Das ist traurig aber schade

Tuesday, 21. October 2008 11:53

Ich bin kein großer Freund von geschäftlicher Korrespondenz; insbesondere dann nicht, wenn sie von meinen älteren Mitmenschen geführt wird und katastrophale Folgen nach sich zieht: Zwei Handyverträge aus Versehen, unbestellte Medikamente, Bücherabonnements und vollständige Truck Stop Diskographien - eingeschweißt, ungehört und ungewollt. Von regelmäßigen Telefonrechnungen im dreistelligen Bereich ganz zu schweigen. Einen großen Teil des Schadens werde ich nicht beheben können, weil die »Verhandlungen« am Telefon geführt wurden und schlicht nicht mehr nachvollziehbar sind.

Ich werde mich hier nicht zum Horst machen und mich lang und breit über geschmacklose Bauernfängerei auslassen. Eine kleine Kotzprobe des aktuellen Gesprächsverlaufs kann ich mir aber dann doch nicht verkneifen:

»[...] Ihre Zahlung steht jedoch aus. Lassen Sie uns unsere grosse Enttäuschung zum Ausdruck bringen. Dies hätten wir von Ihnen nicht erwartet.

Sollten Sie jedoch dieser dringenden Aufforderung neuerlich nicht Folge leisten, werden wir ohne weitere Vorwarnung für Sie kostenintensive Massnahmen zur Eintreibung unserer Berechtigung vornehmen. Lassen Sie es im eigenen Interesse nicht so weit kommen.

Wir sind jedoch sicher, dass Sie nunmehr unser entgegengebrachtes Vertrauen rechtfertigen und nunmehr umgehend und sofort die Zahlung veranlassen. [...]«

Es geht um eine Hautcrème, die der angebliche Entwickler Dr. Soundso telefonisch als kostenlose Probe angepriesen hat - oder sich zumindest so verstehen ließ. Verglichen mit dem Rest ist dieser Schrieb ein schlechter Witz. Da gibt es noch Überweisungsträger über 50,- €, die als ‘Bestätigungcoupon für IHREN sicheren GEWINN!!!‘ firmieren und ähnliche Spielchen. Wie viele Rentner kann ein einzelner Justiziar (den es natürlich nicht gibt) eigentlich bedienen? Mich macht das alles grad ein wenig aggressiv, was dann wieder nur die Henchmen vom Callcenter zu spüren bekommen. Mir ist schlecht und ich habe keine Lust mehr; mehr wollte ich eigentlich gar nicht sagen.

Der Zigeuner-Tatort

Monday, 20. October 2008 15:20

Trotz Marcel Reich-Ranickis sympathischen Ausfalls gibt es immer noch deutsches Fernsehen. Weniger niveaulos ist es auch nicht geworden, seit er die »Banalität« (wie er seine Kritik selbst nennt) ausgesprochen und bekräftigt hat. Argumente bringt und braucht er nicht, wo sich doch im Grunde alle einig sind und lediglich über die marktwirtschaftliche Unmöglichkeit der Alternative gestritten wird. Man kann das alles schade finden, oder es lassen. Mir persönlich sind Atze Schröders herzlich egal, auch wenn mich ihre Fans zugegebenermaßen gruseln. Weitaus kritikwürdiger scheint mir dann aber eine Fernsehkultur  zu sein, in der man wissend mit Reich-Ranicki den Kopf schüttelt, bevor man beruhigten Gewissens den Tatort einschaltet.

Gestern Abend lief auf dem Sendeplatz, an dem sich laut Justus Wertmüller »die Nation ausspricht«, wo alles »verhandelt und bewertet (wird), was die Nation bewegen sollte.«, die neue Folge Brandmal - der ausdrückliche Versuch, die Vorurteile gegenüber Sinti und Roma zu thematisieren. Der gute Gedanke kam von Rudolf Sarközi, einem exponierten Sprecher der Roma Österreichs, verbockt hat es die ARD dann aber  ganz ohne fremde Hilfe.

Eine Frau wird in ihrer Kölner Wohnung Opfer einer Brandstiftung, und die Kommissare Schenk und Ballauf ermitteln zunächst anhand einiger Indizien gegen die Bewohner des benachbarten Heimes für  vorübergehend geduldete Roma. Dass deren Täterschaft in einem geradezu panisch auf Political Correctness bedachten Fernsehfilm ausgeschlossen werden kann, dürfte selbst dem naivsten Krimigucker klar sein. Auch wenn sich die »Thematisierung von Vorurteilen« letztlich dann doch in dieser Unschuld erschöpft, werden dem Mitratenden immerhin recht zügig ernsthafte Verdächtige geboten. Da gibt es eine rechtsradikale Initiative besorgter Anwohner, den eifersüchtigen Freund der Toten und einen Kommissar, der das verdächtige »Klau-Kid« bereits kennt und sich schließlich selbst als perfekt assimilierter Rom und - zu allem Überfluss - als geheimer Liebhaber der Toten entpuppt.

