Archiv für die Kategorie 'Erzählungen'

Zitierte Hunde im Klassenkampf

Tuesday, 26. February 2008

Kurze Zwischenfrage an die Auskenner unter euch: Im Vorwort zur Neuauflage wennvon Cosmic Banditos zitiert Allan C. Weisbecker ein “riesiges politisch angehauchtes Buch“, in dem einige Referenzen auf sein Werk zu finden sein sollen. Gibt es das tatsächlich und wie heißt es? Oder andersrum gefragt: Woher stammt dieses abstruse Zitat ursprünglich?

Der Weg der Befreiung aus dem Klassenkampf zeigt sich darin, daß man nicht über alle Dinge in derartigen Begrifflichkeiten nachdenkt und sich einer Utopie entsinnt, die ein Ende des Klassenkampfes hat, innerhalb eines besonderen Bewußtseins aus dem er entstanden ist. Dies ist das grundlegende Einstellungsproblem der marxistischen Banditos (in dem Buch) und der Grund, warum sie mit ihren kosmischen Kollegen nicht weiterkommen. »Sie mögen auch keine Hunde« (eine Bemerkung des Autors), ist sogar ein weiteres Beispiel von etwas sehr wichtigem. Sie können es nicht mit ihrer Ideologie vereinbaren, Hunde zu mögen, da sich Hunde nach ihrem Verständnis nicht am Klassenkampf beteiligen. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Geschichte, die in Cosmic Banditos beschrieben ist, tatsächlich geschehen könnte, ist sehr gering; doch nicht unmöglich. Cosmic banditos ist zwar eine unwahrscheinliche Geschichte, aber keine unwahrscheinliche. Es ist eine humoritistische Arbeit mit psychedelischen Bestandteilen. Ebenso ist es eine philosophische Arbeit über das menschliche Wissen und die Wahrnehmung der Realität. Man könnte es einen groschenromanartigen »Tzeuberg« der Postmoderne nennen.

Der genaue Wortlaut wird natürlich etwas anders sein, falls Weisbeckers Übersetzer und der des “riesigen Buches” nicht Teil einer gemeinsamen Schwarmintelligenz sein sollten. …

Buffy Studies in Bremen

Wednesday, 20. February 2008

Ich war gestern im Bremer Infoladen, um mir frische Buffy-Spoiler abzuholen. Lars Quadfasel und Carmen Dehnert, von der Gruppe Ratio Rausch Revolution, haben unter dem Titel »Buffy the Vampire Slayer – Slayer Grrrl Power!« über “ödipale Vampire und die Allegorese der Kulturindustrie” gesprochen. Ich habe zwar tatsächlich mal ausführlich mitgeschrieben, werde mich hier nun aber doch ein wenig zusammenreißen, weil der vorgetragene Text bald im Extrablatt erscheinen soll.

Der Einstieg:
Ich habe schon in der Tür des Infoladens auf den DVD-Player geschielt. Es soll ja Leute geben, die lieber ohne Filmbeispiele durchreden; meine Referenten gehörten zum Glück nicht dazu. Kulturindustrie, Psychoanalyse und Buffy - klingt nach Infotainment im besten (und nie gebrauchten) Sinne des Wortes. Los ging’s wie folgt: ‘Buffy’ breche zwar mit einigen Regeln des Unterhaltungsgrusels, habe starke weibliche Charaktere und stelle halbwegs komplexe ethische Fragen, halte sich aber dennoch meist an die Genrekonventionen. Und das sei nicht nur zu verschmerzen, sondern mache sogar den eigentlichen Reiz der Erzählung aus. ‘Buffy’ sei Fernsehen, wolle auch gar nichts anderes sein und fliege darum auch nicht auf die “arte-Kulturschrottschnauze”. Keine Überraschung, dass das erste Adornozitat nicht lange auf sich warten lässt. Was der über den Komponisten Mahler schrieb, ließe sich ohne große Schwierigkeiten auch auf Joss Whedon beziehen:

“Sie nennen ihn unschöpferisch, weil er ihren Begriff des Schaffens selber suspendiert. Alles, womit er umgeht, ist schon da. er nimmt es hin in der Gestalt seiner Depravation; seine Themen sind enteignete. Dennoch klingt keines, wie man es gewohnt war: alle sind wie durch einen Magneten abgelenkt.”

