baschi seit ihrem – auch schon wieder historischen – Ende zu den Untoten zählt. Auch so ein Problem, das ich langsam wirklich mal lösen sollte. Naja.

Großer Gott, es geht los!

Sonntag, 18. Januar 2009

War das gestern jetzt der Erst- (plus x) kontakt? Ein geheimnisvolles Leuchten am ostdeutschen Himmel, das sogar sonst furchtlosen Polizisten Angst macht:

»In Mecklenburg-Vorpommern hätten am Samstagabend mehrere Dutzend Anrufe besorgter Augenzeugen zwischen Rostock, Bad Doberan und Teterow im Kreis Güstrow die Rettungsleit- und Polizeidienststellen erreicht, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag auf ddp-Anfrage. Darunter seien auch mehrere Polizeibeamte gewesen, die sich auf Streifenfahrten in der Region befanden.«

… oder doch nur ein aufwendige Werbeaktion der Iron Sky Crew? Was aber nun, wenn sich da draußen tatsächlich eine faschistische Eroberungsarmee rüstet? Ja, man weiß es nicht.  … Mel Brooks hatte jedenfalls schon Anfang der 80er eine hilfreiche Idee:

Fight Club, Pomos, Todeslager

Mittwoch, 07. Januar 2009

Mir ist nie so ganz klar geworden, was an Finchers Fight Club eigentlich so spannend sein soll. Die Kicks, die der Film mit offensichtlich gigantischer Streuung verteilt hat, haben mein Hirn jedenfalls um ein paar Meter verfehlt, und das obwohl ich damals noch für fast jeden zivilisationsfeindlichen Unsinn zu haben gewesen bin, solang er nur ein klein wenig schlauer als Conan daherkam.

An Chuck Palahniuks Bücher mag ich jedenfalls genau das, was mir am Film  als sehr aufdringlich  und platt erschien: Die kleinen Beobachtungen, Anekdoten und Randbemerkungen, die seine Erzählungen zu einer Art Schott’s Almanac für die ganz Fertigen werden lassen. In Die Kolonie (engl. Hauntend) habe ich vorgestern mehr über das höchst unerfreulichen Ereignis Prolaps gelernt, als ich je wissen wollte und war wirklich kurz davor, mich zu den 73 bekannten Ohnmächtigen zu gesellen. Wie nahe das Schreckliche und das Lustige beieinander liegen brauche ich wohl niemandem zu erzählen. Die Grenzverletzungen, die mir wirklich zu schaffen machen, haben nach dem ersten Schrecken allerdings nichts mehr mich sich umkrempelnden Masturbanten zu tun, sondern einen weitaus ernsteren Hintergrund:

[...] und sagt: »So gesehen …« Sie sagt: »Anne Frank hatte es echt gut.« [...] »Anne Frank«, sagte Genossin Snarky, »musste mit ihrem Buch wenigstens nicht auf Tour gehen. [Seite 15]

Solche Sätze finden sich in dem Roman nur in direkter Rede oder in Gedichten, die von seinen Protagonisten geschrieben wurden. Sie sind geradezu kleinlich als Aussprüche der Charaktere zu verstehen. So auch hier:

Und Mr. Whittier sagte: »Deshalb hat Moses die Stämme Israels in die Wüste geführt …« Weil diese Leute seit Generationen in Sklaverei gelebt hatten. Hilflosigkeit war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Um aus einer Sklavenrasse eine Herrenrasse zu machen, sagte Mr. Wihittiert, um unterdrückten Menschen beizubringen, wie sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen konnten, musste Moses ein Arschloch sein. [Seite 55]

Die »Herrenrasse« lässt fast vergessen, dass es sich hier um den gleichen Käse handelt, der sich auch schon durch Fight Club gezogen hat. Hart musste sein und das will gelernt werden – im besten Fall von Arschlöchern. Das antisemitische Stereotyp vom »Herrenrassen-Juden« versteckt sich in der Botschaft, derer Palahniuk nicht müde wird. (Und die möglicherweise doch noch ein wenig komplexer ist, als ich es hier und zig tausend Fight Club Fans anderswo behaupten.)

