Monday, 08. September 2008 13:53
Jeder Versuch, einen fairen Text über die mittelalterlich inszenierte Rockmusik von heute zu schreiben, wird unweigerlich an ihren Fans scheitern. Nicht unbedingt an den unzähligen Menschen, die ‘Subway to Sally‘ oder ‘In Extremo‘ in die Albumcharts kaufen oder an die Spitze des ‘Bundesvision Song Contest‘ telefonieren - sondern an denen, die eben darum »Ausverkauf« und »Mainstream« krakelen oder ihre authentische Trauer in süffigem Met ertränken.
Es ist kein großes Kunststück, diese Leute der Lächerlichkeit preiszugeben, und auch ernsthafte Kritik an Mystizismus, Todesbimborium oder Volkstümelei geht leicht von der Hand. Leider ist es fast ebenso einfach, den Gegenstand der Kritik zu verfehlen. Schnell ist die Schnittmenge von Karnevalsverein, Neofolk, Nazi-Dark Wave und Nazimetal ausgemacht und auf monströse Größe halluziniert. Damit ist nichts gegen die Berechtigung von Wachsamkeit, Aufklärung und Aktion gesagt, zumindest aber vor dem Ressentiment gewarnt.
‘Subway to Sally‘, die ich oben leichtfertig als Beispiel genannt habe, passen eigentlich nicht so recht ins Bild. Mittelalterliches spielt auf den zweiten Blick eine untergeordnete Rolle und für Metal und Gothic bleiben sie eher eine Randerscheinung - wenn auch eine ausgesprochen erfolgreiche. Als eine Art auf Linie gebrachte ‘Inchtabokatables‘ veranstalten sie eine Show, die sich nur schwerlich beschreiben lässt. Freund, Ex-Produzent und Sympath Sven Regener schrieb dem Gedichtband des Subway-Texters Bodenski ins Vorwort:
»Es geht hier nicht ums Mittelalter. Jedenfalls nicht primär. Und auch nicht einfach bloß um Texte, damit man beim Singen was zum Singen hat. Was Bodenski geschaffen hat, ist große Poesie und der kann man den Respekt niemals versagen.«
Mit der letzten Behauptung befindet er sich allerdings im Irrtum, wie unlängst von anderer Seite bewiesen wurde: Der Comic-Verlag ‘Schwarzer Turm‘ hat ein ‘Subway to Sally Storybook‘ herausgegeben, in dem dieser Respekt sehr anschaulich versagt wurde. 19 Songtexte, umgesetzt als Deutschmangas; einem Genre, das mir schon allein deshalb sympathisch ist, weil es sich einen Dreck um kulturelle Identität schert, eine fließende Grenze zwischen Fanart und Professionellem unterhält und auch nicht den leisesten Versuch unternimmt, als autonomes Kunstwerk daher zukommen. Dass ich die meisten Comics hässlich finde, steht auf einem anderen Blatt.
Die Leseproben des Bandes und ein Animexx-Fanart-Wettbewerb geben einen guten Einblick in den dekonstruktiven Kitsch. Keine Spur von Melancholie, Extase, triefender Erotik, oder was auch immer die Vorlagen im Einzelnen ausmacht; nicht ein Hauch von »beseelter Echtheit«. Die rosa Kolorierung (der Verlag nennt es »rubinrot«) ist nichts für schwarze Seelen, sondern Emo-Chic im besten Sinne des Wortes. Ich bin schlichtweg begeistert, obwohl es mir eigentlich nicht sonderlich gefällt.