- Theodor W. Adorno: Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt

Die ‘Buffy Studies’ hätten die Fragen nach der Form bisher sträflich vernachlässigt, um sich dafür in den Inhalten zu verbeißen. Die Referenten wollten es anders machen, da die Buffybotschaften an der Oberfläche verhandelt würden und nicht in der Tiefe. Der Körpertausch von Buffy und Faith mit seinen Spätfolgen für Faiths Psyche sei beispielsweise ein Moment, an dem sich die Spielregeln direkt ablesen ließen.

Das überdeutliche Metaphernspiel sei keine blöde Plattheit, sondern selbst Allegorie: Im Überzogenen zeige sich die Realität von Teenagern, deren erste Liebe ebenfalls im Mittelpunkt der Welt stehe und mindestens die Größe von Romeo und Julia, oder eben Buffy und Angel habe.

Der kastrierte Vampir:
In der zweiten Hälfte ging es den Charakteren Angel und Spike mit Lacans Psychoanalyse an den Kragen, respektive den Phallus. Der Mangel, das Begehren und die Machtlosigkeit waren die Kategorien, in die insbesondere Spike (der sich solchen Operationen gerne entzieht) zerlegt wurde. Zahlreiche Filmszenen, in denen der sexuelle Gehalt von Spikes Beißverbot (sein “internalisiertes Nein”) überdeutlich zum Vorschein kommen, haben die meisten Lacher des Abends provoziert. Wer meiner Erinnerung nicht traut, oder die ganze Geschichte vom mikroelektronischen Nom/n-du-Père hören möchte, muss sich von hier an gedulden und auf das Extrablatt warten. (Oder mich fragen, wenn ich mal wieder irgendwo sein sollte.)

Was der Abend gebracht hat:
… ist gar nicht so leicht zu sagen. Einige Details waren durchaus interessant und ich hatte auch meinen Spaß an den Filmszenen; eine Message™ ist aber leider nicht bei mir angekommen. Vielleicht sollte aber auch “nur” ein Erkenntnisprozess angeregt werden, der sich bei mir schon beim Gucken der Serie vollzogen hatte. Mag sein, dass der - dank DVD-Player Hickhack - nicht ganz reibungslose Ablauf daran schuld war, aber bei mir sind letztlich leider nur ein wenig Kulturindustrie hier und etwas Lacan da hängen geblieben. Als ich gehört habe, dass der “führende Hamburger Anti-Deutsche”, wie Lars Quadfasel einst so lustig denunziert wurde, über Buffy sprechen wird, hatte ich jedenfalls etwas mehr erwartet. Bleibt zu Hoffen, dass der Vortrag eher ein Aufwärmen für den Kittkritik-Kongress war, als schon alles, was da passieren wird.

Drei Hinweise zum Schluss:

  • Ich habe erst kurz vor der Fahrt nach Bremen von ‘Buffy Studies’ gehört und bin beim schlaumachen auf das Magazin ‘Slayage‘ gestoßen: “The Online International Journal of Buffy Studies”. In der kommenden Ausgabe (Nummer 25) wird es ausnahmsweise nicht um ‘Buffy‘, sondern um ‘Firefly‘ und ‘Serenity‘ gehen. Ein erfreulicher Fund am Rande!
  • Ähnlich spannend wird das neue buffylinke-Blog werden, das ich aus irgendwelchen Gründen noch gar nicht verlinkt hatte. Jetzt aber.

I am Legend, die 2te

Saturday, 02. February 2008

Ich habe ‘I am Legend‘ gerade zum zweiten mal gesehen - diesmal mit der, inzwischen gelesenen, Romanvorlage im Hinterkopf. Die zweite Hälfte des Films ist wirklich totaler Müll; zumindest so viel habe ich seit dem letzten Versuch gelernt. Wer Lust hat, sich demnächst anzugucken, wie sich Vincent Price und Charlton Heston in der gleichen Rolle machen, soll sich kurz melden: Für ein endzeitliches Anknüpfen an den Wilson-Filmabend.

Legende Legende sein lassen

Monday, 21. January 2008

Ich habe mir gestern ‘I am Legend‘ angesehen und mich dabei zunächst recht gut unterhalten gefühlt. Im Verlauf des Abends kamen dann allerdings Zweifel auf, die ich leider noch nicht wirklich benennen kann. Ohne den Versuch, eine ernsthafte Filmkritik zu leisten, sei kurz auf das Ende der Romanvorlage hingewiesen. Spoilerwarnungen müssten nur für angehende Romanleser ausgesprochen werden - der Film geht anders aus.