Wir wollten nur gerade lang genug hungern, um zu bekommen, was Genossin Snarky »Todeslager-Wangenknochen« nannte. [Seite 126]

Um dieses gefühlte und – vor allem – gefakte »Todeslager« geht es Die Kolonie: Einige gescheiterte Schriftsteller finden sich eingesperrt in einem sonderbaren Theater/Lager, wo ihnen nichts anderes bleibt, als endlich ihre Meisterwerke zu schreiben (erinnert ein wenig an die Scheinhinrichtung in Fight Club). Neben den genannten Anspielungen auf die nationalsozialistischen Lager findet sich darin eine Parallelisierung auf den verregneten Sommer 1816, in dem die Gäste Lord Byrons am Genfer See Frankensteins Monster, den modernen Vampir und – wenn man so will – die Phantastik erfunden haben.

[...] ein Schwarzweißfilmausschnitt: Mr. Whittiers Schädel ist tapeziert mit marschierenden Soldaten einer Wochenschau. [S. 134]

Die Wochenschau – so deutsch wie das Verbrechen, welches hier Andeutung um Andeutung erfährt. Irgendwo in dem Buch steht auch, die Deutschen sagten stets »Schadenfreude ist die schönste Freude«. Ja, das sagen sie wohl so. Ich habe das Buch noch gar nicht zu Ende gelesen und habe die Deutung, die mittlerweile vermutlich von mir erwartet wird, noch gar nicht anzubieten.

Auch um die Grenzverletzung geht es mir nur am Rande. Wichtig ist mir die Feststellung, dass Palahniuk sehr wahrscheinlich weiß, was er tut, wenn er die Phantastik, sein eigenes Genörgel an der Zivilisation und den Antisemitismus (und anders kann man es schlicht nicht mehr nennen, was die »Herrenrasse« und das selbst gemachte Leiden zu Vermarktungszwecken hier mehr als nur andeuten) explizit in  den einen Topf wirft, in dem sie ohnehin schon immer zusammen steckten. Ob ich das nun als Dekonstruktion oder als Reproduktion des Wahns zu lesen habe, liegt an mir allein. So wie auch Fight Club beide Schlüsse zugelassen hat, wird auch von Die Kolonie vorgeführt, wie diese postmoderne Beliebigkeit funktionieren kann, von der immer alle reden.

Zombies essen alles auf

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Der frisch von mir rezensierte Comic ‘The Zombies That Ate the World‘ (in der Übersetzung: ‘Als die Zombies die Welt auffraßen‘) wurde oder wird verfilmt, und die erste Minigeschichte gibt es vollständig bei YouTube. Die großartige Schauerlichkeit der Vorlage treffen die Zeichnungen leider nicht so ganz, den Spirit (damit habe ich es im Moment aber auch …) allerdings erstaunlich gut. Hier kann man sich das ansehen, wenn man Lust hat:

Guy Davis, der Zeichner der Comicvorlage, hat übrigens auch das Hellboy Spin-off B.P.R.D. illustriert, was ebenfalls dringend mal jemand animieren sollte.

Texte anderswo

Freitag, 28. November 2008

Während Karwan Baschi weiter so dahin dümpelt, habe ich anderswo immerhin ein bisschen geschrieben:

Nächste Woche passiert hoffentlich wieder etwas mehr. Jetzt fahre ich erstmal auf Umwegen nach Berlin, schreibe demnach nichts und schalte auch keine Kommentare frei. Schönes Wochenende!

Sinn und Zweck

Donnerstag, 23. Oktober 2008

»Das schreibt sich dann halbverdaut aus den Fingerspitzen wieder heraus. Römertragödien entstehen oder sensitivste Lyrik, die im Gewande seitenlanger Interpunktionen wie in der Zartheit durchbrochener Spitzenarbeit einherschreitet: Dinge, die an und für sich lächerlich sind, für die die Sicherheit der Entwicklung aber einen unschätzbaren Wert bedeuten. Denn diese von außen kommenden Assoziationen und erborgten Gefühle tragen die jungen Leute über den gefährlich weichen seelischen Boden dieser Jahre hinweg, wo man sich selbst etwas bedeuten muß und doch noch zu unfertig ist, um wirklich etwas zu bedeuten.«

Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Schwarzrosa Schmutzromantik

Montag, 08. September 2008

Jeder Versuch, einen fairen Text über die mittelalterlich inszenierte Rockmusik von heute zu schreiben, wird unweigerlich an ihren Fans scheitern. Nicht unbedingt an den unzähligen Menschen, die ‘Subway to Sally‘ oder ‘In Extremo‘ in die Albumcharts kaufen oder an die Spitze des ‘Bundesvision Song Contest‘ telefonieren – sondern an denen, die eben darum »Ausverkauf« und »Mainstream« krakelen oder ihre authentische Trauer in süffigem Met ertränken.

