F*****g Censorship
Dienstag, 18. November 2008Es tut mir leid Creep, aber Dein YouTube-Fund ist einfach zu gut, um nicht überall gepostet zu werden:
Es tut mir leid Creep, aber Dein YouTube-Fund ist einfach zu gut, um nicht überall gepostet zu werden:
Nach knapp zwei Monaten ausführlichen Hörens bei fast verschwiegener Begeisterung nun endlich die ausführliche Besprechung des Albums ‘Classless Kulla als Beifahrer beim Istari Lasterfahrer – Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!’ (Sozialistischer Plattenbau, 2008)
Das Cover
In Bini Adamczaks Versuch, in kindgerechter Sprache für den Kommunismus zu werben, endete jeder bisherige Versuch mit der gleichen enttäuschten Erkenntnis: »Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!« Es ist egal, wie wenig Begeisterung ich für das Buch aufbringen kann – der Satz ist einer, den ich gerne öfter hören würde. Und da die Freunde (und ein Großteil der Feinde) offensichtlicher Fehlschläge scheinbar nicht dazu in der Lage sind, müssen es eben andere tun. In diesem Fall waren es der Buchautor, Blogger und Musiker Classless Kulla und der »Breakcore«-Produzent und -Labelgründer Istari Lasterfahrer; zwei Vertreter des diskordianischen Kommunismus und des Lasterfahrianismus – in der gemeinschaftlichen Erkundung der »Dialektik von getrennt und zusammen«.
Die 19 Tracks der CD lassen sich nicht einmal über das Ungenre Breakcore auf einen Nenner bringen; gegen jede allgemeine Beschreibung ließe sich problemlos zu einem Gegenbeispiel skippen. Rohe elektronische (Break-)Beats, Samples und unglaublich viel Text machen aber dennoch einen Großteil der Musik aus. Wer Classless bisher nur als Egotronic-Gastsänger kennt, wird sich auf erheblich weniger eingängige Musik einstellen müssen. Und obwohl Bass, Beat und Gesang treiben, sind die Texte – zumindest für mich – das herausragende Element.
Klare Statements gegen Ghetto-Ost-Romantik (’Flucht aus dem Plattenbau‘), Mackertum (’Sexist Motherfucker‘) oder revisionistische Opferfeiern (’Dresden Calling‘) wechseln mit nachdenklichen Texten, die sich nicht so ohne Weiteres auf eine Botschaft runterbrechen lassen. Ein musikalisch und politisch aufpoliertes Revival des altlinken Protestsongs findet hier aber erfreulicherweise in beiden Fällen nicht statt: Selbst wo die Parole in der Luft liegt, demontiert die Musik und lässt den zappeln, der auf die Idee kommen könnte, Haltung anzunehmen. Spätestens wenn Classless über die Buschtrommel hinweg singt, dass wir es gerade nicht mit einem »ethnischen Beat aus der guten alten Zeit« zu tun haben und sich das Ganze als Vertonung von Eske Bockelmanns ‘Im Takt des Geldes‘ entpuppt, hat sich die Vielschichtigkeit des Albums entwickelt.
Wer sein Hirn-Input ruhig, irgendwie rund und authentisch schätzt, wird seine Schwierigkeiten mit dem Album haben. Wer einfach nur tanzen will, vermutlich ebenfalls. Kulla tut seinen Zuhörer nicht einmal den Gefallen, einen konsistenten Gesangsstil zu entwickeln. Gesungenes ist in diversen Akzenten zu hören, als wollte er sich auf keine sprachliche Identität festlegen. So wie Kulla auch dann ausdrücklich zitiert, wenn er eigene Texte vorträgt, verfährt der Lasterfahrer mit der Musik: Mal klingt sie nach Ragga, mal nach Punk – nie sie gaukelt sie Autonomie vor. So reizvoll das auch ist, es verlangt dem Zuhörer eine Menge ab. Zumindest im Einspruch mittels Pause- und Skiptaste sollte man geübt sein.
Die CD kommt im schicken Digipak mit (ebenso schick) illustriertem Textheft. Neben den Lyrics sind dort auch die meisten Zitate benannt, was das ein oder andere Gegrübel verkürzt.
‘Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus‘ ist beim Sozialistischen Plattenbau erhältlich und kostet 10,- €.
