Archiv für die Kategorie 'Politik'

Einen trockenen Adorno

Samstag, 14. August 2010

Michael Wuliger (der mit dem jüdischen Kitsch) präsentiert in der Cicero einen Auszug aus seinem koscheren Knigge – einem ausgesprochen lehrreichen Leitfaden für den deutsch-jüdischen Dialog. Tatsächlich mal ein Benimmbuch, das ich nicht allein im Auftrag der geschätzten Universität mit Elias zu lesen hatte. Dafür wurde es aber gewissermaßen in seinem Sinne geschrieben und beschreibt mit angemessener Gehässigkeit einen gesellschaftlichen Zustand, in dem wohl leider sogar ein ernst gemeintes Buch seinen Nutzen hätte.

Aber nicht nur der Klezmerabendverpflichtete Bildungsbürger kann sich da locker machen; auch für den ein oder anderen Genossen der Wimpel und Mützchen – Fraktion gibt es wertvolle Tipps:

»Verbreiteten Klischees zum Trotz sind die meisten Kinder Israels genauso dumm wie das Gros der übrigen Menschheit. Die Chancen, dass Ihr Gesprächspartner, weil Jude, Experte für die Frankfurter Schule ist, weil von denen ja auch viele Juden waren, sind relativ gering. Wahrscheinlicher ist, dass er Adorno für einen italienischen Rotwein hält.«

… ganz zu schweigen von denen, dich sich auch beim Schreiben von Texte wie diesem hier nicht ganz wohl fühlen und im Übrigen auch gar nicht so überzeugt davon sind, wie angebracht diese immer wieder eingeforderte »Normalisierung« eigentlich ist. Kurzum: Ein Spaß für die ganze Volksgemeinschaft.

Ab hier alleine tanzen

Dienstag, 10. August 2010

Sowas

Kommt von sowas

Der Rest der Geschichte steht bei Saalschutz aufm Blog.

Schwarz-rot-gelbes Rauschen

Montag, 31. Mai 2010

Einige Stunden, nachdem #wir und #lena null Punkte aus Israel bekommen haben, ist alles wieder ruhig. Das Nachspiel ist  leher angweilig: Ein paar Antisemiten fühlen sich plötzlich noch verfolgter als ohnehin schon und tauchen in der youropenbook-Suche nach »Juden« nicht mehr auf – andere machen sich an die Aufarbeitung und sind nun wahlweise entweder darüber traurig, dass sie nur wegen der Juden kein kleines Späßchen über Gas und Denkmäler machen dürfen, oder aber, weil sie sich jetzt nur wegen ein paar Arschlöchern nicht mehr richtig für Lena freuen dürfen.

Den meisten ist die ganze Geschichte aber egal – und das auch aus Gründen: Vielleicht stehen sie über den Dingen und halten es darum auch für falsch, auf Antisemitismus hysterisch zu reagieren. Oder sie zählen immer eifrig mit, wer so was sagt und wissen darum von der Marginalität von prinzipiell allem, was ungemütlich ist. Oder schmissiger – so mit Woody Allen und seinem Sportgerät. Von denen mit Waren, Produktionsbedingungen, Nationalstaaten und der prinzipiellen Bereitschaft jederzeit so lange zu erklären bis der Arzt oder der Kommunismus kommen, ganz zu schweigen.

Wie ging dieser eine lustige Satz bei Harry Potter? Auch für Zauberer ist es ein schlechtes Zeichen, Stimmen zu hören? Ich fänds jedenfalls auch besser, wenn mal richtig Ruhe wäre. In Bunte oder Frau im Spiegel habe ich gestern gelesen, dass Lena die deutsche Lady Gaga sei. Ich mochte diesen Satz, der fast ohne Begründung daher kam, sehr gern. Und was diese Musikantin angeht, mache ich es wie die FPDler aus dem Glühbirnen-Witz und verlasse mich einfach mal darauf, dass der Markt das Problem schon lösen wird.