Die Wikipedia verrät uns das ursprüngliche Ende:

Er blickt aus dem Fenster auf die Vampirmassen und erkennt nun, dass er selbst für die Vampire das abnormale Monster ist. Denn sie haben gelernt, mit dem Virus zu Leben und er ist ein Mythos, der die getötet hat, die sie geliebt haben. Er ist für sie das, was die Vampire früher für die Menschheit waren: Ein Übel, das vernichtet werden muss. Als er im Angesicht der Vampire die Pille schluckt, endet die Handlung mit der titelgebenden Zeile: Ich bin Legende.

Ich will mir demnächst noch einmal die erste Verfilmung ansehen und den Roman lesen, von dem nicht nur Jakob so begeistert ist. Vielleicht hilft das ja gegen die Sprachlosigkeit und bietet nebenbei noch Gesprächsstoff.

Metaphernknoten

Friday, 18. January 2008

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David Cronenbergs ‘Spider‘ ©Sony Pictures Classics 2002

Um die Zusammenhänge festzulegen, die das Leben der Stadt regeln, spannen die Einwohner von Ersilia Schnüre von Hauskante zu Hauskante, weiße oder schwarze oder weiß-schwarze, je nachdem, ob sie Beziehungen von Verwandtschaft, Warenverkehr, Autorität oder Vertretung bezeichnen. Sind es dann so viele Schnüre, daß man nicht mehr durchkommt, gehen die Einwohner fort: Die Häuser werden abgebaut; es bleiben nur die Schnüre und die Halterungen der Schnüre.

- Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte

Joss Whedon für Jungs

Thursday, 17. January 2008

Wir haben gerade die erste “Buffy-Episode für Jungs” gesehen: The Zeppo. Während die übernatürlich befähigten Charaktere ein cthuloides Tentakelmonster vom Zerstören der Welt abhalten, verhandelt Xander seine Geschlechtlichkeit in übler Gesellschaft, hängt mit kriminellen Zombies herum und prügelt sich durch seinen Nebelplot. Worum es geht, wird - wie üblich - nicht verheimlicht:

Xander:It’s my thing.
Willow:Your thing?
Xander:My thing!
Buffy:Is this a penis metaphor?

Ich hatte viel Spaß an der Geschichte, obwohl ich mich immer noch frage, warum Xander und Faith jetzt miteinander schlafen mussten. Kann es sein, dass hier eine sehr coole Figur für die Adoleszenzschmonzette einer anderen eingespannt/geopfert wurde? Der anschließende Rauswurf hat es leider auch nicht wirklich besser gemacht. Aber warten wir erstmal ab, wie es morgen weiter geht.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, ‘Firefly’ noch einmal durchzusehen; meinen Einstieg ins Whedonverse, mit dem ich immer noch mehr anfangen kann, als mit Buffy. Hier mein rosa Jayne “he puts the me in mercenary” Cobb mit seiner Ansage:

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Vorlage von 11th Hour

Landstraßenkot in the Sky

Monday, 14. January 2008

Wer nicht schlafen kann, soll es lassen. Ich komme gerade von draußen, wo ich ein paar hässliche Gedanken an Früher losgeworden bin. Dafür ist mir Heine mal wieder in den Sinn gekommen. Eine der ganz wenigen - mir wirklich etwas bedeutenden - Lektüren meiner Schulzeit:

Das ist ja meine Heimatluft!
Die glühende Wange empfand es!
Und dieser Landstraßenkot, er ist
Der Dreck meines Vaterlandes!

- Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen. Caput VIII

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good morning, turnfatherland.

Bücherstapel deluxe

Wednesday, 09. January 2008

Ich habe, nach dem Posten meines Bücherstapels im Sommer, mehrfach darüber nachgedacht, ihm ein Update zu spendieren und es dann doch nie getan. Hauptsächlich, weil mir die Fom “Blogeintrag” für so etwas nicht wirklich gefallen hat. Eine gebloggte Leseliste verschwindet deutlich schneller von der Startseite (und damit im Nichts), als ich sie abarbeiten kann und ich will auch ständig mit solchen Beiträgen nerven.

Andererseits hätte ich schon Lust darauf, meine Lektüre zur Diskussion zu stellen, oder als Tipp anzubieten. Fragt sich nur, wie das am besten zu machen wäre. Manche Blogs haben eine “Ich lese gerade” - Grafik in der Sidebar; lange Listen auf Extraseiten habe ich auch schon gesehen. Beides gefällt mir nicht wirklich gut. Die Liste wird auf Dauer zu unübersichtlich und mich auf ein Buch am Rand zu beschränken, entspricht nicht meinen Lesegewohnheiten.