Jeder Versuch, einen fairen Text über die mittelalterlich inszenierte Rockmusik von heute zu schreiben, wird unweigerlich an ihren Fans scheitern. Nicht unbedingt an den unzähligen Menschen, die ‘Subway to Sally‘ oder ‘In Extremo‘ in die Albumcharts kaufen oder an die Spitze des ‘Bundesvision Song Contest‘ telefonieren – sondern an denen, die eben darum »Ausverkauf« und »Mainstream« krakelen oder ihre authentische Trauer in süffigem Met ertränken.
Es ist kein großes Kunststück, diese Leute der Lächerlichkeit preiszugeben, und auch ernsthafte Kritik an Mystizismus, Todesbimborium oder Volkstümelei geht leicht von der Hand. Leider ist es fast ebenso einfach, den Gegenstand der Kritik zu verfehlen. Schnell ist die Schnittmenge von Karnevalsverein, Neofolk, Nazi-Dark Wave und Nazimetal ausgemacht und auf monströse Größe halluziniert. Damit ist nichts gegen die Berechtigung von Wachsamkeit, Aufklärung und Aktion gesagt, zumindest aber vor dem Ressentiment gewarnt.
‘Subway to Sally‘, die ich oben leichtfertig als Beispiel genannt habe, passen eigentlich nicht so recht ins Bild. Mittelalterliches spielt auf den zweiten Blick eine untergeordnete Rolle und für Metal und Gothic bleiben sie eher eine Randerscheinung – wenn auch eine ausgesprochen erfolgreiche. Als eine Art auf Linie gebrachte ‘Inchtabokatables‘ veranstalten sie eine Show, die sich nur schwerlich beschreiben lässt. Freund, Ex-Produzent und Sympath Sven Regener schrieb dem Gedichtband des Subway-Texters Bodenski ins Vorwort:
»Es geht hier nicht ums Mittelalter. Jedenfalls nicht primär. Und auch nicht einfach bloß um Texte, damit man beim Singen was zum Singen hat. Was Bodenski geschaffen hat, ist große Poesie und der kann man den Respekt niemals versagen.«
Mit der letzten Behauptung befindet er sich allerdings im Irrtum, wie unlängst von anderer Seite bewiesen wurde: Der Comic-Verlag ‘Schwarzer Turm‘ hat ein ‘Subway to Sally Storybook‘ herausgegeben, in dem dieser Respekt sehr anschaulich versagt wurde. 19 Songtexte, umgesetzt als Deutschmangas; einem Genre, das mir schon allein deshalb sympathisch ist, weil es sich einen Dreck um kulturelle Identität schert, eine fließende Grenze zwischen Fanart und Professionellem unterhält und auch nicht den leisesten Versuch unternimmt, als autonomes Kunstwerk daher zukommen. Dass ich die meisten Comics hässlich finde, steht auf einem anderen Blatt.
Die Leseproben des Bandes und ein Animexx-Fanart-Wettbewerb geben einen guten Einblick in den dekonstruktiven Kitsch. Keine Spur von Melancholie, Extase, triefender Erotik, oder was auch immer die Vorlagen im Einzelnen ausmacht; nicht ein Hauch von »beseelter Echtheit«. Die rosa Kolorierung (der Verlag nennt es »rubinrot«) ist nichts für schwarze Seelen, sondern Emo-Chic im besten Sinne des Wortes. Ich bin schlichtweg begeistert, obwohl es mir eigentlich nicht sonderlich gefällt.
Der einzigartige William Shatner hat vor ein paar Jahren den großartigsten aller Pulp-Songs gecovert. Was damals schon ganz weit vorne war, ist spätestens nach diesem Video-Mashup einfach nur noch lieb zu haben:
Obwohl ich das Singen nicht sonderlich schätze, besitze ich einige Liederbücher. Eins davon heißt ‘Frauenliederbuch‘ und ist ein paar Jahre vor meiner Geburt im ‘Frauenverlag‘ erschienen. Es stehen lustige Lieder in diesem Buch; manche sind auch traurig, ein paar etwas blöde – romantisch ist natürlich keins.
Eines dieser Lieder ist ‘Die Moritat von der Anarchistin‘, und es beginnt mit einem Problem:
Es liebte ein feuriger Jüngling
Ein zärtliches Mädchen gar sehr.