Bürgergeeks habt Spaß damit

Freitag, 16. April 2010

Nach dem nur mittelmäßig lustigen WG-Spiel Chez Geek werden jetzt endlich mal Lebensumstände verkaspert, zu denen unsereins auch einen richtigen Bezug hat:

»In diesem Spiel werden du und deine Freunde zu Guerilleros in der Truppe des Ruhmreichen Anführers, die in einem stinkenden Dschungel hocken – und zwar so lange, wie ihr euch gegenseitig ertragen könnt. Das Ziel von Chez Guevara ist es, den aufmerksamen Blicken des Anführers zu entgehen, die Launen der höheren Dienstgrade zu ertragen (oder selbst so jemand zu werden) und als Erster 20 Slack zu erreichen, um in die Zivilisation zurückzukehren und seine »Freunde« zu verpfeifen.«

Und der Titel erst: Chez Guevara (Pegasus Spiele)

Gefahr gebannt

Dienstag, 23. März 2010

Heute hat die Kriminalpolizei vollbracht, woran der Wecker zuvor gescheitert war, und mich halbwegs zeitig aus dem Bett geholt. Anlass für die Störung meiner Bettruhe war eine angeblich vorausgegangene Störung meinerseits – die des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten. (Frei nach § 126 StGB) Gedroht hätte ich mittels eines YouTube-Videos, in dem durch eine Counterstrike-Map meiner alten Schule gelaufen wird.

Nach der polizeilich beaufsichtigten Löschung des Videos kann ich leider nur noch nacherzählen, was darin zu sehen war: Jemand läuft eilig durch das leere Treppenhaus einer Schule, bleibt kurz vor einer Tür stehen, dreht wieder um, springt über ein Geländer und läuft zu einer anderen Tür. Unter dem Titel »Montag, erste Stunde« erzählt der Kurzfilm dem Eingeweihten, wie ich zu spät zum Politik-LK komme und mich kurzfristig dazu entschließe, die Stunde doch lieber im Aufenthaltsraum zu verbringen. (Soll angeblich ein oder zwei mal vorgekommen sein.)

Darin die Ankündigung eines Amoklaufs (oder meinetwegen auch den Aufruf zu einem solchen) zu sehen, ist eine nicht ganz uninteressante Interpretation. Offensichtlich wurde die Engine des Killerspiels trotz der vollständigen Abwesenheit von Bewaffnung oder aggressiven Handlungen erkannt und geschlussfolgert. Die populäre Erzählung vom psychisch kranken Killerspieler ist offensichtlich nicht nur bei Boulevardjournalisten und verunsicherten Pädagogen bekannt, sondern auch in der Strafverfolgung wirksam. Das Thema liegt seit heute Morgen jedenfalls wieder oben auf dem Schreibtisch – wenn die Debatte schon Hausbesuche macht. …

Was der Polizei besonders wichtig war, sei hier nur als skurrile Randbemerkung angeführt: Ich hatte Text und Video unachtsamerweise ausgerechnet am 11. September gepostet. So wie übrigens auch das hier.

Fetisch Banalität

Freitag, 19. Februar 2010

Aus der Jungle Worldschen Stimmensammlung zum Dresdenspektakel:

Unser Ziel ist ganz simpel: Wir wollen den Nazis weh tun. Wichtig ist uns vor allem dabei, dass es die richtigen trifft, und nur die richtigen. Kollateralschäden nehmen wir nicht in Kauf. [...] Alles muss dann schnell gehen. Wenn die Gegner weglaufen, um Hilfe schreien oder zurückschlagen, dann haben wir etwas falsch gemacht. [...] Unsere Geduld wird nach einer Weile mit einer zufällig vorbeikommenden Gestalt belohnt, die einen Pullover der Marke Consdaple trägt. [...] Wenig später geht ein völlig überraschter Neonazi schwer angeschlagen zu Boden und verwandelt sich dort in ein wimmerndes Häuflein Elend.