Gibt es nicht eine Art last.fm für Bücher, oder sonst eine elegante Lösung? Ich freue mich jedenfalls über Vorschläge und bitte um Verständnis, falls es in den nächsten Tagen zu gewagten Experimenten kommen sollte. …

Literatur oder Krankheit

Friday, 04. January 2008

Eigentlich gibt es kaum etwas überflüssigeres, als über BILD-Artikel zu bloggen. Es würde auch niemand darüber schreiben, dass sein neugeborener Nachwuchs schon wieder die Windeln voll hat - denn obwohl so etwas in sehr unterschiedlichen Qualitäten (und manchmal sogar auf unterhaltsame Weise) passiert, ist es im Grunde doch immer dasselbe: Scheiße.

Insbesondere die ‘Post von Wagner‘ vermag selten zu überraschen. Immer wieder haarscharf an der Volksverhetzung vorbei, wird da “gegen Homosexuelle, Atheisten, Ausländer, emanzipierte Frauen, Liberale, Sozialdemokraten und ihm unliebsame Prominente” (Wikipedia) getextet. Kalkuliert, primitiv, durchschaubar und eigentlich kaum berichtenswert. Kaum … Heute mache ich allerdings eine Ausnahme, denn es wurde ungewohnt poetisch:

“Der Grund ist für mich das neue Selbstbewusstsein der Deutschen. die 68er sind in Rente, die Feindseligkeiten von früher sind begraben. Der Hass auf Deutschland ist Literatur oder Krankheit. Immer mehr Deutsche schwenken Deutschlandfahnen. Ich denke, dass dies der Grundstein war für unseren Erfolg. Wir alle wissen um die Schuld unserer Väter Großväter und Urgroßväter. Das bleibt ewig.”

Post von Wagner: Liebes Super-Deutschland

Sibylle Berg über Neider

Saturday, 29. December 2007

Während ich der Völlerei gefrönt habe, hat sich Sibylle Berg einer anderen Todsünde (oder richtiger: einem anderen Hauptlaster) angenommen: dem Neid. ‘Beim Mümmeln der Mandarine‘ heißt der Text, den sie vor ein paar Tagen in der taz veröffentlicht hat und wenn auch zu sonst nichts, kann man ihn immerhin als Beispiel für ein zünftiges “Ich hab’ ja nichts gegen Heuschrecken, aber …” gebrauchen.

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Haben …

Es geht unspektakulär los: Neid ist so relativ, wie der Reichtum, auf den er schielt. Manche gieren mehr als andere und wer ganz unten ist, tut das vielleicht mit mehr Recht als jemand anderes. Immerhin müssen einige antibürgerliche und lustfeindliche Feindkonstruktionen dran glauben und wir dürfen sogar ein paar dieser Reichen kennenlernen, die wir nicht hassen sollen, weil sie tatsächlich nur Menschen sind. In Zeiten von “Heuschrecken” gehört das wohl tatsächlich zu der Art von Selbstverständlichkeit, an die immer mal wieder erinnert werden sollte.

mandarine2.jpg

… oder nicht haben! </flachwitzillu>

Die Erkenntnis, dass diese Leute in erster Linie trotz ihres Reichtums irgendwie auch Menschen sind, bricht sich schließlich beim “Reichentypus Ackermann” Bahn: Die Anzüge scheißen sie sich voll, weil sie vor Daueranspannung den Schließmuskel nicht kontrollieren können. Roboter ohne Demut vor dem Tod sind sie, jawohl! Da kommt der Kapitalismus also doch noch zu seinem hassenswerten Gesicht, der verunsicherte taz-Leser kann wieder aufatmen und das ganze Gerede vom Menschen kann getrost als verstandene Ironie abgehakt werden.

“Luxus für Alle!” ist der finale Gedanke, aber obwohl mich das eigentlich freuen sollte, bin ich verunsichert. Wer weiß schon, wie der kleine Luxus von Leuten aussieht, die sich an demütigenden, vollgeschissenen Anzughosen aufgeilen? Wahrscheinlich würden sie es sich auch gerne einmal gönnen, der Heuschrecke so richtig die Fresse zu polieren.

Ich will nicht anmaßend herumpsychologisieren und irgendjemandem erklären, was Frau Bergs Motive hinter diesem - immerhin künstlerischen - Text gewesen sein könnten. Es reicht vollkommen, darüber nachzudenken, wie er wohl gelesen worden sein wird, wo man die taz abonniert hat und die Linkspartei wählt.