Vor diesem Hintergrund wird eine Kriminalgeschichte entwickelt, die so dermaßen langweilig ist, dass sich der Verdacht aufdrängt, man wollte ja nicht mittels Spannung von den sozialen Fragestellungen ablenken, um die es eigentlich geht. Die offensichtlichste Botschaft ist dabei eher unbeabsichtigt in die Dramaturgie gerutscht: Romakinder klauen, obwohl sie es doch eigentlich besser wissen müssten, zünden aber ganz bestimmt keine Menschen an. Dass der Zentralrat deutscher Sinti und Roma die Ausstrahlung der Folge im Vorfeld verhindern wollte, überrascht da wenig. Das ist schlechte Presse für ein Filmteam, das doch eigentlich alles richtig machen wollte. Letztlich unterstreicht das Skandälchen aber den diskursiven Touch, um den man sich augenscheinlich sehr bemüht hat.

Da sind zum einen die beiden Kommissare. Der dicke Schenk bietet angebildeten Toleranzmenschen die Reibungsfläche, an der er sich vorm Heia machen abarbeiten kann; blökt da vom »gesunden Menschenverstand«, singt »lustig ist das Zigeunerleben« oder hilft tatkräftig bei der Zwangsmaßnahme Röntgen zur Feststellung des Alters. Dagegen der kluge Ballauf, der das unnötige Anlegen von Handschellen kritisiert, sich intuitiv auf die Seite der beschuldigten Romni schlägt und die Polizei  somit wieder aus der Schusslinie nimmt - Bühne frei für den kritischen Dialog mit der Gesellschaft. Was man beim Focus »gewitztes Spiel mit den Klischees« nennt, ist der Gipfel dieses durchschaubaren Possenspiels. Die inszenierten Verdachtsmomente gegen den Kollegen von der Klaukids-Abteilung erscheinen parallel zur Offenbarung seiner ethnischen Herkunft, der darüber die erzählerische Bedeutsamkeit verliehen wird. Später wieder unschuldig, offenbart er dem Zuschauer, wie man ihn gerade an der Nase herum geführt hat: »Schon klar, die Rache des Zigeuners. Man weiß schließlich wie unsereins reagiert.«

Das gemeingefährliche Ressentiment zu reproduzieren, um es dann mit »Ätschebätsche, falsch geraten« zu negieren, ist keine Dekonstruktion und schon gar kein »gewitztes Spiel«. Es ist der unterhaltungskonforme Appell an das rassistische Alltagswissen bei gleichzeitigem Umschmeicheln des sozialkritischen Bildungsbürgers. Der politische Hintergrund der von Abschiebung bedrohten Roma ist übrigens der Kosovokrieg und damit ein Leid, das den deutschen Zuschauer in besonderem Maße anspricht: Man erinnert sich noch gut an »unsere Jungs«, die schon einmal für Menschenrecht und völkische Vielfalt ins Felde zogen. Man ahnt auch, dass dort ein uneingelöstes Versprechen im Raume steht, das nach einem moralisch gefestigten Deutschland verlangt; sinnbildlich gemacht in der sexuellen Unterwerfung des unschuldigen Mädchens vor ihrem Retter Ballauf: »Bist Du eigentlich verheiratet? Hast Du Geld? Wenn Du mich heiratest, dann kann ich in Deutschland bleiben. Ich kost’ auch nicht’ viel - höchstens  20.000. Vielleicht kost’ ich auch nichts, weil Du es bist.«

Mit Reich-Ranicki könnte man abschließend festhalten: »Das ist alles falsch, schlecht und übel!«. Man sollte darüber aber nicht vergessen, den Apologeten des öffentlich-rechtlichen Niveaus zu empfehlen, wirklich mal hinzugucken, wenn die Scheiße läuft.

Nichts

Saturday, 18. October 2008 21:05

Hirnlose Scheiße im ZDF

Sunday, 12. October 2008 19:31

Gleich wird Marcel Reich-Ranicki im ZDF zu sehen sein und den Deutschen Fernsehpreis nicht annehmen. Hinterher dann doch, wenn auch nur symbolisch, weil er ein höflicher Mensch sei. Elke Heidenreich wird im Publikum sitzen und sich über die »hirnlose Scheiße« ärgern, die ihr Sender da verzapft.