So erklärt »Aldo Regen« Konzept, Vorgehen und Lustgewinn seiner listigen Truppe. Vom Pulloverträger über den nicht in Kauf genommenen Kollateralschaden direkt weiter zum wimmernden Häufchen Elend. Wer auf die selbstbewusst vorgetragene Freude an Verletzung und Demütigung auch heute noch mit verunsichertem Kopfschütteln reagiert, hat vermutlich in den 90ern diesen Vortrag hier verpasst: »Also, ich komme aus dem Osten, und ich muss sagen …« es folgte dann Gewaltporno über tatsächlich furchtbare Zustände und endete bei was mit Notwehr. Es war ja was dran und die Prügelei ganz bestimmt besser als Lichterketten. Heute, wo Opfersprech aus der Mode gekommen ist, läuft allerdings eine andere Platte.

Uns ist klar, dass dem Bedürfnis, andere zu verletzen oder zu bestrafen, nichts Emanzipatorisches innewohnt. Was wir machen, wird als »politisch unbedeutend«, bestenfalls als »Gegenterror« kritisiert werden.

Es wird werden! Man schreibt Geschichte. Erinnert an den Film-Bösewicht, dem sich argumentativ nicht beikommen lässt, weil er sich seiner Widersprüchlichkeit bewusst ist – kämpfend für eine Welt, in der kein Platz mehr für ihn ist, oder so. Von der Überschrift »Inglourious Basterds« an, dreht sich der Text im Brutalo-Gestus um dieses und andere aus Film und Fernsehen bekannte Gebilde. Die Plattheit ist zum Stilmittel erhoben und streitet alles ab, was nach richtigem Leben im falschen klingen könnte. »Wir machen es trotzdem«, heißt an einer Stelle. Und selbst das ist ausgelutscht – bestenfalls die Parodie der (Nicht-)Reflexion. Der frische Wind der Negation ist abgestanden und riecht streng nach Pipi.

Wir begegnen mehrfach aggressiven Nazigruppen, die auf der Jagd nach Linken sind, uns aber nicht als Antifaschisten erkennen.

Tja, wie auch? Mir ist auch nichts aufgefallen.

Kunstkritik

Samstag, 30. Januar 2010

Auf Beatpunk wird ein Bildband von Bernd Langer besprochen: »Er liefert einer anachronistischen Szene das Lebensgefühl des ‚streetfighting man‘, und zementiert die Identität der kompromisslosen Kämpfer auf der Straße. Anstatt also den von ihm so sehr gewünschten Drang zur Veränderung zu schaffen, bietet Bernd Langer Lebensentwürfe an. Das ist grundsolide, aktionistisch und bestimmt auch gut gemeint, nur in irgendeiner Weise progressiv ist es ganz sicher nicht.«

Die Kunstsachverständigen der Polizei waren da – zumindest in der Tendenz – wohlwollender: »L. verwendete sehr kräftige Farben und malte professionel mit Staffelei, Malbrett und Fertigfarben aus Tuben.«

Tödliche Wasserknappheit

Montag, 07. Dezember 2009

Wenn Polizisten über ihre Gerätschaften ins Schwärmen geraten, klingt das immer irgendwie komisch. Auf SpOn erklärt einer, warum er bisher noch keine Demonstranten erschossen hat:

»Was sollen wir da machen? Gummigeschosse einsetzen oder scharf schießen? Das brauchen wir nicht, wenn wir auch mit Wasser zum Erfolg kommen können.«

Mir geht das ganze »Riot« – Gequatsche der Genossen seit Jahren nur noch auf den Geist. Weder »Widerstand« noch »Sport« können mich konzeptionell überzeugen und die Verrohung, der sich Schläger auf allen unterziehen müssen, ist und bleibt ein Problem. So weit. Wenn aber sich aber Menschen wie Karl-Heinz Meyer von der Bundespolizei und Achim Friedl aus dem Innenministerium über ihre »Kunden« in Laune phantasieren, ist  das ohne Brechreiz kaum noch lesbar.

