Noch son Stein
Freitag, 13. August 2010Blurred Vision machen einen schäbigen Song wieder frisch und geben ihm vielleicht sogar einen Hauch von Action zurück, oder wie man das nennt.
Blurred Vision machen einen schäbigen Song wieder frisch und geben ihm vielleicht sogar einen Hauch von Action zurück, oder wie man das nennt.
»In August 2007, Sophie Lancaster was kicked to death, simply for dressing differently. Two years on, and in tribute to the outgoing, bubbly girl who was denied the chance to live life her way, cult new British make-up brand Illamasqua has commissioned a short film by award-winning French director, Fursy Teyssier.
Produced by creative agency Propaganda, in association with iconic British band, Portishead, Dark Angel is a beautifully haunting rendition of Sophies story.
The aim of the film is to raise awareness of The Sophie Lancaster Foundation and generate £500,000 to help educate young people about tolerance. Since Sophies death, weve been working with behavioural experts Huthwaite International, to put together an interactive youth workshop that does just that.«
[via]
… hat man in unserer schönen neuen Welt nicht mehr einfach nur verpasst, sondern bekommt das bei YouTube auch noch ganz frech unter die Nase gerieben. Hat man sich erst von der blöden Idee des Ereignisses verabschiedet, kann man dann auch so tun, als wären die Bilder keine drei Jahre alt.
Egotronic auf dem Dorf – auf meinem, um genau zu sein. Die Feierei an und für sich war ganz lustig, alles andere eher verstörend. Viele Pali-Tücher um mich herum (irgendwer hat das neulich mal als Realsatire bezeichnet). Nach der Veranstaltung wurden wir draußen von Sprechchören in Empfang genommen: »Nieder, nieder mit den Antideutschen«. Gesprechchort wurde auch drinnen; irgendwas mit »Hurensohn«, glaube ich. Genau verstanden habe ich es nicht. Torsun wird es besser wissen, immerhin hat er zwischendruch angemerkt, selten so dämliche Geschichten aus seinem Publikum gehört zu haben. Auf einer komatösen Wanderung durch die Lingener Innenstadt gab es noch (im Grunde ganz nette) Auseinandersetzungen mit den Eingeborenen und ich habe nun erstmals das Gefühl, tatsächlich an meinem neuen Wohnort angekommen zu sein. Kann nicht sagen, dass es vorher schlechter gewesen wäre. …
Nachtrag: Diese »Auseinandersetzungen« waren selbstverständlich friedlicher Art. Ich weiß auch nicht, warum mir so ein Krawallwort in den Sinn gekommen ist.
Verzichtet man auf dieses und jenes unterhaltsame Detail, bleibt von jedem Gerede über »damals« nur ein faseliger Brei, der irgendwann selbst diejenigen zu Tode langweilt, die dabei gewesen sind. Ein ganz besonders beliebtes Thema sind die kleinen alternativen Dorfdiscos, von denen es auf dem norddeutschen Flachland früher tatsächlich mal mehr als heute gab. Bei uns zwischen Bremen und Osnabrück sind der Lindenhof (Wetschen), der Pleasure Dome (Oppenwehe) oder der Circus Musicus (Märschendorf) heute so legendär, wie sie pleite und geschlossen sind; und auch weiter westlich im Emsland sind die vergleichbaren Läden größtenteils ins Museum und die Geschichts-Doku umgezogen.
Man könnte sagen, wir hätten in den 90ern das Ende einer Ära erlebt – zwischen Krautrock-Resten, Hippielala und MTV-Metal an unseren adoleszenten Identitäten gestrickt. Ich kenne einige, die das tatsächlich so oder so ähnlich sagen und noch einige mehr, die eher wortlos auf ihren entsetzlichen »Revival Partys« herum oxidieren. Als die Läden vor ein paar Jahren wegstarben, habe ich die kollektive Traurigkeit noch für ein lokales Phänomen gehalten, für ein weiteres Mosaikteilchen Diepholzer Provinz-Tristesse. Später in der großen Stadt musste ich dann feststellen, dass es diesen weinerliche Irrsinn auch anderswo gab. Und nicht nur, dass alle mal wieder jung sein wollten (bei Anfang-20-jährigen ein erstaunlich verbreitetes Bedürfnis) – nein, es war immer wieder die Dorfdisco, um die es ging.
