Archiv für die Kategorie 'Veranstaltungen'

Konferenz: She Saved the World – A Lot

Samstag, 06. Dezember 2008

Eine Woche ist sie nun schon her, die Berliner Buffy-Konferenz mit dem Titel ‘She Saved the World – A Lot‘. Zuppi hat bereits berichtet, ansonsten ist es eher still geblieben, obwohl doch recht viele Blogbetexter vor Ort waren. Meine eigene Nachbereitung ist an nicht vorhandenen Mitschriften und der immer noch knappen Zeit gescheitert. Hier jetzt nur schnell die wenigen Bruchstücke, die eine leider recht chaotische Woche überstanden haben:

Im recht gut besuchten Roten Salon der Berliner Volksbühne gab es fünf Vorträge und eine Podiumsdiskussion über Buffy the Vampire Slayer. Soweit ich weiß, sind alle Veranstaltung (inkl. reger Publikumsdiskussionen) mitgeschnitten worden, und sollen – wie möglicherweise auch ein Buch zur Veranstaltung – demnächst veröffentlicht werden. Ich werde mir die Zusammenfassungen aus dem Gedächtnis darum ersparen, und noch ein wenig bei dem Drumherum bleiben.

Genauer: Bei der Frage, was das eigentlich für Leute sind, die so eine Konferenz besuchen. Linke / gesellschaftskritische / kommunistische Buffyfans größtenteils, aber auch andere. In den Diskussionen stellte sich heraus, dass einige Besucher Buffy nur vom Vorbeizappen kannten und eher aus Neugierde gekommen waren. Da die Buffylinke bei ihrem ersten öffentlichen Treffen darauf verzichtet hat, ein Grundsatzprogramm vorzulegen, bin ich mir allerdings nicht so sicher, ob diese Neugier auch tatsächlich gestillt wurde.

Als das Abschlusspodium aus dem Publikum heraus gefragt wurde, worin der Unterschied zwischen »unserer« Buffy-Rezeption und derjenigen der ideologisch denkenden Massen bestünde, bekam der selbsternannte Nichtbürger gleich zwei Antworten. Zunächst gab es eine Entwarnung: Die Zuschauerzahlen der Serie seien genau dann eingebrochen, als es wirklich interessant und kritisch wurde. Die zweite Antwort traf den Punkt dann besser: »Wir« mögen Buffy aus dem gleichen Grund wie »die«, sind uns gar nicht so unähnlich und schätzen Buffy nicht obwohl es Fernsehen ist, sondern weil es gutes Fernsehen ist.

Soweit die sympathische Positionierung. Man könnte fairerweise noch dazu sagen, dass dieses »wir« sich vorher bereits über etwas sonderbare Abgerenzungversuche gegenüber der bürgerlichen Buffy Studies (die den meisten Menschen wahrscheinlich schon rätselhaft genug sein werden) eingeschlichen hatte.

Um es kurz zu machen: Es gab verschiedene sehr spannende Überlegungen zu  der Fernsehserie (und ihrer Fortsetzung im Comic), die sich zentral mit der Spaltung der Welt ins Phantastische und den Alltag zwischen Schule, Beruf und Beziehung befasst haben. In welchem Verhältnis Monstergeprügel und kapitalistischer Normalbetrieb zueinander stehen, war die eine Frage – welche Rolle die Kulturindustrie als (selbst reflektierter) Ursprung dieser Erzählung spielt, die zweite.

Es ist schon sonderbar, wie unvollständig so ein Text ohne die obligatorische Entschuldigung für (oder meinetwegen auch Erklärung der) eigenen Begeisterung für Buffy wirkt. Ich belasse es trotzdem erstmal dabei und vertage das Inhaltliche auf den nächsten Anlass – auf die Lektüre des Buches zum Bespiel.