Doch leider war sie Anarchistin
Und er Polizeikommissär.
Dumm gelaufen! Ganz so hoffnungslos wie in dem – wahrscheinlich bekannteren – Deutschpunk Gassenhauer ‘Ganz in schwarz (mit einem Pflasterstein)‘ geht es allerdings nicht weiter. Er verhaftet sie nicht, weil sein liebendes Herz im entscheidenden Augenblick »bumm bumm« macht, und auch sie zeigt sich für Zugeständnisse bereit:
Sie hätte ihn töten müssen,
Nach anarchistischer Pflicht,
Doch weil sie ihn ebenfalls liebte,
Da tat sie es ebenfalls nicht.
Beide hängen Job und Überzeugung an den Haken, um den gemeinsamen Rückzug ins Private anzutreten. Das Gewissen rumort nur leise – lauter das Herz: »bumm bumm«. Klar, dass das nicht lange gut geht:
Er öffnet’ ihr glühend die Arme,
Sie wehrt’ ihm länger nicht mehr.
Da küßte die Anarchistin
- den Polizeikommissär.
Doch wie er ans Herze sie drücket,
Da kracht es plötzlich und pufft
Im entscheidenden Augenblicke,
Da flogen sie beide in die Luft.
Denn sie trug unter ihrem Herzen
Eine Höllenmaschine herum,
Die kracht’ durch die starke Umarmung
So starben sie beide: bumm, bumm.
Ja, schade. Was daraus zu lernen wäre, bleibt jedem selbst überlassen. Der Kommentar der Herausgeberinnen ist schon mal nicht sonderlich hilfreich:
»Die Moritat von der Anarchistin und dem Polizeikommissär bezieht sich auf die Ende des 19. Jahrhunderts in Rußland aktiven Anarchistinnen. Über sie wurden wilde Gerüchte gesponnen und verbreitet, genährt von der Männerphantasie über radikale Frauen, wie sie auch das abgedruckte Moritatenlied widerspiegelt.«
Genug jetzt – Bumm Bumm …
… ob ich das schon mal gepostet habe. Falls ja, schnell noch einmal gucken:
M. A. Numminen (Meister des finnischen Tangos) kann Boogie, Sir!
Das jährliche Tanz- und Folkfest in Rudolstadt (Thüringen) ist vorbei und ich habe es unversehrt zurück nach Hause geschafft. Der Anonymus, der mich und »solche wie mich« per Email ausgeladen hat, nachdem er meinen Kommentars zum “Fall Neuschäfer” in der Bahamas zitiert fand, hat also noch einmal Gnade walten lassen. Vielen Dank dafür!
Jetzt stellt sich mir allerdings die Frage, was ich über das Wochenende schreiben kann oder will. Den Bericht (im journalistischen Sinn) überlasse ich den einschlägigen Folk-Magazinen und den dritten TV-Programmen; die Kritik hingegen ist erstens bereits treffend in der Bahamas erfolgt und würde den größtenteils angenehmen Erfahrungen des Wochenendes zweitens kaum gerecht werden. Anstatt mich weiter mit diesem formalen Problem zu quälen, belasse ich es lieber bei einer weiter nicht sortierten Sammlung von Eindrücken und Erkenntnissen:
Die thüringschen LandGebirgsstraßen wirken auf Flachlandbewohner nicht weniger beunruhigend, wenn andere Verkehrsteilnehmer im Rückspiegel gegen Bäume fliegen. (Abgesehen vom Totalschaden des Wagens ist nichts passiert.)
Folkmusik kann ausgesprochen Hörgenuss bereiten, obwohl sie mit unerträglichem Geschwätz über kulturelle Identität angekündigt wurde. Auf Distanz zu den Organisatoren und den meisten Besuchern zu gehen, ist zwar notwendig, aber kaum dringlicher als im übrigen deutschen Alltag.
Bedruckte T-Shirts sind ein Kommunikationsmittel und man kann auch auf diesem Wege wunderbar aneinander vorbei reden, oder einen hässlichen Einheitsbrei salbadern. Vor der Marktplatzbühne auf einen Blick zu sehen: ‘Beijing Olympics’ in Handschellen, Subcomandante Marcos, Skrewdriver, Fuck Bush und eine gedruckte Warnung vor Inländerfeindlichkeit.