Und ich werde auf dem Sofa sitzen und eine vorzügliche Show genießen; im ZDF - wer hätte das gedacht?

Vielen Dank noch

Wednesday, 08. October 2008 17:01

Das ist bisher irgendwie untergegangen: Karwan Baschi ist seit ein paar Tagen auch auf Planet Dissi ansässig, den Olifani-Exilant Kotzboy sich und uns geschenkt hat. Vielen Dank dafür!

Kukis Titelbild

Schluss für heute

Tuesday, 07. October 2008 23:01

Sing along with the common people

Monday, 06. October 2008 17:00

Ich habe mit den Redakteuren der Zeitschrift ‘Gegenstandpunkt‘ zweierlei gemein: Erstens halte ich mich gelegentlich auf Veranstaltungen der Bewegungslinken auf, ohne wirklich dazu zu gehören; und zweitens habe ich oft das Bedürfnis, meine linken Diskussionspartner auf verpasste Grundsätzlichkeiten hinzuweisen.

Von den zahllosen Unterschieden interessiert hier vorerst nur ein einziger: Ich habe weniger Fans. Wäre das anders, könnte es durchaus passieren, dass auch ich irgendwann auf Podien geladen werde, um den ewig gleichen Sermon in selbstherrlicher Mission zu fabulieren. Vielleicht würde ich ebenfalls auf kindgerecht formulierte Diskussionsregeln scheißen, wenn ich dafür den Applaus von selbstbewusst und redegewandt erscheinenden Zuhörern bekäme. Ich nehme also gar nicht für mich in Anspruch, ein besserer Mensch zu sein. Unter anderen Umständen müsste ich mich vielleicht auch ein Arschloch schimpfen lassen, doch die Verhältnisse, die sind nicht so - um es mit Brecht zu sagen.

Aber vielleicht sollte ich lieber zum Gegenstand reden, wie es immer so schön heißt; allgemein verständlich erklären, wie das alles funktioniert. Und wenn ich »alles« sage, meine ich das heute auch so. Den Kapitalismus, den Faschismus, die Sauerei und die Wahrheit soll man schließlich nicht verschleiern - sonst wäre man ja blöde. Also, wie geht Gegenstandpunkt?

Der Anfang ist ganz leicht: Eins und eins machen zwei, wer von drei anfängt, hat verloren. Ist der Diskussionspartner eine Frau, ist das Ding schon im Kasten. Wir nennen sie »Mädel«, bezeichnen sie als »hysterisch« und erklären dem Publikum, dass ihre »Geschmacksfragen« zwar niedlich sind, aber nichts mit der Sache zu tun haben. Die meisten werden das schnell begreifen und ansonsten entschuldigen wir uns eben. Wir sind schließlich bereit, die Wahrheit auch unter den Bedingungen der Mimosen zu vertreten. Gesagt ist gesagt, die Alte eingeschüchtert (oder als Emanze entlarvt) und die Macker vor der Bühne auf unserer Seite. Keine Angst vor einer Entschuldigung - die macht uns nichts kaputt!

Reden wir mit Männern, sollten wir vorsichtshalber auf Stichworte warten. Schimpft man uns »Seminarmarxisten« sollten wir reagieren, denn das sind wir tatsächlich nicht. Zur Erinnerung: Eins und eins macht zwei! Seminarmarxisten sprechen immer auch über drei, und manche verschleiern sogar den Gegenstand, indem sie die Addition selbst zum Thema machen. Wenn das einer tut, lassen wir ihn quatschen. Irgendwann wird er schon wieder mit Einsen anfangen und dann kommt unsere Zeit. Andere Ansatzpunkte sind »Kämpfe um Rechte« (sind immer nur der affirmative Ruf nach staatlicher Gewalt), »Antiamerikanismus« (Wer davon anfängt, ist Helfershelfer der Falschen, obwohl er damit recht hat, dass unser Konkurrenzprodukt ebenfalls eine Sauerei ist.), »Antisemitismus« (ist doch nur der marginale Versuch einer Krisenlösung, der verschwindet, wenn die Völker das mit der zwei begriffen haben) oder »Sexismus« (Wir haben uns doch schon entschuldigt!).

Im Umgang mit Antideutschen müssen wir ein bisschen vorsichtiger sein. Von denen werden uns nur wenige den Gefallen tun, uns bewegungspolitische Reizwörter zu geben. (Tun sie es doch, haben wir Glück und können ihnen Kriegstreiberei vorwerfen.) Wir warten auf den bürgerlichen bis-fünf-Zähler Adorno, psychoanalytische Spökenkiekerei oder was mit Israel.