Lesen gegen Deutschland

Dienstag, 23. September 2008

Morgen früh fahre ich zu den freundlichen Menschen aus Hamburg und abends dann weiter zur ‘Szenischen Lesung gegen Deutschland‘ in den Golden Pudel Club:

»Deutschland in seinen eigenen Worten« ist der Untertitel eines Textes von 1991. Namhafte deutsche Unternehmen, die Zwangsarbeiter_innen aus dem KZ Neuengamme beschäftigt hatten, waren um Geld für den Ausbau der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gebeten worden. Der Text zitiert und analysiert die Antwortschreiben und zeigt dabei die grauenhafte Fratze des »wiedervereinigten« Deutschlands auf, wo mensch »wieder wer ist« und daher alle Erinnerung an den Holocaust verhindern muss. Der zynische und polemische Text soll in netter Athmosphäre verlesen und anschließend diskutiert werden.«

Organisiert wird die Veranstaltung von der Gruppe souslaplage, die im Gegensatz zu mir sicher weiß, wie man sich diese »nette Athmosphäre« vorzustellen hat. Wer in Hamburg ist, oder das irgendwie einrichten kann, soll sich da ruhig mal blicken lassen. Losgehen wird es um 20.00 Uhr.

Drei mittelgroße Fragen

Mittwoch, 20. August 2008

1. Fahre ich nun zur Antifa Konferenz nach Köln? Spannend könnte es werden, schlimm wird zwischenzeitlich hingegen ganz sicher – vielleicht erst einmal abwarten, wer noch so alles ausgeladen wird. …

2. Wie viel schäbige Kompromissbereitschaft braucht man heutzutage eigentlich für eine (Neben-)Jobsuche? Braucht zufällig noch jemand einen Hilfsarbeiter?

3. Wie frech ist Jakob eigentlich? Kaum habe ich es auch nur ansatzweise verschmerzt, sein Blog an die Lohnarbeit verloren zu haben, da taucht er schon wieder auf und tritt noch einmal kräftig nach. Sein Stiefel heißt ‘Vampires of the Internet‘ und wurde von Robin Hobb (vielleicht bekannt als Autorin der ‘Liveship Traders Trilogy‘) geschustert. Schuld an der allgemeinen Schreibfäule seien weder Wetter noch ökonomischer Zwang, sondern der Blogvampir. Der sitzt da nämlich fies und fett im Internet und lutscht hilflosen Künstlern die Kreativität aus den Fingern. Es gibt aber keinen Grund zur Panik! Frau Hobb ist zum Glück immer noch kreativ und hat sich dieses Schreckgespenst natürlich nur ausgedacht. Eigentlich geht es ja auch um etwas anderes:

»Ah, my writer friend. It is harsh but it must be said. Compared to the studied seduction of the novel, blogging is literary pole dancing. Anyone can stand naked in the window of the public’s eye, anyone can twitch and writhe and emote over the package that was not delivered, the dinner that burned, the friend who forgot your birthday. That is not fiction. That is life, and we all have one. Blogging condemns us to live everyone else’s tedious day as well as our own.«

Fiction, fiction, pumpiction; oder auch: ‘Wie gut, dass ich kein Künstler bin!

Zurück aus Rudolstadt

Dienstag, 08. Juli 2008

Das jährliche Tanz- und Folkfest in Rudolstadt (Thüringen) ist vorbei und ich habe es unversehrt zurück nach Hause geschafft. Der Anonymus, der mich und »solche wie mich« per Email ausgeladen hat, nachdem er meinen Kommentars zum “Fall Neuschäfer” in der Bahamas zitiert fand, hat also noch einmal Gnade walten lassen. Vielen Dank dafür!

Jetzt stellt sich mir allerdings die Frage, was ich über das Wochenende schreiben kann oder will. Den Bericht (im journalistischen Sinn) überlasse ich den einschlägigen Folk-Magazinen und den dritten TV-Programmen; die Kritik hingegen ist erstens bereits treffend in der Bahamas erfolgt und würde den größtenteils angenehmen Erfahrungen des Wochenendes zweitens kaum gerecht werden. Anstatt mich weiter mit diesem formalen Problem zu quälen, belasse ich es lieber bei einer weiter nicht sortierten Sammlung von Eindrücken und Erkenntnissen:

  • Die thüringschen LandGebirgsstraßen wirken auf Flachlandbewohner nicht weniger beunruhigend, wenn andere Verkehrsteilnehmer im Rückspiegel gegen Bäume fliegen. (Abgesehen vom Totalschaden des Wagens ist nichts passiert.)