Es ist kein großes Kunststück, diese Leute der Lächerlichkeit preiszugeben, und auch ernsthafte Kritik an Mystizismus, Todesbimborium oder Volkstümelei geht leicht von der Hand. Leider ist es fast ebenso einfach, den Gegenstand der Kritik zu verfehlen. Schnell ist die Schnittmenge von Karnevalsverein, Neofolk, Nazi-Dark Wave und Nazimetal ausgemacht und auf monströse Größe halluziniert. Damit ist nichts gegen die Berechtigung von Wachsamkeit, Aufklärung und Aktion gesagt, zumindest aber vor dem Ressentiment gewarnt.

Subway to Sally‘, die ich oben leichtfertig als Beispiel genannt habe, passen eigentlich nicht so recht ins Bild. Mittelalterliches spielt auf den zweiten Blick eine untergeordnete Rolle und für Metal und Gothic bleiben sie eher eine Randerscheinung – wenn auch eine ausgesprochen erfolgreiche. Als eine Art auf Linie gebrachte ‘Inchtabokatables‘ veranstalten sie eine Show, die sich nur schwerlich beschreiben lässt. Freund, Ex-Produzent und Sympath Sven Regener schrieb dem Gedichtband des Subway-Texters Bodenski ins Vorwort:

»Es geht hier nicht ums Mittelalter. Jedenfalls nicht primär. Und auch nicht einfach bloß um Texte, damit man beim Singen was zum Singen hat. Was Bodenski geschaffen hat, ist große Poesie und der kann man den Respekt niemals versagen.«

Mit der letzten Behauptung befindet er sich allerdings im Irrtum, wie unlängst von anderer Seite bewiesen wurde: Der Comic-Verlag ‘Schwarzer Turm‘ hat ein ‘Subway to Sally Storybook‘ herausgegeben, in dem dieser Respekt sehr anschaulich versagt wurde. 19 Songtexte, umgesetzt als Deutschmangas; einem Genre, das mir schon allein deshalb sympathisch ist, weil es sich einen Dreck um kulturelle Identität schert, eine fließende Grenze zwischen Fanart und Professionellem unterhält und auch nicht den leisesten Versuch unternimmt, als autonomes Kunstwerk daher zukommen. Dass ich die meisten Comics hässlich finde, steht auf einem anderen Blatt.

Die Leseproben des Bandes und ein Animexx-Fanart-Wettbewerb geben einen guten Einblick in den dekonstruktiven Kitsch. Keine Spur von Melancholie, Extase, triefender Erotik, oder was auch immer die Vorlagen im Einzelnen ausmacht; nicht ein Hauch von »beseelter Echtheit«. Die rosa Kolorierung (der Verlag nennt es »rubinrot«) ist nichts für schwarze Seelen, sondern Emo-Chic im besten Sinne des Wortes. Ich bin schlichtweg begeistert, obwohl es mir eigentlich nicht sonderlich gefällt.

Dark Knight, mien Mors

Mittwoch, 03. September 2008

Es war nicht immer ganz einfach, den Anschein zu erwecken, anders als die anderen zu sein. Früher musste man sich wilden Filz in die Haare züchten, ohne Internet an bescheuerte Musik kommen, schwierige Bücher lesen und andere zeitaufwendige Dinge tun. Heute ist das alles bedeutend einfacher und in erster Linie durch Angelegenheiten bestimmt, an denen man gerade nicht partizipiert:

Flaggen ans Auto hängen, George W. scheiße finden oder den neuen Batman gucken. Der Haken an der Sache ist nur, dass die ganze Idee des Andersseins mit dem Aufwand auch ihren Reiz verloren hat. Allein diese Überlegung verschafft mir ein flaues Gefühl im Magen, wo andere in den letzten Wochen doch so engagiert ins Spannungsfeld von Gegenidentifikation und identitärer Sinnsuche getextet haben. War es nun richtig, sich da rauszuhalten? Nur weil man sich nicht angesprochen fühlte? Gut, ich lerne ein wenig Hebräisch und lese gelegentlich Adorno, und ich erkenne einen hoffnungslos bescheuerten Text, auch ohne mit der Nase darauf gestoßen zu werden. Aber trotzdem: Geht mich das alles wirklich nichts an? Ich weiß es nicht und es interessiert mich auch ehrlich gesagt sogar noch weniger als die Sache selbst.