Wer treibt denn hier »Sport« und macht auf Bandenkrieg? In diesem Fall sind es die, die in Nachrichtensprech hinterher immer ausrasten »mussten«. Ein kleines bisschen Vernunft rutscht aber aus Versehen noch in die kindliche Freude übers neue Spielzeug hinein: Müsste man den »Kunden« erschießen, ginge er am nächsten Tag nicht mehr zum Einkaufsladen und wäre Kunde mehr. Ein Hoch auf die nicht-letalen Waffensysteme!

Oldenburg brennt, heißt es

Donnerstag, 26. November 2009

Seit ich nicht mehr an der Uni Oldenburg eingeschrieben bin, war ich nicht mehr oft da. Vor ein paar Wochen für vier Stunden, um eine Klausur für die Fernuni zu schreiben und heute zum zweiten mal, um in der Bibliothek zu arbeiten. Letzteres gestaltet sich erstaunlich entspannt, weil außer mir kaum jemand da ist.

Gegenüber im besetzten Audimax ist auch niemand, weil gerade in der Stadt demonstriert wird. Ich bin kurz durch gelaufen und habe mir ein paar Stellwände angesehen, auf denen ziemlich viel geplant und geschrieben wird. Man hat mir versichert, dass hier sonst »die Hölle los ist« und alle gut drauf wären. »Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben«, dachte ich mir so und wenn »meine Zeit« nicht gerade mal ein Jahr her wäre, hätte ich mich dieses Gedankens ein auch ein wenig geschämt.

Vielleicht gehe ich gleich nochmal rüber, wenn alle wieder da sind und über irgendwas diskutiert wird. In Bielefeld hat man angeblich Freerk Huisken eigenladen, obwohl der doch eigentlich unser Ehemaliger ist. Dabei geht es hier eigentlich schwerpunktmäßig in erster Linie um »uns« – Studenten, junge Menschen, Oldenburger (unter Ausschluss der BWLer, deren demonstratives Fernbleiben hier parallel zu meinem eigenen abläuft).

Jetzt schnell noch ein paar Kopien, bevor die Demo zurück kommt und mir hoffentlich einen Kaffee zum Solipreis anreht. Soweit.

Im Wahn sogar mit Frankreich

Samstag, 31. Oktober 2009

»Schluss mit dem Kult um die Asterix-Comics!«, fordert Richard Herzinger auf Welt Online und nimmt die rübennasigen Globalisierungsgegner fachgerecht – mit Poliakov – auseinander. Die Forderung ist sympathisch und seine Beobachtungen so offensichtlich, dass es vermutlich ermüdend ist, sie schon wieder irgendwo aufschreiben zu müssen. Oder auch nicht, denn die WELT ist nicht irgendwo, wie das hilfreiche Kommentatorengesindel bereits eine halbe Stunde später klargestellt hat:

Die »Interpretation« sei »falsch«, der Autor hysterisch. »Postmodernes Beliebigkeitsgeschwurbel« ist auch schon wieder erkannt worden und was Poliakov endlich brauche, sei eine »richtige Arbeit«. (Aus dem Kriegsgefangenenlager hatte er sich ja seinerzeit auch schon verdrück, gell?)

Wirklich erstaunlich ist eigentlich nur, dass es diesmal Franzosen sind, die da so verbissen wie hirnlos verteidigt werden. Dass nämlich nicht nur die Deutschen zu völkischem Wahn neigen, stellt der Autor schon im zweiten Satz klar – ja, sie hätten nicht einmal damit angefangen. Der Wahn des Ariertums sei übrigens auch »in ganz Europa, nicht zuletzt in Frankreich« verbreitet gewesen. Aber es reicht offensichtlich nicht, die Deutschen so entgegenkommend aus der Schusslinie zu nehmen, will man ihnen auch nur das allerverdaulichste Häppchen Ideologiekritik schmackhaft machen. Vielleicht sollte es bei Gelegenheit mal jemand mit einem us-amerikanischen Westernheftchen versuchen.