  • Folkmusik kann ausgesprochen Hörgenuss bereiten, obwohl sie mit unerträglichem Geschwätz über kulturelle Identität angekündigt wurde. Auf Distanz zu den Organisatoren und den meisten Besuchern zu gehen, ist zwar notwendig, aber kaum dringlicher als im übrigen deutschen Alltag.

  • Bedruckte T-Shirts sind ein Kommunikationsmittel und man kann auch auf diesem Wege wunderbar aneinander vorbei reden, oder einen hässlichen Einheitsbrei salbadern. Vor der Marktplatzbühne auf einen Blick zu sehen: ‘Beijing Olympics’ in Handschellen, Subcomandante Marcos, Skrewdriver, Fuck Bush und eine gedruckte Warnung vor Inländerfeindlichkeit.

  • Die Jugend Rudolstadts scheint über die Jahre einen Konsens gefunden zu haben. Im Park findet sich ein ACAB – Graffito, das von wechselseitig gecrossten Hakenkreuzen und Anarchie-As umringt ist. Klingt jetzt wahrscheinlich weniger lustig, als es aussah. …

  • Fremde Menschen vor der Bühne bei der angeregten ‘Illuminatus!‘-Lektüre zu beobachten, kann interessanter als das großartigste Konzert sein.

  • Eine US-amerikanische Tanztruppe mit einem »Gut, dass Bush bald weg ist! Klatscht lauter, damit die Amerikaner es auch hören!« auf die Bühne zu bitten, ist nicht nur unerträglich dämlich, sondern auch eine bodenlose Unverschämtheit.

  • Der Länderschwerpunkt Israel hat keinen Unfrieden verursacht, was wohl daran lag, dass er auch vom durchgedrehtesten Hippie nicht mit einer Solidaritätveranstaltung verwechselt werden konnte. Dafür gab es zu viele palästinensische Künstler, die unter böser Zensur zu leiden hätten und zu viele Juden, die sich gegen ihre bösen Eltern durchsetzen müssten.

  • Izabo sind ganz, ganz weit vorn.

  • Ein Festivalbesucher, der in einer Warteschlange rumpöbeln musste, weil das Festival zu »deutsch organisiert« sei, um eine »Diva« ungehindert gewähren zu lassen, ist mein persönlicher Unsympath des Wochenendes. Antisemit ist er wohl nicht, Blödarsch aber in jedem Fall.

Soviel zu den »größtenteils angenehmen Erfahrungen«. Ich weiß auch nicht, warum mir immer nur Gemecker einfällt, wenn ich so dahin schreibe. Aber was soll’s? Nächstes Jahr werde ich jedenfalls auch wieder fahren und es wird auch dann trotz allem ein schönes Wochenende werden.

Ich glaub, ich bin ein Symptom

Freitag, 06. Juni 2008

Dieser Tage bekommt mein Blog recht viele Besucher von der ‘Geottinger Stadtinfo‘, wo man offensichtlich meinen Kommentar zum Antifee-Festival gelesen hat. In (an sich recht ansprechender Manier) wird das Konzept der Veranstaltung dort im Spiegel der Kritik erläutert. So heißt es unter der Überschrift »Was gibts inhaltlich an Programm?«:

»Geboten wird ein Mix von Musik und subkultureller Politiktheorie. Das gefällt nicht allen wie z.B. dem im Folgenden zitierten Blogger [ich]: “Mag sein, dass es Menschen gibt, die sich den Tanzschweiß aus dem Gesicht wischen und wachen Verstandes bei einer »Einführung in feministische Theorien« auflaufen können – ich gehöre aber ganz bestimmt nicht dazu.” (Wie ein Leser richtig bemerkt hat, handelt es sich bei diesem Blog anscheinend um jemanden mit Sympathie zu antideutscher Performance. Das fanden wir auch bemerkenswert, weil wir von dieser Seite eher Zustimmung zu den Haupttehmen des Festivals erwartet hätten. Somit fällt die ideologische Differenz als Grund für die Kritik eigentlich weg.) Hierzu hat der selbe Leser in seiner Zuschrift eine nachdenkenswerte Erklärung hinzugefügt: “Diese Haltung, mit der Theorie im eigenen Leben nicht konfrontiert zu werden, ist gerade in den Soft- und Hardcore antideutschen Zusammenhängen sehr verbreitet. Hier ist die vermeintliche Systemkritik bereits so weit aus dem unmittelbaren Lebensumfeld herausgelöst, das beides als gänzlich unterschiedliches erscheint. [Hervorhebungen von mir]«

Nochmal: Dieser Typ, der nicht verschwitzt ins Seminar gehen möchte, ist ein Antideutscher™ und sollte darum eigentlich kein Problem mit dem Hauptthema der Veranstaltung haben. Da er sich zu diesem Hauptthema gar nicht geäußert hat, muss weiter ausgeholt werden, und eigentlich ist es ja auch der Mangel an Systemkritik in seinem Alltag, die ihn so schwatzen lässt. Und das betrifft sie alle – auch die Softies.

Später im Text werde ich erneut zitiert; dann zu meinem Ärger über die Definitionsmacht-Phrase. Hier wird das Zitat meines Textes einem veränderten “Original” gegenübergestellt – grob unsportlich, auch wenn das “trotzdem” immerhin erahnen lässt, dass da vielleicht noch etwas mehr stand.

Zum Abschluss noch ein paar kleine Ergänzungen: Mein Blog ist kein “jemand” und hat darum noch weniger Sympathien mit irgendwelchen “Performances”, als ich es habe. Dieses “Hauptthema der Veranstaltung” habe ich erfreut zur Kenntnis genommen, und das Festivalkonzept darum auch aus der Perspektive eines potentiellen Besuchers kritisiert. Das Betexten dieses Blogs ist keine politische Arbeit, sondern ein kleiner Aspekt meines oben angesprochenen Alltags, was mir keinesfalls “als gänzlich unterschiedlich erscheint”.

Aber sei’s drum. Ich wünsche euch trotzdem viel Vergnügen und anregendere Diskussionen, als hier im Vorfeld geführt wurden. Lasst euch nicht ärgern, habt Spaß an der Musik und macht was aus dem Wochenende. Den Spanferkelgrillern in der Nachbarschaft wünsche ich außerdem noch einen guten Appetit.

Katholikentag in Osnabrück

Freitag, 23. Mai 2008

Die osnabrücker Straßen sind voll wie selten. Zum Katholikentag (tatsächlich sind es gleich fünf davon) gibt es zahlreiche Bühnen, Fressbuden und Infostände voller Menschen zwischen Bekenntniswahn und Missionierungsambition. Irgendwie hat das alles was von Mittelaltermarkt, nur dass die Besucher etwas weniger bescheuert und in der Regel hübscher angezogen sind. Da mir Papst und Bratwurst auf eine etwas verquere Weise nicht ganz unsympathisch sind und das Wetter zudem großartig ist, haben wir uns einen kleinen Rundmarsch erlaubt und uns dieses Straßenfest aus der Nähe angesehen.