Haben wir unser Stichwort, muss das Ding nur noch eingelocht werden. Wir sagen:

  • »Es ist ja leider so, dass keiner mehr wissen will, …« (Gegen Zahlen über zwei.)
  • »Bring doch mal ein einziges Argument!« (Gegen Additions-Theoretiker.)
  • »Du wirst doch nicht ernsthaft behaupten wollen, dass …« (Kommt immer gut.)

Was wir dann im Einzelfall sagen, ist nicht weiter wichtig. Mehr als gesunden Menschenverstand brauchen wir nicht, um eine treffliche Analyse (1+1=2) eines jeden Gegenstandes (wir können jedes Hauptwort in der ersten Ableitung unter »Kapitalismus« erfassen) zu bringen. Was die anderen sagen, ist damit schon vom Tisch, weil sie den Gegenstand entweder verfehlt haben oder Antimaterialismus machen (Tuwörter brauchen wir nicht). Ist doch ganz einfach, oder etwa nicht?

Wer das noch nicht verstanden hat, oder sich trotzdem mit den so genannten Inhalten beschäftigen möchte, kann sich auch zu Hause anhören, wie die Sau rauslassen geht. Bei der Konferenz Feel the Difference, dem Ums Ganze Kongress und einer Veranstaltung zur Faschismusanalyse wurde das nicht nur vorgemacht, sondern auch aufgenommen.

Saft.

Friday, 03. October 2008 22:04

Morgen wird gemostet. Wenn ich danach noch Lust haben sollte, zeige ich meiner urbanen Leserschaft, woraus Apfelsaft gemacht wird. Die wichtigste Zutat verrate ich aber schon jetzt: Leere Flaschen - und sauber müssen sie sein. Bevor mir am Ende nachgesagt wird, ich würde Saft auf die Mühlen der DIY-Apologeten gießen, weise ich noch darauf hin, dass Flaschen nicht auf Bäumen wachsen. Erinnern wir uns an den Lektürekurs: »Rohmaterial ist der Arbeitsgegenstand nur, sobald er bereits eine durch Arbeit vermittelte Veränderung erfahren hat.« Wir benötigen zunächst schmutzige Flaschen, eine Bürste, Spülmittel, Wasser und unsere Arbeitskraft.

Leere Flaschen

Wenn das zu langweilig sein sollte, kann man nebenbei auch Mitschnitte einer Antifa-Konferenz hören, die man in der Nachbarschaft gefunden hat; macht’s aber ehrlich gesagt auch nicht viel besser.

Du bist, was du isst

Thursday, 02. October 2008 17:59

Die kleine Schwester meiner Nachbarin findet mich nicht attraktiv. Das ist nicht weiter problematisch, hat mich aber eben für ein paar Sekunden an meiner Selbst zweifeln lassen. Nicht grundsätzlich, versteht sich; aber immerhin an der Gestalt, die da gerade bei offener Tür zu Abend aß (Aas aß, um genau zu sein), als sie vorbei gelaufen ist und neugierig um die Ecke spähte. Ihren Ausdruck nackten Entsetzens werde ich so bald nicht vergessen.

Bratwurst, Kartoffelbrei, Sauerkraut und jede Menge Senf. Sie hätte es vielleicht »Herrenspeise« genannt, würde das nicht eigentlich etwas anderes meinen, und wäre ihr dieser vorwurfsvoll-ironische Begriff in den Sinn gekommen. Statt dessen hat sie nur gestarrt.

Ich habe den Fehler natürlich sofort bei mir gesucht und dank meines langjährigen Vegetarierdaseins auch gefunden. Flashback: Hass auf die Nahrung, auf den Metzger und auf mich - für mindestens 10 Sekunden. Sie war natürlich längst wieder verschwunden und weiß vermutlich nichts von unserer intimen Verbindung. Trotzdem bin ich ihr sehr dankbar für diese lustig Spiel mit meinem Gehirn. Vielleicht kommt sie ja noch einmal wieder, und ich bekomme die Chance, mich angemessen zu bedanken. Ich werde vorbereitet sein.

Cthuloide Bücher

Tuesday, 30. September 2008 23:17

Der Newsletter Cthulhu-Libria hält interessierte Menschen über neue deutschsprachige Lovecraft-Derivate auf dem Laufenden. Heute ist die zweite Ausgabe (pünktlich) erschienen, und sie macht einen ebenso guten Eindruck wie die erste. Wer Interesse hat, soll sich anmelden - ist für den fleißigen Macher wohl auch spannender, wenn mehr als 14 Leute mitlesen.