Lindenhof in Wetschen
Und das sonderbarste: Als die Tempel noch standen, waren auch schon alle traurig! Die Hippies wollten die 70er zurück, die Gruftis die 80er und ich selbst meist den letzten Sommer (oder manchmal auch die 70er). So ganz verstehe ich das alles noch nicht. Natürlich ist auch dieser Text hier Teil des beschriebenen Geredes, und natürlich manifestiert sich das Hängenbleiben auch negativ. Nur erklären tut das noch nichts – insbesondere nicht die Ausstellung oder die DVD aus dem ersten Absatz. Es steckt doch etwas mehr dahinter, als die freche und dümmliche Behauptung, dass früher alles besser gewesen sei. Ich werde das im Auge behalten. …
In Oldenburg soll es mal einen Nazi gegeben haben, der – wie die Legende weiß – folgendes auf seinen Rucksack geschrieben hatte: »Die Indianer haben sich nicht gegen Einwanderer gewehrt. Heute leben sie in Reservaten.« Ob es diesen Spaßvogel wirklich schon gegeben hat, bevor die NPD den Spruch an ihr Zielpublikum verschleudert hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall macht die Geschichte Stimmung, wo die altlinken Begeisterung für autochthone Völker im Aufstand noch lange nicht Historie geworden ist. Über »Istrumentalisierung« habe ich schon Flüche gehört, sogar den längst verschalten Spruch mit dem Raub »unserer« Codes habe ich schon vernommen.
Dabei sind die Indianer (im Gegensatz zu den weniger greifbaren native americans) schon lange die Freunde aller Deutschen – auch und gerade derer, die nicht zu »uns« gehören. Früher sind sie in blutsbrüderlicher Eintracht mit Old Shatterhand durch die Landschaft geritten, später standen sie uns als Belastungszeugen zur Seite, als es galt den Holocaust auf der ganzen Welt – nur nicht in Deutschland – nachzuweisen.
Die tatsächlichen Menschen können freilich nicht sonderlich viel für diese Freundschaft. Nicht einmal dann, wenn sie sich von ihren deutschen Brüdern und Schwestern bejubeln lassen, wie es die (Ethno-)Punkband Blackfire seit ihrem ersten Konzert auf dem Tanz- und Folkfest in Rudolstadt immer mal wieder tut. Der Folker berichtet anlässlich ihrer Europatournee über die Band aus »den sogenannten Vereinigten Staaten«, und lässt die Musiker einen softcore-völkischen Quark palavern, wie es außerhalb der Folkszene nur ganz spezielle Menschen tun: Ohne Identität sei alles nutzlos … vielleicht sogar die Musik, die wie ein Gebet Energien zur Heilung produziere … voller Kraft und Schnelligkeit wie bei einem Pferd, das außer Kontrolle sei. (Nachzulesen auf den Seiten 22-23 des Folker 01.09, der spätestens morgen in Bahnhofsbuchhandlung und Musikgeschäft liegen sollte.)
Im Jahr 2002 waren Blackfire für viele Besucher das Highlight auf dem TFF Rudolstadt. Auf zwei Konzerten habe ich vollkommen begeisterte Menschen gesehen, die ansonsten eher weniger Freude an härterer Musik haben dürften. Ein etwas übermotivierter Konzertbesucher ist sogar noch auf die Bühne geklettert, um die Botschaft der Musiker ins Deutsche zu übersetzen. Endlich gab wieder einen Kronzeugen gegen die schreckliche Macht der USA abzufeiern; attraktive junge Menschen im Antiglobalisierungslook, fest entschlossen, das Kriegsbeil gegen die Weltmacht zu erheben. Vielleicht werde ich mir sogar ansehen, was sich über die Jahre getan hat. In Hamburg vielleicht, wo witzigerweise im Museum für Völkerkunde aufgespielt wird.