Kritik an Christentum und Katholizismus erspare ich uns an dieser Stelle (es hat ja eh jeder eine schärfere und außerdem sehe ich es auch nicht ein, hier dem Atheisten nach dem Maul zu reden). Zwei Härtefälle will ich aber trotzdem nicht verschweigen. Der erste war harmlos und ausgesprochen unterhaltsam:

katholikentag.jpg

Da hatte einer was zu sagen …

Als ich das Schild und seinen Träger erreicht habe, war es bereits von einer Horde diskussionswiller Menschen umringt, die dem Mann energisch Paroli boten. Mit so genannten “Argumenten” wurde um Jesus, Kirche und vor allem die Hölle gestritten. Ich habe mir das kurz angehört, mich nicht entscheiden können, wer hier der beklopptere ist und bin dann weitergezogen. Der Schildbürger scheint jedenfalls eine Art Kirchenkritiker zu sein, dem nur die Bibel etwas bedeutet. Wortgetreue Lektüre oder Höllenfeuer – soweit verständlich. Was die anderen wollten, habe ich nicht so genau verstanden.

Die anderen Fundamentalisten sind weniger lustig und hätte ich sie persönlich getroffen, wäre wahrscheinlich eine ganz weltliche Hölle losgewesen. Eine Initiative ‘Nie wieder’ (und die ‘Christilich-Soziale-Arbeitsgemeinschaft Österreich’) haben Flyer gegen Abtreibung verteilt. Zwischen diversen Splatterfotos wird das Recht auf Leben in irritierenden Fragen beackert:

»Vor 1945: Der Mord war zwar nach deutschem Strafgesetzbuch rechtswidrig, aber das Leben der Menschen war damals der Willkür des Staates ausgeliefert. Wurden in Auschwitz die Menschen getötet oder ermordet?«

Diese Begriffsarbeit folgt keinem (nachvollziehbaren) argumentativen Textaufbau, sondern dem wahnsinnigen Versuch, den Holocaust und moderne Abtreibungspratik gleichzusetzen. Spätestens mit der Webadresse www.Babycaust.at (WARNUNG: Die Illustrationen folgen diesem Ziel ebenfalls sehr konsequent und sind kaum zu ertragen!) offenbart sich dieser Dreh- und Angelpunkt der Propaganda. Dieser ekelhafte Mist ist nicht repräsentativ für das, was so auf dem Katholikentag passiert. Trotzdem hinterlässt es einen fragwürdigen Eindruck von den (ansonsten harmlosen) Christenspinnern, dass die weiten Arme der »großen Gemeinschaft« auch diese – vollkommen indiskutablen – Strömungen umfassen und nicht vom Platz jagen.

Spaßbunker Antifee

Montag, 19. Mai 2008

Kurz vor Feierabend habe ich gerade bei yay! aka ponyreiten gelesen, dass es bald ein zweites Antifee-Festival in Göttingen geben soll. Im letzten Jahr war ich aus irgendwelchen Gründen verhindert, in diesem weiß ich hingegen nicht, ob ich eigentlich fahren möchte (obwohl die großartigen Woog Riots spielen). Party und Politik haben sicher ihre Schnittmenge; was solche Crossover-Veranstaltungen sollen, will mir aber nicht in den Kopf. Mag sein, dass es Menschen gibt, die sich den Tanzschweiß aus dem Gesicht wischen und wachen Verstandes bei einer »Einführung in feministische Theorien« auflaufen können – ich gehöre aber ganz bestimmt nicht dazu.

Mich erinnert das auf grausliche Weise an die letzte ‘90er Jahre Party’ im Alhambra, zu der ich nicht gegangen bin, weil man dort »selbstironisch abtanzen« wollte. Tun oder lassen, aber dringend mit dem Gerede aufhören! Ganz so schlimm ist es beim Antifee allerdings nicht. Es geht immerhin wider Nationalismus und Sexismus, die für gewöhnlich zu den Ehrengästen gehören, wo sich mehr als drei Deutsche zum Feiern treffen (und Menschen mit Anstand und Geschmack eben davon abhalten). Aber trotzdem: So sinnvoll ich es finde, grundsätzlich nicht mit Chauvinisten jeglicher Art zu feiern, so unsinnig finde ich es, eine Party mit Theorieblöcken zu bestücken. Vorbei ist der Spaß dann aber spätestens nach dem ersten – wenn auch indirekten – Vorgeschmack auf die Inhalte:

»Außerdem sollen Frauen auf dem Gelände geschützt sein vor jeglichem dominanten männlichen Verhalten, Übergriffen und Rumprollerei. Generell gilt auf dem gesamten Festivalgelände Definitionsmacht: Menschen, von denen sich Frauen belästigt fühlen, gehen nach Hause! Wer Täter in Schutz nimmt, ebenfalls.«

Es ist schön, dass Frauen das Festival unbelästigt genießen können sollen und es ist furchtbar, dass solche Drohungen tatsächlich ihre Berechtigung haben. Bei der Art, in der »Menschen«, »Frauen« und »Täter« hier durcheinander geworfen werden, drängt sich mir allerdings der Verdacht auf, der Türsteher hätte den Text mal eben zwischen Liegestütz und Drückbank getippt. Wo man nicht einmal mehr sagen möchte, um wessen Definitionsmacht es eigentlich geht und man »Rumprollerei« zur weiter unbestimmten Straftat ernennt, macht man sich verdächtig, mehr Interesse an der Gegengewalt als am Problem zu haben. Mir ist schon klar, dass niemand meine Freundin rauswerfen wird, weil sich eine (andere) Frau von ihrer Haarfarbe belästigt fühlt – wahrscheinlich dürfte sogar ich bleiben, wenn ich sie daraufhin in Schutz nähme. Und trotzdem schafft diese »bedingungslos[!] umgesetzten Praxis« ein Klima der willkürlichen Gewalt, das mit »Feiern für ein selbstbestimmtes Leben« nicht mehr viel zu tun haben kann.

Auch wenn mir die Feierlust beim Schreiben dieses Textes vergangen ist, würde mich inzwischen umso mehr interessieren, was für Szenen sich bei dem Workshop ‘Islam vs. westliche Welt‘ abspielen. Ob ich allein dafür (und vielleicht für das ‘Woog Riots‘ – Konzert) nach Göttingen fahren möchte, weiß ich allerdings immer noch nicht.

Kittkritik III – Schlusswort

Dienstag, 13. Mai 2008

Inzwischen ist der Deutschlandwunder-Kongress vorbei und ich nicht nur zu Hause angekommen, sondern auch ausgeschlafen genug, um einen abschließenden Kommentar zu schreiben. Die positiven Eindrücke vom ersten Abend haben sich weitestgehend bestätigt: Die Einführungstexte von Sonja Witte (»Am “Punkt, wo die Psychoanalyse abdankt”: Freuds Rätsel der Massenbildung«) und Tobias Ebbrecht (»Die Liebe zum Bild – Nostalgie, Fetisch, Dialektik. Das Bild in der Erinnerungskultur«) haben zwar wenig Neues geboten, zogen sich aber durch die meisten Fallanalysen und haben so das Verständnis befördert und lästigen Wiederholungen vorgebeugt. Bemerkenswert war Sonja Wittes Anmerkungen zum freudschen Urvater-Mythos, der zwar zu problematisieren sei, dessen einfache Auslassung aber dazu führen könne, in eine ebenfalls bedenkliche Völkerpsychologie zu verfallen; eine Tendenz, die durchaus ihre Beispiele in antideutschen Texten findet. Ich werde demnächst noch einmal genauer nachlesen – hier sei es aber zumindest schon einmal erwähnt.

Die folgenden Vorträgen drehten sich dann um einzelne Beispiele des neuen Erinnerungs- bzw. Opferdiskurses. Für mich gab es sehr viel Neues, weil ich mich sowohl dem WM-Spektakel als auch den »Wir sind Opfer« – Filmen der öffentlich-rechtlichen Propagandamaschinerie verweigert habe. Es ging weniger um den basisbanalen Nachweis, dass diese Filme die Shoah relativieren und den Mythos der Stunde Null zementieren, sondern viel mehr um die Frage, wie das genau funktioniert. Das bleibt – trotz seiner offensichtlichen politischen Dimension – ein primär kulturwissenschaftliches Anliegen. Es ist sicher nichts Falsches daran, eine Gesellschaft, die sich über ihren kulturindustriellen Schrott formiert, auch über diesen zu kritisieren. Dass damit noch keine Kapitalismuskritik geleistet (oder gar ersetzt ist), ist klar und wurde auch von niemandem behauptet. Es hätte der Veranstaltung (und scheinbar auch dem Buch) aber dennoch nicht geschadet, den alt-neuen Deutschlandwahn auch als deutsches »Krisenmanagement« zu lesen.

