Zurück aus Rudolstadt
Dienstag, 08. Juli 2008Das jährliche Tanz- und Folkfest in Rudolstadt (Thüringen) ist vorbei und ich habe es unversehrt zurück nach Hause geschafft. Der Anonymus, der mich und »solche wie mich« per Email ausgeladen hat, nachdem er meinen Kommentars zum “Fall Neuschäfer” in der Bahamas zitiert fand, hat also noch einmal Gnade walten lassen. Vielen Dank dafür!
Jetzt stellt sich mir allerdings die Frage, was ich über das Wochenende schreiben kann oder will. Den Bericht (im journalistischen Sinn) überlasse ich den einschlägigen Folk-Magazinen und den dritten TV-Programmen; die Kritik hingegen ist erstens bereits treffend in der Bahamas erfolgt und würde den größtenteils angenehmen Erfahrungen des Wochenendes zweitens kaum gerecht werden. Anstatt mich weiter mit diesem formalen Problem zu quälen, belasse ich es lieber bei einer weiter nicht sortierten Sammlung von Eindrücken und Erkenntnissen:
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Die thüringschen
LandGebirgsstraßen wirken auf Flachlandbewohner nicht weniger beunruhigend, wenn andere Verkehrsteilnehmer im Rückspiegel gegen Bäume fliegen. (Abgesehen vom Totalschaden des Wagens ist nichts passiert.) -
Folkmusik kann ausgesprochen Hörgenuss bereiten, obwohl sie mit unerträglichem Geschwätz über kulturelle Identität angekündigt wurde. Auf Distanz zu den Organisatoren und den meisten Besuchern zu gehen, ist zwar notwendig, aber kaum dringlicher als im übrigen deutschen Alltag.
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Bedruckte T-Shirts sind ein Kommunikationsmittel und man kann auch auf diesem Wege wunderbar aneinander vorbei reden, oder einen hässlichen Einheitsbrei salbadern. Vor der Marktplatzbühne auf einen Blick zu sehen: ‘Beijing Olympics’ in Handschellen, Subcomandante Marcos, Skrewdriver, Fuck Bush und eine gedruckte Warnung vor Inländerfeindlichkeit.
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Die Jugend Rudolstadts scheint über die Jahre einen Konsens gefunden zu haben. Im Park findet sich ein ACAB - Graffito, das von wechselseitig gecrossten Hakenkreuzen und Anarchie-As umringt ist. Klingt jetzt wahrscheinlich weniger lustig, als es aussah. …
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Fremde Menschen vor der Bühne bei der angeregten ‘Illuminatus!‘-Lektüre zu beobachten, kann interessanter als das großartigste Konzert sein.
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Eine US-amerikanische Tanztruppe mit einem »Gut, dass Bush bald weg ist! Klatscht lauter, damit die Amerikaner es auch hören!« auf die Bühne zu bitten, ist nicht nur unerträglich dämlich, sondern auch eine bodenlose Unverschämtheit.
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Der Länderschwerpunkt Israel hat keinen Unfrieden verursacht, was wohl daran lag, dass er auch vom durchgedrehtesten Hippie nicht mit einer Solidaritätveranstaltung verwechselt werden konnte. Dafür gab es zu viele palästinensische Künstler, die unter böser Zensur zu leiden hätten und zu viele Juden, die sich gegen ihre bösen Eltern durchsetzen müssten.
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Izabo sind ganz, ganz weit vorn.
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Ein Festivalbesucher, der in einer Warteschlange rumpöbeln musste, weil das Festival zu »deutsch organisiert« sei, um eine »Diva« ungehindert gewähren zu lassen, ist mein persönlicher Unsympath des Wochenendes. Antisemit ist er wohl nicht, Blödarsch aber in jedem Fall.
Soviel zu den »größtenteils angenehmen Erfahrungen«. Ich weiß auch nicht, warum mir immer nur Gemecker einfällt, wenn ich so dahin schreibe. Aber was soll’s? Nächstes Jahr werde ich jedenfalls auch wieder fahren und es wird auch dann trotz allem ein schönes Wochenende werden.