Also wieder zurück zu den einfacheren und interessanten Fragen des Lebens: ‘Dark Knight‘ gucken – oder es doch lieber lassen? Einige Freunde hatten scheinbar Spaß im Kino, und die Kritik von Nichtidentisches hat meine Neugierde geweckt. »Nekrophile Faszination« empfinde ich nicht – das ist eine andere Geschichte, die von der Pubertät aus dem ersten Absatz und ‘The Crow‘ handelt. Daran hängen Film und Kritik aber ja nun auch nicht. …

Andere schreiben über Nolans vermeintlichen Realismus: »Er [Christopher Nolan] führt seinen Helden ein gutes Stück aus dem Comic-Universum sonstiger Superheldenfilme heraus und ein wenig hinein in die wirkliche Welt.«. Oder aber: »Hier liegt dann wohl das unübersehbare Glaubwürdigkeitsproblem. Gerade weil „The Dark Knight“ es sich aufbürdet, unsere Realität, unsere Angst, zu seinem Thema zu machen, ist die banale Scheinseriosität seiner Action-Klischees so unredlich, so hohl, so unnötig.«.

Ob das wirklich die entscheidende Frage ist, kann ich natürlich noch nicht beurteilen. Ich möchte es aber können und werde darum wohl doch ins Kino gehen müssen. Entscheidung getroffen, Mission erfüllt – Danke Karwan Baschi!

Nachtrag: Hier wurde ebenfalls gut geschrieben. Man kann dort auch mit Menschen diskutieren, die klug kommentieren und den Film sogar gesehen haben.

Kastrierter Molblin

Montag, 25. August 2008

Heute gibt es ein kleines Büchlein aus der guten (mittel-)alten Zeit der Videospiele. Das Bilderbuch ‘Molblin’s Magic Spear‘ erzählt eine kurze Episode aus den Abenteuern des Helden Link, der (langfristig gesehen) unterwegs ist, um die bezaubernde Prinzessin Zelda aus den Fängen des Unsympathen Ganon zu befreien. Hier geht es aber zunächst nur um den eher nebensächlichen Kampf gegen Ganons Gefolgsmann Molblin, der irgendwo auf halber Strecke die Gegend unsicher macht.

Darum ist es vielleicht noch etwas zu früh, um auf Eugen Drewermanns Interpretation des Märchens Dornröschen zu verweisen. Ich mache es trotzdem:

»Wer möchte solch ein Prinzgemahl nicht sein? Mutig durchs Gebüsch gedrungen, dann, ansichtig der Schönen, von der alle traumverloren reden, naßforsch die Gunst des Augenblickes nutzend – allein die Paßgenauigkeit, mit der Triebwunsch und und Rettungstat sich ineinander fügen, – o seltene Glückseligkeit!«

Selten – fürwahr! Mir kommt Drewermann in den Sinn, weil sich die »tiefenpsychologische Deutung« auch im Falle des Nintendo-Märchens geradezu aufdrängt. Spätestens, wenn Link das magische Kastrationsbesteck im Uterus-Shop erwirbt, beginnt der sexualisierte Spaß.

… aber lest selbst:

Molblin’s Magic Spear

Künstliche Antifas

Donnerstag, 21. August 2008

Gestern habe ich ihn noch einen Frechdachs genannt – heute schreibt Jakob in der ‘Jungle World, wofür man Hellboy schätzen sollte. Wenn er seine Blogabstinenz weiterhin derart produktiv umsetzt, bin ich wieder glücklich und entschuldige mich für meine anmaßende Beschwerde:

»Selbstredend ist »Big Red«, wie ihn seine Freunde nen­nen, aktiver Antifaschist. Seine Faschismusanalyse (»Ach, Kacke!«) mag ein bisschen hinter der von Indiana Jones (»Nazis! Ich hasse diese Typen!«) zurückbleiben, nicht aber sein Engagement.«

Und weil er so recht hat, präsentiere ich noch einmal zustimmend, was es hier schon gab:

Passt ja grad so schön.