Aber trotzdem: Es war ein gutes (im besten Sinne) antideutsches Basisprogramm zu einem Gegenstand, den ich mir bisher – aus Gründen des guten Geschmacks – nicht antun wollte und darum scheinbar zu sehr vernachlässigt habe. (Und zudem ein angenehmes Wiedersehen mit netten Bekannten.) Wer das Buch aus irgendwelchen Gründen nicht kaufen möchte, kann mit mir darauf hoffen, dass die Mitschnitte vom hamburger FSK etwas geworden sind. Sollten sich noch irgendwelche Blogger finden, die den einzelnen Vorträgen mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, werde ich vielleicht noch ein paar Links anhängen. Dass ich keine Lust zum Abtippen meiner Notizen habe, soll nicht heißen, dass die Texte es nicht wert wären. …

Kittkritik-Kongress II

Sonntag, 11. Mai 2008

Der Kongress ist heute so angenehm fortgesetzt worden, wie er gestern begonnen hat. Die Inhalte werde ich nach dem letzten Tag in einem Abwasch bearbeiten, weil ich langsam aber sicher an meine körperlichen Grenzen komme und dringendst ins Bett muss. Bis dahin nur noch so viel:

Es ist – trotz aller Befremdlichkeit – lustig, über Freuds Massenpsychologie zu diskutieren, während sich vor der Tür eine Völkerwanderung ins Weserstadion ereignet. Beim fröhlichen Pausen-Picknick auf dem Deich gab es auch gleich eine illustrative Polizeiaktion gegen hässliche Nazi-Hooligans und damit bin ich auch ohne ersten Mai noch zum Krawallegucken gekommen. Was eine berittene Polizeieinheit allerdings dazu veranlasst, in unter zwei Metern Abstand an sonnenbadenden Menschen vorbei zu galoppieren, verschließt sich meinem Verständnis.

Kittkritik-Kongress I

Samstag, 10. Mai 2008

Der erste Abend des ‘Deutschlandwunder’ – Kongresses in Bremen ist vorbei und ich nun auf dem Weg ins Bett. Der Auftakt war soweit sehr angenehm – mit einigen bekannten Gesichtern, hervorragendem Wetter und einem angenehmen Veranstaltungsort. Die letzten beiden Punkte könnten sich morgen allerdings noch zu einem unangenehmen Sauerstoffproblem verdichten, falls sich niemand dazu durchringen sollte, die Anweisung der Anwohner des KiOto zu ignorieren und die Fenster zu öffnen. Trotzdem: Es waren noch einige Plätze frei und es könnte sich lohnen, noch kurzfristig nachzukommen.

Inhaltlich ist heute noch nicht ganz viel passiert. Zum Einstieg haben die Veranstalter den kulturindustriellen »Kitt« des neuen Deutschlands und seinen Opferdiskurs in der (gerade noch) aktuellen Generationenkonstellation als theoretischen Ausgangspunkt für die folgenden Tage präsentiert; anschließend hat Tobias Ebbrecht eine allgemeine Einführung über das Bild in der Erinnerungskultur gegeben, die als Grundlage für die kommende Arbeit am Beispiel dienen soll. Beide Vorträge waren noch nicht wirklich spektakulär, aber dennoch sinnvolle Einführungen, die einen erfreulichen Einblick in die konzeptionelle Gestaltung des Kongresses gegeben haben.

Ich ärgere mich ein wenig, meine Kracauer – Lektüre im letzten Jahr voreilig abgebrochen zu haben; Freuds ‘Massenpsychologie und Ich-Analyse‘ einzupacken, war dafür scheinbar eine gute Idee.