Die Jugend Rudolstadts scheint über die Jahre einen Konsens gefunden zu haben. Im Park findet sich ein ACAB – Graffito, das von wechselseitig gecrossten Hakenkreuzen und Anarchie-As umringt ist. Klingt jetzt wahrscheinlich weniger lustig, als es aussah. …
Fremde Menschen vor der Bühne bei der angeregten ‘Illuminatus!‘-Lektüre zu beobachten, kann interessanter als das großartigste Konzert sein.
Eine US-amerikanische Tanztruppe mit einem »Gut, dass Bush bald weg ist! Klatscht lauter, damit die Amerikaner es auch hören!« auf die Bühne zu bitten, ist nicht nur unerträglich dämlich, sondern auch eine bodenlose Unverschämtheit.
Der Länderschwerpunkt Israel hat keinen Unfrieden verursacht, was wohl daran lag, dass er auch vom durchgedrehtesten Hippie nicht mit einer Solidaritätveranstaltung verwechselt werden konnte. Dafür gab es zu viele palästinensische Künstler, die unter böser Zensur zu leiden hätten und zu viele Juden, die sich gegen ihre bösen Eltern durchsetzen müssten.
Izabo sind ganz, ganz weit vorn.
Ein Festivalbesucher, der in einer Warteschlange rumpöbeln musste, weil das Festival zu »deutsch organisiert« sei, um eine »Diva« ungehindert gewähren zu lassen, ist mein persönlicher Unsympath des Wochenendes. Antisemit ist er wohl nicht, Blödarsch aber in jedem Fall.
Soviel zu den »größtenteils angenehmen Erfahrungen«. Ich weiß auch nicht, warum mir immer nur Gemecker einfällt, wenn ich so dahin schreibe. Aber was soll’s? Nächstes Jahr werde ich jedenfalls auch wieder fahren und es wird auch dann trotz allem ein schönes Wochenende werden.
Hippie-Schlager sind unerträglich – und das nicht nur, wenn sie von linksalternativen Nachwuchsmusikanten vor den ‘umsonst und draußen‘ aufgestellten Zelten nachgeträllert werden. Da waren ihre Eltern schon weiter. Gemeint sind diesmal allerdings nicht die 68er, sondern jene Mehrheit, die sich in den 70ern gänzlich unpolitischer Geschmacksverbrechen schuldig gemacht hat.
Heute fast vergessen, gab es damals ein gigantisches Angebot an ins Deutsche übersetzter Popmusik aus den USA. Diesen Liedern haftet eine subversive Doppelstrategie an, die ungewollte Einblicke ins Innerste bundesrepublikaler Geschmacklosigkeit ermöglicht. Zum einen entlarven sie ihre Originale als dümmliche Lala (manch friedensbewegter Musikfreund mag das bisher übersehen haben) und zum anderen brennen sich Smashhits wie ‘Wir sind echt am Ende‘ von ‘Christopher und Michael‘ derart ins Hirn, dass der ungetrübte Genuss von ‘Eve of Destruction‘ bis ans besungene Ende aller Tage unterbleibt.
In Zeiten, in denen die private Hippiekritik weit hinter Cartman zurück gefallen ist, kommt man nicht umhin, die Neuveröffentlichung der schlimmsten Übersetzungen als Wiederbewaffnung in letzter Sekunde zu begrüßen. ‘Pop in Germany‘ lautet der einfallslose wie treffende Titel einer Sampler – Reihe, die eben diesem Ziel gewidmet ist:

Pop in Germany Vol. 1
… und schlimm sind sie alle von ‘Boris Browns‘ ‘Es steht ein Haus im Westen‘ (’The House Of The Rising Sun‘) über ‘Anita Traversi‘ mit ‘Es ist so schön, verliebt zu sein‘ (’As Tears Go By‘) zu ‘Marianne Rosenbergs‘ ‘Wenn es Nacht wird in Harlem‘. Selbst wer ‘Die schwarze Lady‘ von ‘Lord Ulli‘ übersteht, kapituliert spätestens bei ‘Karel Gotts‘ ‘Paint It Black‘ – Verhunzung ‘Schwarz und Rot‘.
Ich kann weder empfehlen, noch ermutigen. Ob man sich die CDs antun möchte, muss jeder mit sich allein ausmachen. Ich gebe ab an Adorno: